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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv September 2015

 

 

Mittwoch, 30. September 2015

 

Im Wind ein Drachen,
im Drachen ein Wind:
Halt ihn fest!

 

 

Dienstag, 29. September 2015

 

Feuer und Rad

 

Ein Wanderer fragte: „Warum habt ihr Murmel weder das Rad noch das Feuer erfunden?“

Mu blinzelte und antwortete: „Weil wir glücklich sind. Wir mussten nichts verändern. Wo immer das Wort ,neu' einen Reiz ausübt, sind die Menschen nicht glücklich.“

„Was ist Glück?“, wollte der Wanderer wissen.

Mu leierte herunter, was er in der Anmerkung eines Wellness-Prospekts gelesen hatte, der vor seiner Höhle liegengeblieben war: „Glück ist ein Zustand, der mir wohl tut, der mir gut tut und den ich nicht verändern möchte.“

„Damit kommt man nicht weit“, sagte der Wanderer.

„Nein“, lachte Mu, „damit kommt man nicht weit.“ Und er schlug mit dem Schwanz in das Gras der Bergwiese.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch (epub- und Kindle-Format).

 

 

2015-09-28 04-09-49 0045 Mondfinsternis Tübingen 400x269Montag, 28. September 2015

 

Mondfinsternis.
Meine Schritte, fest unter
dem Orion.

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 27. September 2015

 

Stehendes Licht.
Vom Fohlenhof her jagt scharf
der Herbstwind.

    Wanderung St. Johann, Gestütshof, nach Urach, Haltestelle Wasserfall

 

 

Samstag, 26. September 2015

Wanderung Thurner – Hinterzarten – Feldberg – Belchen – Münstertal
2015-09-26 10-02-40 0790 Springkraut Münstertal Südschwarzwald 300x400Aus dem fünften Tag

 

Von der Scheuer im Münstertal, die heute zwei Garagen birgt, gehen Treppen hinunter zum Bergbach.

Da wurden früher Eimer getragen, leer hinunter, voll hinauf, für das Vieh, von den Bauernkindern.

Der Hofhund oben wartete auf sie und bellte, wenn sie sich über den Spiegel des Wassers beugten.

Ob sie sich selbst darin sahen? Oder sahen sie nur ihre Gesichter?

 

Späte Rosen.
Das Bauernpaar an der Hauswand
blättert ab.

 

 

 

Freitag, 25. September 2015

Wanderung Thurner – Hinterzarten – Feldberg – Belchen – Münstertal
Aus dem vierten Tag

2015-09-24 10-03-05 0202 Belchen von den Wiedener Weiden Westweg Südschwarzwald 400x300Foto: Der Belchen, von den Wiedener Weiden aus gesehen.

 

Ein Rinnsal murmelt
zwischen Farnwäldern, schwemmt
ein Buchenblatt an.

 

Ein Brunnentrog am Rande des Himmels läuft über, das Wasser verschwindet zwischen Blättern der Pestwurz. Brunnenkresse und Moos ziehen von der Erde hoch an den ausgehöhlten Baumstamm. Wo das Wasser aber herstammt, wissen die Wolken nicht, das weiß nur der Berg.

Vom Tal Motoren, fern, eine Kreissäge. Der Lärm ist eine andere Welt, die hier irgendwie zwischen den Stämmen versickert, die immer noch stört, aber den Zauber nicht brechen kann.

Über dem Trog steht ein Ahornbaum, jung, hier und da schwarze Flecken im Laub, sonst noch gar nicht verfärbt, während die Buche daneben schon Gelb und Rot angesetzt hat. Die Urwälder des Farns, ihre Ausläufer reichen auch hierher.

Der Klang des Wassers – nur seine Kühle spüren, mit den Fingern der Hand. Nur seine Nässe spüren, mit der Wärme der Lippen.

 

 

Donnerstag, 24. September 2015

Wanderung Thurner – Hinterzarten – Feldberg – Belchen – Münstertal
Aus dem dritten Tag

 

2015-09-24 09-01-20 0136 Aussicht Feldberg Westweg Südschwarzwald 400x300An der Baumgrenze –
die letzte Kiefer
ist abgestorben.

 

Je länger wir schauen und lauschen, umso mehr belebt sich alles. Der Draht dieser Weide etwa, an dem Tropfen vom Regen der letzten Tage hängen. Die Pfosten, teils noch nass, teils schon getrocknet. Vögel in den Wipfeln der letzten Bäume, die hier heraufgeschwallt sind, aus dem dunklen Tal. Die Heidelbeersträucher, die sich schon rot gefärbt haben. Augentrost dazwischen. Eine tote Maus liegt auf dem Pfad, aus dem lila Heidekraut ins Sterben gerückt. Der weite Blick über die Schwarzwaldgipfel, von seinem höchsten aus, über das Rheintal, das im Sonnenlicht liegt, bis zum Schattenriss der Vogesen.

 

Feldbergkuppe.
Im Läuten der Kuhglocken
eine Glockenblume.

 

 

Mittwoch, 23. September 2015

2015-09-23 12-56-34 0974 Wolfssteig Feldberg Westweg Südschwarzwald 300x400Wanderung Thurner – Hinterzarten – Feldberg – Belchen – Münstertal
Aus dem zweiten Tag

 

Über den Wolfssteig
den Gebirgsbach hoch,
in die Heimat.

 

Bäume tropfen. Der Herbst trägt seine Farben in die Blaubeersträucher. Wir sind dort, wo wir immer waren, seit Anfang der Zeit, wo wir immer sein werden, hoffentlich auch in der Stunde des Todes.

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 22. September 2015

Wanderung Thurner – Hinterzarten – Feldberg – Belchen – Münstertal
Aus dem ersten Tag

 

2015-09-22 16-15-00 0843 Schwarzwaldhaus Thurner Westweg Südschwarzwald 400x300Zwischen den alten Schwarzwald-Fichten ist viel Raum. Farne und Büsche konnten hochkommen, wo das Licht wieder den Erdboden erreicht. Die wiegen nun den Regen auf manchem schönen Blatt, das aber schon hier und da der Herbst berührt hat.

Geräusche des zurückgehaltenen Regens, der sich an den Zweigen gesammelt hat und nun von den Nadeln zur Erde tropft.

Nur hier und da der einzelne Ruf eines Vogels in der Weite.

Und Wind.

In dieser Weite auch die Schritte von Wanderern. Deshalb sind wir hier unterwegs, nichts zu tun, nur den Himmel zu betrachten und uns selbst zu spüren, wie wir unter ihm gehen.

 

Nichts mehr zu fragen,
nur das Rauschen des Herbstregens.
Kuhglocken.

 

Schwarzwaldpfad.
Durch Herbstwind und Regen der Einbruch
der Sonne.

 

Im Gasthauswinkel hängt der Jesus am Kreuz. Darunter eingefügt ein Brett mit dem Symbol einer Lotosblume und einem Buddha. Am Kachelofen ist der Platz für den Wirt. Doch der Raum ist leer. Nur dieser eine Wanderer sitzt hier und isst.

Draußen die Dämmerung. An diesem Tag der Regenwolken und der Schauer, die immer wiederkehren, wird es schneller dunkel als sonst.

 

 

Montag, 21. September 2015

 

„Die Schwalben sind schon fort“, tschilpt Anton und wippt mit dem Schwanz.

„Selbst die Blätter machen sich auf“, tschilpt Karl und legt den Kopf schief.

Die beiden Spatzen sinnen ein Weilchen vor sich hin, jeder für sich, aber mit denselben Gedanken.

„Alles bewegt sich, alles verändert sich – nur wir hängen hier fest!“, fasst Karl dann zusammen.

„Dem Himmel sei Dank!“, tschilpt Anton.

„Dem Himmel sei Dank!“, tschilpt Karl.

Eine dicke Fliege summt an den beiden vorbei. Sie schauen sich an. Sie nicken sich zu. Dann springen sie mit einem Satz hinein in den Himmel und witschen hinter dem Brummer her.

 

 

Sonntag, 20. September 2015

 

Clara sagt: „Wenn du ganz das tust, was du bist, dann bist du frei. Unfrei bist du, wenn du etwas tun musst, was du nicht bist.“

„Und die Schwerkraft?“, meint der Bibliothekar ruhig. „Die Wirbelsäule stemmt sich der Schwerkraft entgegen.“

„Das bin ich dann auch“, sagt Clara. „Weil ich die Schwerkraft in mich aufgenommen habe, in Gestalt des Widerstands meiner Wirbel.“

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-09-19 11-53-07 0794 Birnbaum Herbstlaub bei Kloster Kirchberg 400x300Samstag, 19. September 2015

 

Haiku und Foto von einer Wanderung mit Peter Wißmann um das Kloster Kirchberg, Besprechung des dort für Anfang November geplanten Haiku-Seminars.

 

Tanz zur Himmelsleiter ...
Der Waldpfad federt
unter dem Wanderschritt.

Ein Vogel pfeift
in die gemeinsame Zeit.
Mooswelten.

Ein Jägerstand,
eingewachsen in die Geister
des Wildbrets.

Wegwarte.
Ein Wanderer streift
Blau um Blau.

Wilde Karde.
Wir stehen einfach, hinein
in den Herbstwind.

Orgelklänge.
Vor den Tasten
sitzt niemand.

Eingestürzter Mausgang.
Septemberwind bläst über
das dürre Gras.

Im gepflügten Acker
ein fahrbarer Jägersitz.
Herbstwind.

 

 

Freitag, 18. September 2015

 

In den Himmel zurück:
Aus den Sonnenblumen fällt eine Schar
Spatzen.

In den Himmel zurück:
Aus den Sonnenblumen
fallen Spatzen.

In den Himmel zurück:
Sonnenblumenkerne fallen
in Spatzenschnäbeln.

In den Himmel zurück:
Sonnenblumenkerne steigen,
in Spatzenschnäbeln.

 

Wie schade, dass „Sonnenblumenkerne“ so ein behäbiges Wort ist! Ich habe überlegt, eben „Körner“ zu nehmen – aber dann fehlt das Beziehungspaar Sonne – Himmel. Wahrscheinlich bleibe ich bei der ersten Version. Oder finde einen ganz anderen Dreh.

 

 

Donnerstag, 17. September 2015

 

Nach langem Hocken über Skripten hinaus, ein Gang durch das Viertel. Der Regen hat aufgehört. Die Luft ist kühl und klar. Durchatmen!

In Pfützen spiegelt sich blauer Himmel. Doch aus dem Horizont treiben schon neue Regenwolken heran.

Diese Weite beim Gehen in dieser wunderbaren Luft ist der Müßiggang. Das enge Sitzen vor dem Schirm ist das Arbeitsleben.

Wie schön könnte es sein, hier draußen den Lebensunterhalt zu verdienen! Als Atmer von Luft oder als Betrachter von Spiegelbildern! Als Summer von neu erfundenen Melodien. Oder als einer, der mit den Füßen den Asphalt berührt. Als einer, der mit dem Schuh eine Walnuss knackt und sich bückt, die weiche Nuss aus den Trümmern zu lösen. Als Koster von Nüssen.

Die Bezahlung ist schlecht. Aber angemessen. Es gibt streng genommen gar nichts dafür, den Tönen des Vogels zu lauschen. Es gibt gar nichts dafür, zum Himmel aufzusehen und das Ziehen der Wolken zu beobachten. Auch das Betrachten der Astern bringt nichts ein.

Das zu wissen macht frei.

Nach der Runde wieder zu den Skripten zurück zu müssen, macht allerdings unfrei,

Was zwingt mich zurück?

Verpflichtungen.

Bedürfnisse.

Wer keine Verpflichtungen und keine Bedürfnisse hat, ist frei. Wir anderen – es gibt immerhin Stufen der Unfreiheit. Wobei ich immer wieder den Eindruck habe, dass die Menschen, die am stolzesten über ihre theoretische Freiheit reden, praktisch am unfreisten sind.

 

 

Mittwoch, 16. September 2015

 

Ein paar Sparren des Stalldachs zu lösen für das Licht, ist das die Aufgabe des Schriftstellers? Aus der Dürftigkeit, aus dem Hunger, aus dem Elend dieser Kaviarschnitten den Blick zu lösen, zu öffnen – für was?

Die Träume des Schlafs verweisen dich auf ein Anderes, oder sie sind gar nichts, blinder Zufall, Reste, die nur noch nicht wissen, wohin. Die Verse des Dichters, sie sind der Traum, den ein anderer träumt, und in dem du dich selber erkennst, den Schatten deines wahren Gesichts, im Licht seiner Bilder.

Die Welt ist Flickwerk geworden, Privatbesitz, zersplittert finden die Scherben zusammen kaum mehr, nur im Konzert vielleicht, wenn die Streicher beginnen und der Chor anhebt, wenn die Töne den Raum unter der Kuppel ausleuchten wollen, vielleicht dann, ein paar Augenblicke, einmal im Leben, vielleicht.

Vielleicht sind nur die alten Mythen und Märchen ungebrochen noch glaubhaft: Prometheus, Kriemhild, Frau Holle, Parzifal, Dornröschen, Aschenputtel, Odysseus, Sindbad der Seefahrer, Laotse auf dem Ochsen am Pass – glaubhaft in der Wahrheit ihrer Bilder.

Mythos heißt Existenzielles in Bildern fassen, er ist wahr, wenngleich nicht real, er ist die Welt unter der Oberfläche der Wogen. „Das hat sich nie zugetragen, aber es ist immer.“ So soll nach Otto (1933) ein gewisser Sallustias von den griechischen Atthismythen geschrieben haben. Mythos als ein Umsetzen des Unfassbaren in Bilder.

Welches Unfassbaren?

Des unfassbaren Unfassbaren – eben dessen, auf das die Bilder verweisen.

Wäre es fassbar, gelänge es anders zu sagen, was sollten dann Verse, was sollten Gemälde, was sollten Skulpturen, was sollte Musik? Mythen und Bilder erklären zu wollen, wie das beispielsweise in Märcheninterpretationen geschieht, ist letztlich doch Unsinn. Es rationalisiert das Unfassbare, es nimmt ihm das Herz – und zeigt dann was vor?

Doch selbst wenn der Mythos mit seinen Bildern eine tiefere Wahrheit anstößt als der Verstand zu fassen vermag, so wird der Verstand sich dennoch damit beschäftigen. Was soll er auch anders. Aber wie soll er? Die psychologische Perspektive, die soziologische, die wirtschaftspolitische – wo dazwischen, wo irgendwie orthogonal zu allem Rationalisieren findet sich ein Verstehen, das dem Mythos der Verwandlung angemessen ist?

Beispielsweise die Metamorphosen Ovids.

Zeus verwandelt sich in einen Stier, um sich der Königstochter Europa zu nähern. Daphne verwandelt sich, dem liebestollen Apollon zu entkommen, in einen Lorbeerbaum. Und als der Gott trauernd vor ihr steht und sie, wenn schon nicht zu seiner Gemahlin, so doch zum Baum der Ehre erhebt, nickt sie mit den neuentstandenen Ästen und scheint den Wipfel wie ein Haupt zu bewegen.

Was gleich bleibt in jeder Verwandlung, das muss dem Dichter die Seele sein. Was sich zeigt oder verbirgt in jeder Gestalt, was sie belebt. Die Metamorphosen sind, was sonst, ein Buch über die Seele. Dass es sie gibt. Sie sammeln Zeugnisse dafür.

Aber nun, Jahrtausende später, verlangt das ehemals Selbstverständliche Beweise. Beweise sind im Mythos und Märchen keine dabei.

Wenn Mythen denn Bilder sind, oder die Systematisierung der Bilder, die aus der Wahrheit unter den Dingen geschöpft werden können, ist Dichtung der Versuch, die Schatten reden zu machen. Sie anzurühren mit diesen Bildern, dass sie dieser Wahrheit bewusst werden, dass sie ihrer Grundlagen und Zusammenhänge bewusst werden und sie mitzusummen beginnen. Dann ist Dichtung wie ein Bewusstwerden im Traum.

Ein Eindruck, dass nichts einfach so ist, wie es scheint, muss dem zu Grunde liegen. Oder der Eindruck , die Wirklichkeit vergessen zu haben im Tanz der Geschäfte, sich erinnern zu wollen an sie.

Dichtung ist die Beschäftigung mit der Wirklichkeit, ein Erfragen der Wirklichkeit. Ist dies so? Ist dies anders? Die Bilder versuchen dazu. Sich nicht daran stören, dass die Bilder sich widersprechen, dass sie vage sind, dass sie eher eine Heimat zu bieten im Stande sind, als eine Erklärung.

Vielleicht ist die Unzerstörbarkeit der Dichtung selbst in unserer ‚dürftigen Zeit’, in der Rationalität gefragt ist, Handhabbarkeit, Eindeutigkeit, auch ein Hinweis darauf, dass die Wahrheit – nun, das, was all unseren Bemühungen zu Grunde liegt – eben Vieles ist, dass die Wahrheit bunt ist, facettenreich, nicht fassbar durch eine Formel, nur durch Geschichten, durch Lieder, durch bunte Flecken auf einer Leinwand einigermaßen verstehbar, dass sie dem divergenten Denken zuneigt, der Kreativität, und sich dem konvergenten Denken, der Intelligenz, entzieht.

 

    Geschrieben am 31.07.2005 für eine Poetologie, die dann liegen geblieben ist.

 

 

Dienstag, 15. September 2015

 

Heute kamen vom Ökotopia-Verlag Belegexemplare der 3. Auflage eines Buchs mit Traumreisen für Kinder. Ich denke zurück – und tatsächlich: Es sind nun schon über 25 Jahre, dass ich Bücher veröffentliche.

Allerdings mag ich Jubileen nicht.

Nur wenig später, ich schaue gerade auf meine Hausschuhe hinab, beziehungsweise auf meine Zehen, die sich aus den Löchern des Filzes meinem Blick ungerührt entgegenstrecken, meint Elisabeth, ob ich mir nicht mal ein Paar neuer Schuhe zulegen könne. Als „erfolgreicher“ Schriftsteller und so.

Lange sinne ich über eine Antwort nach. Erfolg ist allerdings eine relative Sache. Doch das Problem liegt tiefer. Lederschuhe mag Elisabeth nicht, diese Filzschlapper aber sind ganz schnell durch. Und gefallen mir eben damit.

Die Fotos der Schuhe und meiner Zehen sind nichts geworden – Zeit für eine neue Kamera. Passend habe ich vor ein paar Tagen mit der Programmleiterin von Ökotopia über ein neues Projekt telefoniert. Und wer weiß, vielleicht gibt es noch etwas anderes als Leder und Filz ...

 

 

Montag, 14. September 2015

 

Nüsse knacken
auf Asphalt – eine Krähe
funkelt mich an.

 

 

Sonntag, 13. September 2015

 

Fegefeuer

 

[...]

5

Aus der Aktenmappe
hat einer die Wahrheit verloren. Er sucht sie
im Staub, nicht bei sich.

Die Straße führt durch den Himmel,
der uns verbindet,
während die Erde uns trennt.

 

6

Eingefangen und zugeklappt in Schulbüchern,
platt gemacht, dienstbar, mit Belobigungschancen,
auf einer hypothetischen Linie.

Eingefangen in virtuellen Welten,
wo jeder ein Held sein kann, ohne die Beunruhigung
eines schneidenden Schwerts.

Eingefangen im Demonstrationszug,
dass alles seine Ordnung hat.
Doch Windmühlenräder können auch hart sein.

Verfangen im Spinnennetz.

 

7

Blättert der Trug ab, erscheint der Belag
dieser Straße, wo die Erde nicht sein darf,
was sie ist.

Sie darf sein im Gebirge,
wo der Stein fest ist und kein Leben zulässt.
Sie darf sein, wo das Haus steht,

wo Menschen die Treppen
auf- und niedergehen, von den Wolken
bis zur Quelle, wo sie sich Wasser schöpfen,
das dann durch sie rinnt, das sie sind.

Nur hier auf dem Flughafen darf die Erde
nicht sein, ist der Raum für das Fegefeuer,
für das Dazwischen.

[...]

 

    Aus: Friebel, Volker (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Samstag, 12. September 2015

 

Nachsommer.
Ein kleiner Junge wirft sich
auf den Asphalt.

Als ich vorbeiradle, sehe ich, wie er lacht. Vielleicht weil er die Wärme des Bodens spürt. Vielleicht weil er in dieser Wärme eine Verbindung zum Vater sieht, der herankommt und dem er sein Gesicht zugewandt hat, in der Spannung zwischen der Erkundung der Welt und der Geborgenheit in der Höhle, die über diese Wärme verbunden sind.

 

 

2015-09-11 15-54-40 0744 Kartoffelknollen Acker bei Holzgerlingen 400x300Freitag, 11. September 2015

 

Mutter erzählte neulich über die Zeit, als sie mit den anderen Kindern nach der Ernte auf die Felder ging, Nachlese halten. Der große Krieg war zwar vorbei, aber sie hungerten.

Als ich vor ein paar Tagen sah, wie ein Kartoffelacker gepflügt und die Knollen geerntet wurde, erinnerte ich mich daran. Heute hielt ich an und stellte das Fahrrad ab.

Der Acker schien leer – aber nach zwei kurzen Gängen warf ich Hände voll in den Korb. 1.118 Gramm las ich daheim auf der Waage. Und habe kaum mehr als zwei Minuten gebraucht und nicht weit hinein in den Acker geschaut. Das ist also nur ein ganz klein wenig von dem, was übrig blieb, auf diesem schmalen Acker allein.

Die Erde ist reich. Wir könnten es auch sein. Aber unsere Bedürfnisse wechseln so rasch, als sei es ihre Bestimmung, etwas in uns immer ungestillt zu lassen.

Ich habe die Kartoffeln in eine Schale gegeben und auf den Wohnzimmertisch gestellt. Ein Duft von Erde kommt auf, während ich schreibe.

 

 

Donnerstag, 10. September 2015

 

„Warum sich die Menschen keine Flügel wachsen lassen?“, sinnt Karl und schaut einem Flugzeug nach. „Wir konnten das doch auch!“

„Aber wie lange musste Ururur-Opa dafür mit den Ärmchen schlagen“, tschilpt Anton und putzt seinen Flügel. „Dafür sind die Menschen zu träge.“

Sie springen von der Stromleitung und flattern hinüber zum Hühnerstall.

 

 

2015-09-09 16-00-28 0742 Heuberger Warte Heuberg bei Wendelsheim 300x400Mittwoch, 9. September 2015

 

Ich erinnere mich: Rapunzel-Turm habe ich die Heuberger Warte vor Zeiten einmal genannt. Kann man sich dort oben im Fenster des runden weißen Turmes nicht leicht ein helles Frauengesicht vorstellen, das gerade dabei ist, blonde Zöpfe für einen Retter hinab gleiten zu lassen? Der Schlüssel zur Tür ist allerdings, so lese ich an der Tafel, im Kulturamt des nahen Rottenburg zu holen.

Der Turm wurde schon vor etwa 600 Jahren erbaut. Zum Kuppenwald, in dem er steht, passt das Wort verwunschen recht gut. Mein Fahrrad lehnt unten an einem Baum. Blonde Zöpfe auf oder ab: Mir ist nicht wohl hier.

 

Auf der Kuppe
ein erloschenes Lagerfeuer.
Der Duft des Herbstwinds.

 

 

2015-09-08 17-02-43 0722 Birkensee Schönbuch 400x300Dienstag, 8. September 2015

 

Tief im Schönbuch, auf der Hochfläche des Brombergs, liegt der Birkensee.

Vor dreieinhalb Jahrhunderten wurde das Gebiet als sumpfige Viehweide mit alten „Eichenstorren“ beschrieben. Damals trieben die Bauern der umliegenden Dörfer ihr Vieh in den Schönbuch. Der glich dadurch über weite Strecken eher einer Weide mit gelegentlichen Schattenbäumen, meist Eichen, als einem Wald. Heute liegt das Feuchtgebiet dicht umgeben von Bäumen.

Der See entstand wohl erst vor zweihundert Jahren in einem Rhätsandsteinbruch als letzte Grube zum Abbau von Klebsand. Er war damals wesentlich größer als heute und verlandet zunehmend.

Birken sind zahlreich und viele Sumpf- und Moorpflanzen.

Es ist still hier.

Am Moorauge.
Der Herbstwind bewegt
die Stille.

Der Klang meines Schritts
auf den Bohlen. Im Moorgras
Wind.

Tiefe Stille.
In das Moorauge springt
ein Frosch.

Spiegelnde Wolken.
Hier wie dort
Herbstwind.

 

 

Montag, 7. September 2015

 

Gerechtigkeit: Ein Vogelnest, zwischen den kleinen Eiern liegt ein großes, offenbar ein Kuckucksei. Was wirst du tun? Nimmst du es weg? Du rettest mehrere Vogelküken. Und tötest eines, das doch nur seiner Natur folgt. Du greifst damit in den Ablauf der Natur ein. Aber das ist deine Natur. Deine Kuckucks-Natur.

 

    Notiz vom Karfreitag, 06.04.2007

 

 

2015-09-06 10-35-32 0595 Bodensee Wanderung von Hüttwilen nach Stein 400x300Sonntag, 6. September 2015

 

Haiku aus einer Wanderung von Hüttwilen nach Stein am Rhein. Kühl war es, zeitweise fiel Nieselregen.

 

Nach dem Regen
auf dem Acker ein Glanz.
Sonnenblumen.

 

Hinter der Kuppe
erscheint der See.
Schwere Wolken.

 

Über dem See
die Stille. Im feuchten Hemd
nur ein Zug Wind.

 

Schwere Wolken.
Die Ackerfurchen gefüllt
mit Herbstlaub.

 

 

2015-09-05 14-48-05 0491 Blick vom Albis auf den Zürichsee 400x300Samstag, 5. September 2015

 

Haiku von einer Wanderung auf der Albis-Kette über dem Zürich-See.

 

Schweizer Bahnsteig –
mit Himmel überschwemmt
und mit Herbst.

    Bahnhof Rickenbach-Attikon

 

Blick übern See.
Der stolze Widerstand
weißer Segel.

 

Stoppelfelder.
Der Wind vom See
flutet die Stille.

 

Auf dem Bergrücken
zwischen Bäumen: wir
und der Herbstwind.

 

Jungs balancieren
auf Steinen im Fluss.
Herbstabend.

    Sihlwald

 

 

2015-09-04 14-07-49 0280 Blick vom Hohentwiel Reichenau Konstanz Bodensee 400x300Freitag, 4. September 2015

 

Auf den Vulkan,
durch Quellen aus Vogellied
und Herbstfarben.

Schließlich stehe ich in der Festung Hohentwiel, schaue über die Mauer und suche nach dem See, finde ihn nicht – aber doch die Alpen.

Eine Schweizerin spricht mich an, was für ein See das dort unten sei und was für eine Insel?

Ich folge ihrem Blick ein Stück zur Seite: Die blaue Fläche des Bodensees. Diese Pappelallee, das ist die Straße von Radolfzell zur Höri. Die Insel kann nur die Reichenau sein. Dahinter Konstanz. Und nochmals der See.

 

 

2015-09-03 16-28-37 0162 Himmel Felder bei Holzgerlingen 400x184Donnerstag, 3. September 2015

 

Zwei Haiku aus der Fahrradfahrt von Holzgerlingen nach Tübingen, noch auf den Feldern hinter Holzgerlingen.

Unter dem Schwarz
mein Leben im Herbst, durchflutet
vom Licht.

Stoppelnde Bauern.
Auf dem Acker Kartoffelsäcke,
randvoll.

 

 

Mittwoch, 2. September 2015

 

[...]

„Wie läuft es?“ – Die offene Frage des Bibliothekar macht es nicht leichter. „Könnte nicht besser sein“ , meint Niklas gleichfalls sehr offen zwischen zwei Schlucken Kakao.

„Es könnte immer besser sein“, antwortet der Bibliothekar sofort. „Ein einziger Cent mehr auf dem Konto und es wäre ein klein bisschen besser. Oder ein einziger Lichtstrahl mehr, falls die Zeitung dich inzwischen fest angestellt haben sollte“, stichelt er.

„Wie läuft es denn selbst?“ Niklas versucht einen Konter.

„Soso lala“, lallt Hans.

„Irgendwelche neuen Cents?“, hakt Niklas nach.

„Ich bin fest angestellt“, erinnert der Bibliothekar. „Frag lieber nach Sonnenstrahlen.“

[...]

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-08-31 09-39-19 0099 Libelle Märchensee bei Wendelsheim 400x300Dienstag, 1. September 2015

 

Zuoberst ein Haiku vom gestrigen Ausflug zum Märchensee bei Wendelsheim. Darunter versuche ich, es zu verbessern:

 

Wasserlinsen.
Das Morgenlicht blitzt im Leib
der Libelle.

 

Wasserlinsen.
Das Licht lebt auf im Leib
der Libelle.

Wasserlinsen.
Das Licht belebt im Leib
der Libelle.

Wasserlinsen.
Im Leib der Libelle belebt sich
das Licht.

Wasserlinsen.
Im Leib der Libelle belebt sich
Licht.

Wasserlinsen.
Der Leib einer Libelle
belebtes Licht.

 

Das wird noch brauchen ...

 

 

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