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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Dezember 2015

 

 

Donnerstag, 31. Dezember 2015

 

Traum

Letztendlich ist alles Dichtung,
der Quell, das Haus, der Baum,
im Wald beschworene Lichtung,
manche sagen: Traum.

Auch Träume erschaffen Leben,
auch Träume besamen die Zeit,
auch ihre Fäden weben
Wahrheit, aus Freude und Leid.

Wasser ist Wasser, Stein ist Stein.
Du gehst den Weg nicht allein.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Mittwoch, 30. Dezember 2015

 

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Das Bild zeigt Hohenkrähen, den markantesten aller Vulkane im Vorzimmer des Bodensees, im Hegau, Station auf einer Fahrt von Tübingen zur Insel Reichenau. Der erstarrte Vulkan trägt die Ruine einer Raubritterburg.

Eine halbe Stunde später stehen wir auf der Reichenau.

Wenig über vier Quadratkilometer umfasst die Insel. Heute wird hier Gemüse angebaut und Wein, das Klima ist mittelmeerisch, Fische werden gefangen.

Vor tausend Jahren war dies eine der wichtigsten Kulturstätten Europas. Doch von all den Bücher, die im Kloster entstanden, ist kein einziges mehr auf der Insel. Sie sind verstreut in alle Welt.

Wir sind nun hier. Doch an uns – so der Fremdenführer in St. Georg – erinnert sich in weiteren tausend Jahren niemand mehr.

„Hoffentlich nicht!“, murmle ich und denke an das Versagen unserer Zeit.

Ende des 9. Jahrhunderts wurde die Kirche erbaut, für eine Reliquie: die Schädeldecke des heiligen Georgs, die ein Papst dem Abt des Klosters mitgab.

Ich stehe vor einer Figur des Ritters und runzle die Stirn. Wer ist der Drache, dem er den Speer in den Rachen stößt? Es ist der, der das Land noch immer verwüstet und die Hand der Königstochter einfordert.

 

 

Dienstag, 29. Dezember 2015

 

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Montag, 28. Dezember 2015

 

„Was war denn das für ein Rabauke?“, zirpt die Grille aus dem Brustbeutel.

„Der Gnom an der Schranke?“, fragt Prinz Vogelfrei. „Das war einer der edlen Wächter des Waldes. Sein Volk diente schon meinen Ahnen.“

„Und wenn einer „Ruckel-Räupchen“ sagt, lässt dieser Wächter ihn durch?“

„Du bist womöglich zu nah an der Oberfläche des Gesprächs“, sagt der Prinz und streicht sich über die Haare.

„Vielleicht war es allerdings das Wort. Aber vielleicht war es, wie ich das Wort betont habe. Vielleicht war es meine Stimmlage über die Dauer des Gesprächs – ob sie zitterig wurde oder fordernder oder unbewegt blieb. Vielleicht war es mein Geruch. Vielleicht war es, weil ich nicht aufgab, sondern mich immer weiter bemüht habe.“

Er fängt an zu singen: „Jedenfalls sind wir durch, sind durch!“

Sie wandern dem Bachlauf entgegen.

 

 

Sonntag, 27. Dezember 2015

 

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Samstag, 26. Dezember 2015

 

Die Wiese endet, der Wald beginnt. Doch eine Schranke versperrt den Weg. Prinz Vogelfrei bleibt vor ihr stehen und kratzt sich hinter dem Ohr.

Der Gnom, der auf der Schranke sitzt, kratzt sich hinter seinem anderen. „Durchgang verwehrt – Antwort begehrt“, brummt er ultrabasstief und furzt.

Prinz Vogelfrei rümpft die Nase.

„Muckel-Mäupchen“, grient der Gnom.

„Huckel-Stäubchen“, Prinz Vogelfrei versucht sein Glück.

„Duckel-Täubchen“, der Gnom lässt die Antwort nicht gelten.

„Suckel-Schräubchen“, behauptet Prinz Vogelfrei.

„Schuckel-Läubchen“, kontert der Gnom.

„Nuckel-Säubchen“, setzt Prinz Vogelfrei nach.

„Fuckel-Näubchen“, wehrt der Gnom ab.

„Stuckel-Käubchen“, hilft die Grille aus dem Brustbeutel von Prinz Vogelfrei aus.

„Guckel-Gäubchen“, antwortet der Gnom mit letzter Kraft.

„Ruckel-Räupchen“, rufen Prinz Vogelfrei, die Grille und die Eule im Chor.

„In Würde verlieren – er darf passieren!“ Der Gnom plumpst von der Schranke, die sich ächzend auftut. Er tupft sich mit einem Taschentuch das schweißnasse Gesicht.

Prinz Vogelfrei aber grüßt ihn freundlich. Dann macht er sich auf, hinein in den Wald seiner Vorfahren.

 

 

Freitag, 25. Dezember 2015

 

Ich höre alte Lieder. Aus dem unveröffentlichten „Ringe um Ringe“:

„Wenn die Worte versagen,
schaut der Himmel dich an.

[...]

Der Junge ist stehengeblieben und lauscht.

[...]

Augen, nur Augen – und weiches Licht.
Zwischen zwei Worten dehnt sich das Meer.

[...]

Der Stamm ist morsch, die Axt holt aus.
Doch Zwillingskirschen baumeln am Ohr.

[...]

Ringe um Ringe, unter der Rinde vermählt.

 

Aus dem nächsten, „Im Raureif“:

„knie dich hin und greif in den Schnee,

[...]

Aus deinen Augen bröckeln Werbefilme,
Bild um Bild fällt am Leben vorbei.
Immer sind wir einfach gestanden um dich
und du gingst umher.

[...]

und du griffst in die fallenden Blätter
und hieltst eines auf.

[...]

Was hast du von deinem Leben gewollt?

[...]

nun kniest du, nun hältst du
die leere Hand in das Licht.

 

 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

 

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Mittwoch, 23. Dezember 2015

 

Lange stand Prinz Vogelfrei in der Abenddämmerung, sah vom Hügel hinunter auf das Dorf und sann vor sich hin.

„Von hier oben sieht alles so freundlich und friedlich aus. Das scheint mir der richtige Abstand zu den Menschen zu sein!“, zirpte Hofmeister Grille von ihrem Aussichtsplatz auf seiner Schulter ihm in das Ohr.

Ratgeber Eule hatte es sich auf einem Baumstumpf bequem gemacht: „Auch für die Menschen siehst du aus diesem Abstand am weisesten und am ehesten wie ein zukünftiger König aus. Man sieht auch die Flicken der Jacke nicht so. Hier sollten wir bleiben“, meinte sie sanft.

Prinz Vogelfrei seufzte, griff nach seinem Wanderstab und setzte sich in Bewegung. „Aber etwas zu essen und ein Bett bekommen wir nur dort.“

 

 

Dienstag, 22. Dezember 2015

 

Schlimmer als Unwissen ist Wissen – weil Wissen immer nur ein Zu-wissen-glauben sein kann. Weil es damit verhärtet und unfrei für die Wirklichkeit macht.

    Eine Notiz aus dem November 2003.

 

Wissen wird allerdings höchst wertvoll, wenn es gelingt, ihm gegenüber unabhängig zu bleiben und offen für seine Veränderung. Kann das jemand? Mir fällt es schwer.

 

 

Montag, 21. Dezember 2015

 

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ (Albert Einstein)

Die meisten Bücher und Filme über die Zukunft sind allerdings ausgesprochen negativ. Ebenfalls mit Albert Einstein lässt sich deshalb sagen:

„Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug.“

 

 

Sonntag, 20. Dezember 2015

 

Das ewige Licht

Nie sind die Straßen voller als in den Tagen
der Freude, Kasimir, Balthasar, Melchior
drängeln in Millionen Versionen,

die Sterne hängen so niedrig,
aufgereiht an Drähten über der Straße,
oder in Weihnachtsschaufenstern,

umstellt bist du bald, von Lichtern,
von blinzelnden Puppen, von Haufen
schönen Papiers, von Glöckchen,

Nussknackern, Glasperlen,
fast echtem Schmuck, von Kameras,
die jede Bewegung festhalten,

umstellt ist dein Herz, weil es so viel
zu geben hat, aber nicht weiß was oder wie,
weil es so unsicher ist,

ob alles denn auch schon genügt,
weil der Horizont so weit weggerückt ist,
dass es die Nähe kaum sieht,

in Hochhausschluchten,
und das eigene Pochen
nicht mehr vernimmt.

Der Geschichtenerzähler schlägt
eine Seite um: „Was du greifen kannst,
ist wenig wert, nur das gilt,

was sich in deinem Herzen ereignet.“
Er erzählt von der Reinheit des Schnees,
von der verschneiten Quelle, vom Licht,

vom armen Mädchen, vom Prinzen,
erzählt von der Stille, von der Berührung
des anderen.

Er erzählt von Gut und Böse,
vom Reich des Gelds und dem deines Herzens,
dass es das wirklich gibt,

dass es wirklich so ist wie du weißt,
und anders als dir die Pressevertreter
erläutern.

Kinder stehen und staunen,
in ihren Augen entzündet das ewige Licht.
Vom Himmel fällt Schnee.

 

    Geschrieben 2008.

 

 

Samstag, 19. Dezember 2015

 

„Warum die nur immer wandern müssen!“, tschilpt Anton.

„Weil sie nicht fliegen können – ist doch klar!“, tschilpt Karl.

Die beiden schauen sich an und zucken mit den Flügeln.

„Wodurch wieder einmal bewiesen wäre“, doziert Karl und spreizt sein Gefieder, „dass alles Vermögen des Menschen aus seinem Unvermögen stammt.“

„Und woher stammt unser Vermögen?“, fragt Anton neugierig.

„Was für ein Vermögen?“, piept Karl.

„Dass wir fliegen können“, präzisiert Anton.

„Das können wir einfach nur so“, piept Karl – und sie fliegen davon.

 

 

Freitag, 18. Dezember 2015

 

Offenes Scheunentor.
Das Beil im Hackklotz – durchzogen
vom Berg.

 

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Donnerstag, 17. Dezember 2015

 

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Auf dem Feldberg-Gipfel gehen wir durch eine Wolke. Unsere Haare werden klatschnass. Im treibenden Dunst suchen wir den Pfad hinunter zum Feldsee.

Der Bannwald steigt mit uns hinab bis an das Wasser. Wellen spiegeln eine vergangene Zeit. Wurzeln . Felsblöcke. Schmelzbäche springen aus der Höhe zurück in das Licht.

 

 

Mittwoch, 16. Dezember 2015

 

2015-12-16 15-51-28 0692 Bergpfad Fichten Dunst Aufstieg Hinterzarten - Naturfreundehaus Feldberg 450x600 95%

 

Schneeflecken.
Ein Wanderer tanzt zwischen Wänden
aus Fichtengrün.

Auf dem Bergpfad. Begleitet vom Wind. Nasse Wurzelstöcke. Steine. Am Spähneplatz lag harscher Schnee, zu Eisplatten festgetreten. Auch der Pfad geht hier und da durch Schneereste. Die Dämmerung, obwohl noch vor 16:00 Uhr, hat an diesem trüben Tag schon eingesetzt. Luftfeuchtigkeit: 100%. Tropfender Wald. Links gelegentlich Ausblicke durch Baumlücken auf Fichten an anderen Hängen. Nur der Wind, tropfende Blätter und wir selbst, in diesen Dunst hinein – Atem des Berges, Atem des Himmels, der eigene Atem, alles vermischt sich. Zeitweise ging ich nur im Hemd, ohne Mantel. Leere Heidelbeermatten begleiten den Weg. Unter einigen Fichten liegen sehr viele Zapfen, unter anderen keine. Farn am Wegrand, immer noch grün. Ich freue mich am Verstand meiner Füße.

 

 

Dienstag, 15. Dezember 2015

 

„Wenn ich [...] oder wenn irgend ein anderer kluger, verständiger und erfahrener Mensch plötzlich die Mauern niederrisse, die seine wahre Meinung über nahezu alle Dinge unter der Sonne verbergen, würde man daraus sofort schließen, daß er seinen Verstand verloren habe und in die Irrenanstalt gehöre.“

    Mark Twain, Autobiographie, aus dem 75. Kapitel, dieses Kapitel wurde am 13.01.1908 geschrieben

 

Wie wenig sich die Zeiten doch ändern, auch wenn sich alles völlig zu ändern scheint.

 

 

Montag, 14. Dezember 2015

 

2015-12-13 12-07-09 0242 Gänse Schwärzloch bei Tübingen 600x444

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem Gatter
hol nur eine Feder – halte sie
in den Winterwind!

Wir stehen am Schwärzloch, einer Ausflugsgaststätte bei Tübingen, hinter dem Hof an der Weide. Ich erinnere mich, wie wir hier schon vor wenigen Wochen standen und Elisabeth mit den Gänsen sprach. Jetzt ist die Herde auf ein kleines Häufchen geschrumpft. Wo sind die anderen?

Im Kaufland habe ich in die Kühltruhen geschaut. Aktuell gibt es sie im Sonderangebot: 2,79 Euro eine Mastgans aus Ungarn oder Polen, 8,99 Euro eine Gans aus deutscher Freilandhaltung. „Je Kilogramm“ steht klein darunter. Immerhin.

Damit dürften der Schwärzloch-Wirtin kaum 20 Euro je Leben bleiben, der Gans gar nichts, außer dem, was sie schon gefressen hat. „Mit Innereien“, steht auf der Verpackung.

Ich sehe, wie diese Marktanalyse Elisabeth Tränen in die Augen treibt. Mir auch. „Aber euer Herz behaltet ihr bis in das Eis“, nicke ich den Gefiederten zu.

Man kann sagen, dass die Wirtin etwas Gutes für die promenierenden Menschlein tut, vor allem für die kleinen, die beim Anblick der Herde zu strahlen beginnen und Grashalme rupfen. Viel Gutes auch für die Gänse selbst, die ohne die Wirtin nicht in der Welt wären, denen sie diese Spanne Leben geschenkt hat. Sie nimmt dafür nur eine kleine Pacht, für ihre eigene Spanne Atem.

Pacht? Ein Geschenk also doch nicht, es ist ein Geschäft. Aber welche der Gänse, könnten sie sich dazu äußern, würde den Preis denn nicht zahlen, einen Lappen Geld für all die schönen Monate im Gras?

Ohne die Wirtin und ihre Karte gäbe es keine Gänse. Wenn alle Menschen aufhören würden, Gänse zu essen, würde das Völkchen nicht frei, sondern ginge zu Grunde, auch diese wenigen Monate würden gestrichen. Aber wenn es entstanden ist, gleich wie und warum, bewegt sich das Leben und strampelt sich frei, und jeder, der es wieder nimmt, selbst sein Schöpfer, macht sich schuldig darum.

Doch ich will nicht weiter hin- und hersinnen. Ich will einfach nur die Gänse bewundern, ihre weiße Schönheit, ihre Freiheit im Gras hinter dem Gatter, das keine in Frage stellt, ihren unverkennbaren Stolz, ihre Aufrichtigkeit, ihren Mut, den sie uns Riesen mit dem Drohen der Schnäbel sofort beweisen.

Und ich freue mich, als sie sofort zu lauschen beginnen, als Elisabeth wieder zu ihnen spricht. Nur noch ganz diesen Moment will ich sein, in dem es keine Probleme gibt, nur die Gänse und wir, gegenüber, zusammen, im Winterwind.

Aber morgen werde ich Vegetarier.

 

 

Sonntag, 13. Dezember 2015

 

Was ich immer wieder bestürzend finde, ist der Gleichklang der Medien, die Schablonenhaftigkeit der „Analysen“, überhaupt das Denken in Schubladen, der manipulative Charakter ihrer Darstellung von Nachrichten, ihr Unwillen zum Führen inhaltlicher Auseinandersetzungen, die Ein-, maximal Zweidimensionalität des ihnen zu Grunde liegenden Weltbilds, die Unfähigkeit zur Selbstreflexion.

Wenn das nur hier und da anzutreffen wäre – kein Problem. Ich sehe das aber durchgehend, sowohl bei den Medien als auch in der Politik. Was können die Gründe dafür sein?

Es wird mehrere haben. Sicher ist es so, dass Politik (Ausübung von Macht und Einfluss) einen bestimmten Typ Mensch anzieht, von dem psychologische Professionen zwar wissen, den sie öffentlich aber nicht zu beschreiben wagen: den intelligenten Soziopathen, mit all seinen Vorzügen und Nachteilen – und Gefahren.

Ich denke, dass es noch ein systemisches Problem gibt, nämlich die Gruppe. Uns, darin aufgewachsen, sind sie so selbstverständlich geworden, dass die Existenz von Parteien als Meinungs- und Handlungsblöcken gar nicht mehr skurril anmutet. Auch nicht, wie dieses System unser ganzes Leben bestimmt. Wie am Prinzip der politischen Partei auch andere Gruppen sich orientieren, etwa durch das „Profil“ von Medien mit den Erwartungen, die es an die angestellten Mitarbeiter heranträgt.

Das Problem mit Meinungsparteien: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass sie von der Meinung der Partei in ihrer Vielfalt abgebildet werden könnte. Aber genau das ist ja das Prinzip von „Partei“: Sie greift nur einen bestimmten Aspekt der Wirklichkeit heraus. Und andere Parteien, so die Hoffnung, greifen andere Aspekte heraus – und in ihrer Pluralität entsteht die Welt im Ganzen wieder, in der Vielfalt der Parteien.

Warum das leider nicht funktioniert, sei hier hinten angestellt und nur auf ein besonderes und sehr existenzielles Problem aufmerksam gemacht, nämlich das Verhältnis zwischen Partei und Individuum.

Menschen sind viel klüger als jedes festgelegte Programm. In jedem von uns gibt es viele Meinungen gleichzeitig, deren Kräfteverhältnis sich fortwährend ändert. Deshalb muss es einen andauernden Konflikt zwischen dem Programm oder dem Profil oder der Gruppenmeinung, die naturgemäß viel gröber und starrer sind, und dem lebendigen Menschen geben.

Wie wirkt das auf die einzelnen Menschen?

Unterschiedlich. Mancher wird sich deshalb von Gruppen und Programmen fern halten oder ihnen mindestens vorsichtig gegenüber stehen. Mancher wird die Gruppe als Chance sehen, durch Einbringen seiner Meinung ein System zu verändern und so auch andere Menschen in diesem System zu beeinflussen.

Ein Grundlagenexperiment der Psychologie (ich zitiere das Prinzip aus dem Gedächtnis): Im Versuch sollen Personen in einer Rede eine bestimmte Meinung verteidigen, etwa Schwangerschaftsabbruch befürworten. Die einen erhalten dafür viel Geld, die anderen nicht. Vor und nach der Rede (und Belohnung) wird erhoben, wie ihre eigene Meinung zum Thema ist. Relevanter Punkt des Experiments: Verändert sich die eigene Meinung durch die Rede? Und verändert sie sich außerdem in Abhängigkeit davon, ob jemand viel oder wenig Geld erhalten hat? Das Ergebnis: Die eigene Meinung verändert sich. Sie nähert sich etwas der Position an, die man öffentlich verteidigen muss. Und: Am stärksten ist das bei denen der Fall, die wenig Belohnung dafür erhalten. Erhält jemand viel Belohnung dafür, verändert sich die Meinung auch, aber geringer.

Die Erklärung des Ergebnisses zieht das Prinzip der kognitiven Dissonanz heran. Das bedeutet in diesem Zusammenhang einfach: Wir sind bestrebt, zwischen unserem Verhalten und unseren Einstellungen eine möglichst geringe Dissonanz aufkommen zu lassen. Wenn unser Verhalten sich von unseren Einstellungen aber tatsächlich unterscheidet (wie in diesem Versuch durch die Aufgabe hergestellt), versuchen wir, diese aufgetretene Dissonanz zu beseitigen. Das Verhalten steht fest: Wir haben die Rede gehalten. Also verändern wir (etwas) unsere Einstellungen, stellen plötzlich fest: Eigentlich hat das, was ich sagte, wirklich etwas für sich. Oder wir bemühen vor unserem inneren Kritiker Erklärungen dafür, warum sich unsere Rede von unseren Einstellungen unterschied: Ich wurde ja gut dafür bezahlt – da sagt man auch mal Dinge, die man nicht glaubt.

Politiker und Polit-Journalisten werden vergleichsweise schlecht bezahlt. Und sie bewegen sich in Systemen, die relativ starr sind und die Wirklichkeit weit weniger gut abbilden können als ein einzelner Mensch.

Befragungen zur Vertrauenswürdigkeit der Vertreter von Berufen sehen Politiker und Journalisten auf den hinteren Plätzen, knapp vor oder sogar noch hinter Versicherungsvertretern und Werbefachleuten. Wir scheinen uns über diese Zusammenhänge also in einem intuitiven Sinne im Klaren zu sein. Wie ist es aber dann möglich, dass ein Land eben von denen „beherrscht“ und „geführt“ wird, denen die Menschen das geringste Vertrauen gegenüberbringen? Es ist schwer, hierin etwas anderes zu sehen, als ein handfestes systemisches Problem.

 

 

Samstag, 12. Dezember 2015

 

Jenseits des Tanzes

Da ist kein Weg,
kein „Wohin“ und „Wozu“,
nur dieses Gehen, Empfinden,
Singen, dem anderen begegnen,
da ist keine Bewegung
jenseits des Tanzes.

Ob das die Steine schon wissen
und deshalb so fest sind?
Ob das die Blätter schon wissen
und deshalb fallen im Herbst?
Ob das die Bäume schon wissen
und deshalb knospen im Frühling?
Ob ich alles selber denn weiß,
eine Wolke, die durch das Licht zieht,
der sinkenden Sonne nach?

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Freitag, 11. Dezember 2015

 

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Oder:

 

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Donnerstag, 10. Dezember 2015

 

Knisternder Wald.
Die Sonne schimmert
in Fichtennadeln.

 

 

Mittwoch, 9. Dezember 2015

 

„Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken.“

    Friedrich Nietzsche (1880): Der Wanderer und sein Schatten, aus dem 16. Stück.

Ich schätze mal, dass 90% allen Ärgers von Dingen kommt, die einen eigentlich nichts weiter angehen müssten. Und 10% des Glücks. Wie wichtig wir diese 10% nehmen!

 

 

Dienstag, 8. Dezember 2015

 

[...]

„Was ist denn das für ein Drachen-Spiel?“, fragt Franz-Alfred wenig später am Esstisch.

„Irgend so ein Spiel eben“, antwortet Woggelstein und beißt den Rand seines Tellers ab.

„Und wie ist der Spielstand?“, setzt Franz-Alfred nach.

„Ich bin auf dem letzten Platz“, sagt Woggelstein stolz und reckt sich.

Franz-Alfred runzelt die Stirn, denkt an die Bananen und bemerkt dann vorsichtig: „In unserer Stadt gilt der auf dem ersten Platz als der Beste.“

„Das ist auf der Dracheninsel genauso“, sagt Woggelstein. „Aber ich lasse mir lieber Zeit, dann habe ich mehr vom Spiel.“

„Allerdings“, sagt Franz-Alfred.

„Also ist der letzte Platz der beste Platz“, meint Woggelstein. „Die anderen müssen jetzt Däumchen drehen. Sie machen vielleicht Kieselweitspucken oder spielen Ameisenreiten – da gefällt es mir hier besser“, sagt er, wischt den Reis vom Teller und beißt sich noch einen tüchtigen Happen Tellerrand ab.

„Wie kann denn ein Drache auf einer Ameise reiten?“, fragt Franz-Alfred.

„Eben“, antwortet Woggelstein. „Und vom Kieselweitspucken bekomme ich immer Zungenmuskelkater .“

„Aha“, antwortet Franz-Alfred. „Und übrigens isst man nicht den Teller, sondern den Reis.“

Zum Nachtisch gibt es Quark mit Bananen. Franz-Alfred hat die Bananen zu Mus verarbeitet, damit es nicht wieder Streit gibt. Aber er holt ein Lexikon, schlägt es auf und zeigt auf die Abbildung einer Bananenstaude.

„Zu spät!“, brummelt Woggelstein und wischt sich den Rachen. „Da hat schon jemand alle Bananen krummgebogen, bevor der Drache sie in das Buch gemalt hat!“

[...]

 

    Aus: Volker Friebel (2013). Woggelstein. Wer bog die Banane krumm? Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

Montag, 7. Dezember 2015

 

Ein Mann rennt
hinterm Sohn auf dem Roller her.
Sonnenaufgang.

 

 

Haiga-0010a-VolkerFriebelSonntag, 6. Dezember 2015

 

Aufstieg die Hexenstaffel von Stuttgart-Wangen hoch zum Waldheim am Neckarhang, zu einer Haiku-Lesung mit Peter Wißmann (Texte und Einführung), Frank Eisele (Akkordeon) und Ann Lena Knörr (Stimme).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 5. Dezember 2015

 

Haiga-0009a-VolkerFriebel

 

 

Freitag, 4. Dezember 2015

 

Der Rattenfänger von Hameln

Den Dienst getan, und wurdest betrogen,
so führst du ihnen die Kinder fort.
Einhundertdreißig sind mitgezogen.
Aber wohin? Wo liegt der Ort?

Am Grund der Weser? Da kannst du lang pfeifen.
In den Wolken? Dies Reich ist nicht dein.
Im Berg? Das lässt sich eher begreifen,
denn gut verborgen träumt dort ein Hain

der feuchten Erde, der wachsenden Stille.
Dort schlafen, bis die Welt gut ist, so lang ...
Und wachen sie auf, noch ganz in der Stille,
dann hinter einander von Neuem den Gang,

hinaus in das Licht. – Nun schauen, hören ...
Verschwunden die Menschen. Aber ein Bär
brummelt verwundert. Die alten Föhren
rauschen. Und ein Reh schaut her,

arglos, neugierig: „Was werden die bringen?“
Sie tanzen zur Flöte, mit fliegendem Haar.
Im Anfang der Welt ist alles Singen,
reden heißt lügen – Musik nur ist wahr.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 3. Dezember 2015

 

„Da unten sind sie“, Anton nickt mit dem Schnabel und wippt auf dem Leitungsdraht. Die Hecke an der Scheune drüben tschilpt laut.

„Wenn es kalt ist, rücken wir nah zusammen. Die Menschen aber trennen sich und sperren sich in ihre Räume.“ Karl schließt bei seiner Analyse die Äuglein.

„Und heizen“, ergänzt Anton.

„Das ist schlecht für die Umwelt“, doziert Karl.

„Ich würde auch mal gerne heizen“, meint Anton.

„Unser Haus ist die Welt“, tschilpt Karl. „Stell dir vor, wie wir heizen müssten, damit es warm wird!“

„Mir ist aber kalt!“, klagt Anton und schlägt mit den Flügeln.

„Komm, wir fliegen dazu!“ Sie hüpfen in den Himmel und breiten die Schwingen aus. Das Spatzengetschilp in der Hecke wird noch lauter.

 

 

Mittwoch, 2. Dezember 2015

 

Vom Ipf wandern wir durch verschneites Land zur Kapelle Maria Buch. Während der Napoleonischen Kriege wurde hier eine berühmte Wallfahrtskirche eingeäschert, zu der die Menschen aus der Gegend strömten, dem Härtsfeld und dem Nördlinger Ries. Hier war ein Platz der Wunder. Die Kapelle, in die wir nun treten, ist eine bescheidene Nachfolgerin. Wir stehen eine Zeit in der Stille.

Maria Buch –
draußen liegt Schnee. Ein Schatten
läutet die Glocke.

 

 

 

2015-12-01 12-10-19 0168 Waldpfad Aufstieg nach Hohenurach bei Urach 300x400Dienstag, 1. Dezember 2015

 

Strömender Regen.
Auf dem Bergpfad immer höher
in den Dezemberwind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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