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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Februar 2016

 

 

Montag, 29. Februar 2016

 

Aus: „Geöffnetes Buchenauge“

[...]

6

Die Stellungnahmen der Gräser,
die Stellungnahmen von Falke und Maus ...
In den Büchern kämpft Gut gegen Böse.
Doch in der Welt über den Seiten
scheint nur Falschheit gegen Falschheit zu stehen.

Wenn einer sich ziehen lässt
in ihren Kampf, gebären sie
eine Realität, die sich über die Kiefern legt,
die den Blick für die wilden Blumen
umschleiert.

Nur das, was nicht kämpft, ist wahr,
weil es nicht in Frage gestellt ist,
weil es wie die Schwerkraft oder die Bäume im Wald
den Raum bildet für das, was dann kämpft,
was eine Wahrheit erst sein will.

[...]

 

 

 

 

Sonntag, 28. Februar 2016

 

Winterland.
Am Fluss ein alter Mann
schnürt seine Schuhe.

 

 

Samstag, 27. Februar 2016

 

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Freitag, 26. Februar 2016

 

„Kuckuck, Kuckuck, blöder Kuckuck, ich kuck die Kuckucksuhr einfach nicht an“, piept Anton aufgebracht.

„Warum denn?“, piept Karl.

„Im Fernseher unter der Uhr kam gestern ein Film über den Kuckuck“, Anton reißt voller Empörung die Augen doch wieder auf und hüpft auf dem Scheunendach. „Und weißt du, was der Kuckuck macht? Er legt sein Ei in ein fremdes Vogelnest. Und wenn das Junge geschlüpft ist, wirft es alle anderen Jungen hinaus!“

„Oh!“, piept Karl.

„Ja!“, piept Anton und schließt die Augen wieder ganz fest.

„Und weshalb machst du dann die Augen zu?“

„Aus Protest! Das geschieht dem Kuckuck ganz recht!“ Anton nickt fest.

„Dass du ihn nicht mehr siehst?“

„Genau!“

Karl macht auch versuchsweise die Augen zu – und öffnet sie gleich wieder.“

„Vielleicht kann der Kuckuck nicht anders“, piept er.

„Sollte er aber, wenn er will, dass ich meine Augen je wieder öffne!“, piept Anton.

„Wenn du mal ein Mücklein fängst und verspeist, vielleicht ist das Mücklein auch nicht damit einverstanden.“

„Das ist mir egal“, piept Anton, öffnet aber doch kurz ein Auge, um zu schauen, was Karl macht.

„Und wenn das Mücklein die Augen zumacht?“, fragt Karl nach.

„Dann auch“, bekräftigt Anton. Aber dann macht er doch beide Augen wieder auf und piept: „Das ist doch etwas ganz anderes. Mücken sind uns von der Natur und überhaupt als Nahrung gegeben, da kannst du jeden fragen! Und wenn er etwas anderes sagt, dann lügt er! Aber hilflose junge Vöglein aus dem Nest zu werfen – dass jemand so etwas macht! Das ist wider die Natur!“

„Außer der von Kuckucken.“

„Außer der von Kuckucken“, gibt Anton zu.

„Weißt du was?“, piept Anton nach einer Weile. „Wir vergessen das ganze Augen auf- und zumachen einfach, nageln keine Kuckucksuhr an die Wolken und fangen Mücken, wie wir das immer getan haben. Diese ganze Folytophie führt doch zu nichts und macht nicht einmal Spaß!“

„Philosothie“, verbessert Karl. Dann werfen sie sich für eine Mückenjagd hinein in den Himmel .

 

 

Donnerstag, 25. Februar 2016

 

Neuschnee.
Am weißen Gras zupfen
Wildgänse.

 

    Zugfahrt von Tübingen zum Seminar nach Horb am Neckar

 

 

Mittwoch, 24. Februar 2016

 

Rauschen ums Ohr

Rauschen ums Ohr,
seit Kindheitstagen pfeifende Luft,
den weiten Weg aus Wolken hinein
ins Schachbrettmuster
der Erde ...

Sind wir „Engel, die fallen“?,
Schneeflocken, Sterne, Hagelkristalle?
Wir werden schmelzen im Flug.

 

    Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Dienstag, 23. Februar 2016

 

„Immer nur Sonnenuhren“, piept Anton.

„Und Kirchturmuhren“, ergänzt Karl sofort.

„Na gut, am Bahnhof steht auch eine Bahnhofuhr – aber weißt du, was oberspatzensuper wäre?“ Anton wippt mit dem Schwanz.

„Was denn?“, piept Karl.

„Ich träume von einer Kuckucksuhr“, fantasiert Anton und schließt die Augen. „So eine wie Schmidts sie im Wohnzimmer hängen haben, vom Balkongeländer aus sieht man sie gut!“

„Was willst du mit einer Kuckucksuhr?“, piept Karl.

„Was willst du mit keiner Kuckucksuhr?“ Anton reißt die Augen wieder weit auf.

„Bei Schmidts hängt die Uhr an der Wand“, setzt Karl an. „Wo willst du sie denn hier draußen aufhängen?“

„An den Wolken vielleicht“, piept Anton.

„Die fliegen davon“, piept Karl.

„Wir fliegen ihnen nach – oder warten einfach, bis sie wiederkommen.“

„Einmal rund um die Welt“, Karl kratzt sich mit dem Flügel am Kopf. „Wie lang das dauern wird?“

„Ohne Kuckucksuhr dauert es jedenfalls ewig“, behauptet Anton.

„Stimmt“, gibt Karl nach.

„Also abgemacht?“, piept Anton.

„Abgemacht!“, piept Karl.

„Jetzt brauchen wir nur noch eine Kuckucksuhr“, piept Anton.

„Und Nagel und Hammer dazu!“

 

 

Montag, 22. Februar 2016

 

Wie im Amselgesang
der Efeu noch dunkler wird.
Knospender Wald.

 

Ein Absperrband
über dem Weg in die Zukunft.
Amseljubel.

 

 

Sonntag, 21. Februar 2016

 

Der Horizont und der Kräutergarten

„Wie ist das eigentlich mit dem Horizont?“, fragte Schummelfix. „Immer wenn ich ihn besuchen will, weicht er mir aus.“

„Du solltest lieber einmal mit mir unseren Garten besuchen“, meinte Ohme Besenstrich. „Der liegt direkt hinter unserem Haus, weißt du noch? Und dort gibt es gerade viel zu tun.“

„Ja, die Erdbeeren schmecken gut“, antwortete Schummelfix und fuhr sich mit der Hand über den Mund .

„Ich meinte eigentlich die Gartenarbeit“, sagte Ohme Besenstrich und sah ihre Tochter streng an.

„Vielleicht ist es das“, überlegte die. „Vielleicht weicht mir der Horizont immer nur aus, weil er meint, ich wolle ihn arbeiten lassen, für irgendwelche Zwiebeln, Tomaten oder gar diesen blöden Knoblauch. Ich muss ihm sofort erzählen, dass das gar nicht stimmt.“

Sie packte ihren Besen und wollte durch das offene Fenster springen, aber Ohme Besenstrich erwischte sie am Kragen und hielt sie zurück.

„Weißt du was?“, meinte sie. „Du solltest deinem Horizont ein Geschenk mitbringen, wenn du ihn besuchen kommst. Vielleicht flüchtet er dann nicht gleich, wenn er dich sieht.“

„Vielleicht, vielleicht“, murmelte Schummelfix und rieb sich den Nacken.

„Und ich weiß auch schon ein passendes Geschenk für ihn“, sagte Ohme Besenstrich. „Ein paar Tomaten, ein paar Zwiebeln und etwas Knoblauch, das wird ihm gefallen. Und nun ab in den Garten, das alles wächst nämlich nicht ganz von alleine!“

 

 

 

Samstag, 20. Februar 2016

 

Aus der Sequenz: Lieder der Stadt

[...]

5

Ausblenden das Wissen, das jeder hat,
das festgeschrieben ist in jeder Faser des Leibes,
das Wissen vom Wasser, von der weiten Ebene,
vom hohen Gras, von der Linie des Horizonts.

Schlag die Stille tot,
in die sonst nur das Leben spricht und dir Dinge sagt,
die du nicht hören willst,
du könntest sonst bloß noch knirschen
mit zusatzversicherten Zähnen.

6

Natürlich, jeder möchte mal Backsteine werfen,
in die Fressen der Schaufensterpuppen,
und wählt sie dann alle paar Jahre ins Hohe Haus.
Es sind die kleinen Anhänglichkeiten,
es ist das Bedürfnis, dass alles sicherheitshalber
so schlecht bleibt, wie es ist, bekannt und gemütlich,
eingerichtet auf einer Rutsche. Stell dir vor,

der Nachschub an Alkohol
käme ins Stocken! Auch brauchst du
die Backsteine selbst, für den Anbau
eines Wintergartens an das geerbte Haus.
Aufbauen, auf Sand, immerhin, positiv.
Aber „Die Perspektive fehlt“,
sagte am Haken der Fisch.

7

Doch so ist der Mensch:
An jedem Morgen beginnt er wieder zu hoffen,
auf einen Stromausfall etwa,
auf eine Niederlage, nachdem die Siege
immer weiter in die Mythe gerückt sind,
in die Röte des Sonnenuntergangs
hinter der grauen Front
bonbonwerfender Soldaten.

[...]

 

    Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Freitag, 19. Februar 2016

 

Ein Baum wirft seine Schneelast ab, gerade als Prinz Vogelfrei unter ihm durchgeht. Der bleibt stehen, schüttelt sich. Dann schaut er hoch und meint: „Kannst du nicht warten, bis ich durch bin?“

Hofmeister Grille schweigt. Sie kennt die Bäume im Wald recht gut. Sie weiß, wie störrisch sie sind und wie schlecht sie hören. Gute Ohren, so zirpt sie vor sich hin, sind eine Gabe der Menschen und Grillen.

 

 

Donnerstag, 18. Februar 2016

 

Wanderung im Nord-Schwarzwald: Bad Wildbad – Wildsee – Grünhütte – Bad Wildbad. Wir kommen aus der Nässe hinauf in den Schnee. Haiku-Notizen. Was wird davon überleben? Vermutlich nichts.

 

Über dem Läuten der Stadt
Haselkätzchen.
Mein Atem.

 

Fichtenzapfen.
Das Pfeifen erster Vögel
öffnet den Himmel.

 

Vogelpfiffe runden
die Kiesel – Schmelzwasser
springt.

 

Als Dunst steigt der Schnee
wieder zum Himmel.
Tränende Augen.

 

Aufblitzendes Licht –
der Fall eines Tropfens
aus der Schneefichte.

 

Holzstapel
im Schnee. Ein Vogel pfeift
mein Lied.

 

Tropfender Schnee.
Über den Weg verstreut Stücke
von Fichtengrün.

 

Birken im Schnee.
In jedem Zweig spiegeln Tropfen
den Himmel.

 

Birken am See.
Das Knistern
des Lichts.

 

Tropfender Schnee,
der das Licht mitnimmt,
bis auf den Weltengrund.

 

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Mittwoch, 17. Februar 2016

 

Prinz Vogelfrei hüpft auf Steinen über den Waldbach. „Hopp, hopp, hopp und hopp!“ Am anderen Ufer blickt er zurück in das Strömen.

„Teilen die Wasser das Land oder verbinden sie es?“, murmelt er.

Eine Forelle springt und schnappt sich eine unvorsichtige Mücke.

„Der Himmel liegt über allen Wassern und Ufern, der jedenfalls verbindet alles“, zirpt die Grille in seinem Beutel.

„Aber Frieden hat man nicht einmal dort.“ Prinz Vogelfrei seufzt.

 

 

Dienstag, 16. Februar 2016

 

2016-02-16 14-01-45 0875 Kamilleblüten Acker bei Weil im Schönbuch

 

Die Natur beim Lernen ertappt: Kamilleblüten im Februar! Wenn sich das Klima dauerhaft umstellt, wird sich die Blütezeit der Kamille entsprechend anpassen.

Besonders interessant aber: Dieses Lernen basiert auf Vergessen.

Dieser Kamillestrauch hat „vergessen“, wann die „richtige“ Blütezeit ist und eine falsche (oder gar keine besondere) erinnert. Über dieses Vergessen streut die Natur ein paar ihrer Kinder über alle Jahreszeiten. Und wenn sich das Klima tatsächlich ändert, liegen manche davon richtig und retten die Kamille in neue Verhältnisse hinüber.

Für diese verschwenderische Art des Lernens (das weitaus meiste Gestreute geht unter) ist ein riesiger Reichtum und Überschuss nötig. Wir leben in ihm.

 

 

Montag, 15. Februar 2016

 

Wachstumszahlen
der Schneeglöckchen. Ein Müllmann
raucht Zigarre.

 

 

Sonntag, 14. Februar 2016

 

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Samstag, 13. Februar 2016

 

Efeubeeren.
Eine Amsel dreht den Kopf,
schweigt.

 

 

Freitag, 12. Februar 2016

 

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Donnerstag, 11. Februar 2016

 

Ein öffentlicher Vortrag von Wolf Singer (Hirnforscher) in Tübingen. Das Interesse ist groß, der Hörsaal reicht nicht aus, es muss in einen zweiten übertragen werden.

Nach der Diskussion reibe ich mir die Augen. Kann es sein, dass sich seit meinem Studium (nunmehr doch drei Jahrzehnte vorbei) nichts weiter getan hat? Nur immer weiter denselben Weg? Nur ein paar Schaltkreise mehr erforscht, ein bisschen Mehr von der Architektur? Und habe ich diesen Eindruck nicht auch von anderen Wissenschaftsgebieten: Fleißige Arbeiten auf demselben einmal eingeschlagenen Weg?

Was ist los mit der Wissenschaft? Ist es vielleicht so, dass alles zu sehr spezialisiert ist, als dass Änderungen des Blickwinkels oder der Orientierung noch möglich wären, die eben mehr als Spezialwissen erfordern, sondern einen Gesamtüberblick? Spezialwissen geht nur immer tiefer in Verästelungen hinein. Ja, ich glaube, dass Spezialisierung festlegt und Veränderungen verhindert!

Und noch etwas anderes bekümmert mich nun, während die Menschen aufstehen und den Saal zu verlassen beginnen: Singer kam auf die Konstruktion der Wirklichkeit zu sprechen, die bei jedem Menschen je nach sozialer und kultureller Einbettung sowie der genetischen Grundlage etwas anders erfolgen muss. Die wissenschaftlichen Ergebnisse dazu sind ganz klar. Und Singers Ansicht, dass daraus Toleranz gegenüber anderen Weltsichten als die eigene folgen müsse, ist eigentlich selbstverständlich. Aber nach Jahrzehnten der Forschung und der Publikation habe ich einen sehr deutlichen Eindruck, dass diese Toleranz stark abgenommen hat, dass inzwischen jeder der öffentlich Agierenden der Ansicht ist, selbst über „die Wahrheit“ zu verfügen und sie den störrischen anderen lediglich noch beibringen zu müssen.

Ein guter Vortrag. Der traurig macht, weil er zeigt, dass die Drift der Zeit über alles Wissen und alle Erkenntnis hinwegspült.

 

 

Mittwoch, 10. Februar 2016

 

Prinz Vogelfrei legt sich hin, auf den Bauch, ins Gras vor die Schneeglöckchen. Er lauscht.

„Was willst du denn hören?“, zirpt Hofmeister Grille.

„Das Kommen des Frühlings, das Läuten der Glocken“, flüstert Prinz Vogelfrei.

„Ich höre nichts“, zirpt die Grille.

„Es ist nicht mit den Ohren zu hören, sondern mit dem, das wach wird, wenn der Verstand es nicht mehr zudecken will.“ Die Stimme des Prinzen ist noch leiser geworden.

„Und dafür wirfst du dich hin und öffnest die Ohren?“, zirpt die Grille. „Gesetzt denn, es gäbe da etwas, es bräuchte andere Ohren als die, die du ihm nahe bringst.“

„Aber durch dieses Lauschen mit den Ohren, auch wenn es selbst nichts erreicht, stimme ich meinen ganzen Körper und meinen ganzen Geist auf das Lauschen ein“.

Hat Prinz Vogelfrei wirklich noch etwas gesagt? Die Wiese scheint ganz zum Lauschen zu werden und zu einem Gesang des Lebens.

 

 

Dienstag, 9. Februar 2016

 

Schneebeeren
im Regen. Meine Unzufriedenheit
mit den Träumen.

 

 

Montag, 8. Februar 2016

 

Linien
Perspektivwechsel

Ein großes Blatt Papier auf dem Boden, mit Kieseln beschwert, die es hal ten. Ringsum wächst Gras, es steht hier und da über, wirft Schatten auf das weiße Papier.

Eine Linie erscheint auf dem Blatt, wird langsam größer und deutlicher, sie malt sich selbst. Du beobachtest ihr Wachsen. Sie ist ganz gerade.

Die Linie krümmt sich nun. Langsam biegt sie sich immer mehr. Die Enden finden sich, die Linie bildet Ovale und dann einen Kreis.

Der Kreis zerbricht. Die Linie zieht Kurven und Zacken über das Papier.

Ein Ende der Linie geht über den Rand des Papiers hinaus, verläuft sich im Gras.

Die Linie ist zu einer Wurzel geworden, verästelt.

Stichworte: Ein großes Stück Papier auf dem Boden – eine Linie erscheint – wird zum Kreis – zerbricht und zieht Kurven – geht über das Papier hin aus ins Gras – wird zur Wurzel.

Der Gang durch eine Stadt zeigt: Alle Linien sind geradegezogen, sie treffen strikt aufeinander, sie bilden klare Ecken und Kanten. Der Mensch neigt bei seinen Gestaltungen offenbar sehr zur geraden Linie. Selbst der Natur drängt er sie auf, wenn er kann. Bäche und Flussläufe sind begradigt, und da das ihrer Natur widerstrebt, mit Steinen und Beton gesichert.

In dieser Imagination wird damit gespielt. Die Linie wird verändert und schließlich sich selbst überlassen. Die künstliche Form der Linie wird zur natürlichen, zur Wurzel. Sie geht über den theoretischen Rahmen hinaus, übers Papier, und findet die Erde.

    Aus: Volker Friebel (2014): Aufbrüche – Die Kraft der inneren Bilder zur Selbstveränderung. Tübingen: Edition Blaue Felder. Neuausgabe eines unter anderem Titel  1998 im Walter-Verlag, Zürich, veröffentlichten Sachbuchs.

 

 

Sonntag, 7. Februar 2016

 

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Beim Blick in ein Kindergesicht: Wie alt ich geworden bin! Und schon als Kind fiel mir auf: Je größer ich werde, umso kleiner werden meine Träume.

 

 

Samstag, 6. Februar 2016

 

Prinz Vogelfrei blickt zum Himmel auf und seufzt: „Ach, könnte ich auch so frei durch mein Reich wandern wie die Wolken durch ihren Himmel!“

„Die wehen immer im Wind“, zirpt Hofmeister Grille.

„Wie der Wind will ich sein, wie der Wind“, seufzt Prinz Vogelfrei.

„Was wäre der Wind ohne die Wolken, ohne Blätter und Haar, ohne Worte und Lied“, zirpt die Grille.

 

 

Freitag, 5. Februar 2016

 

Im Jahre 392 verbot der christliche Kaiser alle Kultstätten, außer der eigenen. Delphi, schon vorher stumm geworden, verfiel. Von den Hängen der Schlucht lösten sich Felsen und begrub den verlassenen Ort. Die Erde nahm, was nicht schon geraubt war. Ziegenhirten errichteten Hütten im neu aufgeschossenen Gras. Den alten Weg gingen nun sie. Dann wurde eine Autostraße gebaut und auch der Pilgerweg vergessen. Wilde Gräser eroberten den Stein.

Das Land ist immer noch da, hier, am Hang des Parnass, wo die Musen wohnen, wo Tauben fliegen. Der Kaiser hat abgedankt.

Vielleicht, wenn einer die Worte und Bilder als Worte und Bilder erkennt, lässt er auch andere neben den eigenen gelten. Weil alles, was sich aufrichtig müht, eine Ansicht der Wahrheit in sich trägt, die Wahrheit aber nicht durch ein Bild oder ein Wort alleine ausgedrückt werden kann, zu ihr sich aber die vielen Bilder und Worte ergänzen.

Vielleicht sind es Blumen. Und die Wahrheit ist eine Bergwiese. Hier auf dem Parnass. Vielleicht verwandelt sich hier alle Metaphysik zurück in Natur.

Pfad zur Quelle –
ein Schmetterling stürzt über Blumen
ins Tal.

 

    Aus: Wanderung zur Kastalischen Quelle. Enthalten in: Volker Friebel (2015): Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 4. Februar 2016

 

Früher dachten politische Menschen in Deutschland, die Überwachung der Menschen durch einen Geheimdienst sei ganz schlimm und ein Merkmal ,totalitärer' Staaten.

Später dachten sie, die Überwachung der Menschen sei ein notwendiges Übel.

Dazwischen wurde offenkundig, dass unsere eigene Überwachung allumfassend ist.

,Totalitäre' Staaten finden diese Leute aber immer noch gleich schlimm und ,uns' selbst finden diese Leute immer noch gleich gut.

Die ,Miasanmia'-Philosophie zeigt sich hier dadurch, dass sich durch die Aufdeckung des Sachverhalts ,Überwachung' nicht das Verhältnis zu uns selbst verändert (bzw. zum eigenen Staat), sondern das Verhältnis zur Überwachung.

So könnten sämtliche Unterschiede zwischen ,uns' und ,totalitären' Staaten verschwinden, die Anhänger der Miasanmia-Philosophie würden weder ihr Verhältnis zu uns selbst noch zu ihren erkorenen Feinden ändern. Weil schließlich bestehen bleibt, dass wir wir sind und die anderen die anderen.

 

    Notiz aus 2013

 

 

Mittwoch, 3. Februar 2016

 

Die Machtlosigkeit des Menschen in der verwalteten Welt. Aber: „In meiner Macht stand es, mich nicht zu fügen, und ich habe mich nicht gefügt.“ (Alexander Herzen: Briefe aus dem Westen. Nördlingen: Franz Greno, 1989. Aus: Vom andern Ufer, Lebt wohl, Paris, den 1. März 1849, Seite 134.)

 

 

Dienstag, 2. Februar 2016

 

Inschrift

Am Steinhaus im Wald:
„Mach nur die Augen auf.
Alles ist schön!“

Der Putz ist grau,
blättert hier und da ab.
Die Schrift ist aus Kohle.
Darunter ein offenes Auge,
und, schwarz ausgemalt,
ein Herz.

Vom Dach tropft Schnee.
Die Sonne scheint, wirklich.
Ein Specht klopft.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Montag, 1. Februar 2016

 

Nach einer Radfahrt quer durch die Stadt und dem Einkauf im Supermarkt suche ich meine Eindrücke zusammen: Nach fast vier Wochen Chile und Argentinien fällt mir auf, wie ich mich anpasse, wie ich im Verkehr rascher und schroffer werde. Selbst im Vergleich zur 15-Millionen-Stadt Buenos Aires ist der Verkehr in der Kleinstadt Tübingen unübersichtlich, schneller, aggressiver, unduldsamer.

Dankbar werde ich allerdings schon an der guten Luft, an ihrer Frische und relativen Reinheit. Und dankbar nochmals im Supermarkt. Ich bezahle 19 Cent für 1,5 Liter Mineralwasser. Und frage mich wieder einmal, wie die ärmeren Menschen in weiten Teilen der Welt es machen, 1 Euro und mehr für dieselbe Menge auszugeben – ohne die Möglichkeit, sauberes Wasser auch aus dem Wasserhahnen abfüllen zu können. Vermutlich trinken sie eben doch Leitungswasser.

„Die sind es gewöhnt und nicht so empfindlich wie wir“, könnte man sagen. Aber die Sterbezahlen, besonders bei Kindern, legen eine andere Sichtweise nahe.

Überhaupt sind bei uns die Lebensmittel sehr billig. Und trotzdem vergleichsweise hochwertig. Wahrscheinlich sind sie zu billig, wahrscheinlich wären höhere Preise besser. Trotzdem finde ich den Preisdruck, den die Supermärkte erzeugt haben, gut, gerade im Vergleich zur Kiosk- und Tante-Emma -Kultur in großen Teilen der Welt.

Man mag erst denken: Durch viele kleine Läden sind die Preise zwar höher, aber dafür haben mehr Menschen ein Einkommen als Verkäufer. Für die Armen, die keinen Laden haben, sind die Preise aber sehr hart. Und viele kleine Läden legen auf die Beibehaltung prekärer Beschäftigungsverhältnisse fest.

Mir fällt die Postzustellung ein, ein Beispiel, wie eine Orientierung in diese Richtung aussehen kann: Statt durch ein Monopolunternehmen werden heute durch ein Dutzend privater Firmen Pakete verteilt, statt einem Wagen fahren täglich ein halbes Dutzend an meinem Haus vorbei, für diese eine Aufgabe braucht man im Land nun deutlich mehr Menschen als früher, als Austräger und in den vielen Verwaltungen.

Da sind nun also mehr Menschen als vorher beschäftigt, die Regierung muss weniger Arbeitslose registrieren. Die Beschäftigungsverhältnisse sind allerdings fast alle sehr schlecht, kaum einer bleibt lange dabei. Die Arbeit „Paketversand“ ist, auf den Staat bezogen, wesentlich ineffizienter als früher – für eine leichte Beschönigung der Arbeitslosenzahlen.

 

 

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