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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Juni 2015

 

 

2015-06-30 14-54-21 00111 Springender Fisch Erms-Teich 400x225Dienstag, 30. Juni 2015

 

Springender Fisch!
In seiner Freude die Freude
der Wolken.

 

Ein Sommertag. Teiche am Bach. Warum springen die Fische? Zwei Wanderer kommen vorbei, ihr Weg geht das Bachtal von Urach hoch auf die Alb.

Der eine Wanderer meint: Die Fische springen, weil sie sich freuen.

Der andere Wanderer meint: Die Fische springen, weil in dieser Sommerhitze die Mücken über dem Wasser Abkühlung suchen und die Fische ein paar dieser Leckerbissen erjagen wollen.

Der erste Wanderer meint: Also freuen sie sich doch!

Der andere Wanderer meint: Aber die Männer mit den Gummi-Schürzen am Teichrand bekommen eine andere Bedeutung. Sie, nicht wir mit unserer kindischen Freude, sind auf gleicher Ebene mit den Fischen. Die Fische jagen die Mücken und die Männer verkaufen die Fische an das Restaurant. Weshalb freuen eigentlich wir uns?

Die erste Wanderer meint: Wir freuen uns wegen der Freude der Wolken.

 

 

Montag, 29. Juni 2015

 

„Wenn es schön kühl ist, wollen die Menschen es warm, wenn es schön warm ist, wollen sie es kühl“, tschilpt Anton. „Da werde ein Spatz daraus klug!“

„Der müsste denn studieren“, tschilpt Karl. „Oder eine Vorlesung besuchen.“

„Was für eine Vorlesung?“, fragt Anton.

„Na, so ein Gepiepse, wie sie unten in der Universität dauernd welche halten: ‚Die Philosophie der Unzufriedenheit und das Wirtschaftswachstum im Zeitalter der Säkularisierung menschlicher Subjektivität‘ oder so ähnlich.“

„Das klingt spannend!“, piept Anton.

„Ist es wahrscheinlich auch“, piept Karl.

„Komm, da fliegen wir hin!“, versetzt Anton.

Und schon schwirren sie ab in die Stadt.

 

 

Sonntag, 28. Juni 2015

 

Ulmer Münster

Die Stadtführerin erzählt Geschichten,
verkleinert das Ungeheure, die Hybris und Tiefe,
ins Menschlich-Verständliche. Kinder sind wir, schmunzeln
über dieses und jenes, verbergen unsere Tränen,
zeigen einander nicht, wie wir ergriffen sind,
um nicht zu verraten, dass wir wissen, wie sehr
wir versagen.

Kein Schmetterling hier in der Weite der Kuppel,
der mit uns einfach nur wäre.

Keine Biene hier in der Weite der Kuppel,
die einer sinnvollen Arbeit nachginge.

Stattdessen Ranke um Ranke, aus Träumen,
die Säulen hoch,
die sich aus Träumen erheben.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Samstag, 27. Juni 2015

 

Noch einmal durch die Bilder und Notizen der gestrigen Radfahrt. Vom Neckartal fuhr ich hinter Rottenburg über den Hinterhof eines Unternehmens in den Wald hinein, schob den Hang hoch – es war ein Kreuzweg, unwirklich die Stelen im Schatten und Licht des steilen Wanderpfads. Als ich oben dann die Kirche sah, dachte ich: Na klar, eine Kirche als Ziel eines Kreuzwegs! Und so unscheinbar! Dann las ich das Schild an der Mauer.

2015-06-26 08-55-38 0383 Altstadt-Kapelle über Rottenburg 300x400„Altstadt-Kapelle. Spätromanische Marienkapelle, deren Hochaltar 1268 der hl. Albertus Magnus weihte; 1688 barock umgestaltet und erweitert.“

Kann das sein? Eine „Altstadt-Kapelle“ hoch über der Stadt, zwischen Hangwald und Feldern? Ich finde im Netz nichts dazu. Nur Hinweise, dass die Kapelle schon mehr als anderthalb Jahrhunderte aufgehoben ist.

Albertus Magnus soll Sohn staufischer Ministerialen gewesen sein. Er gilt durch sein Bemühen um eine Versöhnung des Christentums (er war Bischof) mit Aristoteles als ein Begründer der westlichen Wissenschaft. Er hat viel geschrieben und selbst geforscht.

Im selben Jahr 1268 wurde der letzte Staufer, Konradin, in Neapel hingerichtet, im Alter von 16 Jahren, nach dem gescheiterten Versuch, das südliche Königreich seiner Ahnen zurückzuerobern. Er hat zwei Minnelieder in der Manessischen Handschrift.

In Sichtweite dieser Kapelle liegt die Weiler Burg. Hier wuchsen Albrecht und Gertrud auf. Albrecht (geboren um 1230) fiel 1298 in der Schlacht, beim letzten Versuch der staufischen Anhänger, das schwäbische Herzogtum wieder aufzurichten. Er hat ein Lied in der Manessischen Handschrift. Seine Schwester heiratete 1253 Rudolf von Habsburg, damals ein Graf. Sie wurde 1273 neben ihm Königin von Deutschland. Das war der Aufstieg der Habsburger. Sie gilt deshalb als Ahnmutter der Donau-Monarchie. Zusammen haben sie es versucht – aber das Erbe der Staufer war nicht mehr zu retten. Das Reich zerfiel.

Was bedeutet das alles? Es bedeutet gar nichts. Manches erlischt, manches geht weiter. Und Neues kommt auf. Binsenweisheiten.

„Dieses Objekt wird videoüberwacht“, steht an der weißen Wand. Die Tür ist mit einem Eisengitter „gesichert“.

 

Marienkapelle
und roter Mohn – vom Wind gedrückt
an den Kalk.

 

 

Freitag, 26. Juni 2015

 

Nach einer Fahrradfahrt von Tübingen die vielen Weiher höher und höher, zum Kloster Kirchberg. Dort werde ich im November zusammen mit Peter Wißmann ein Haiku-Seminar halten.

 

Wellenkreise.
Pappelflaum treibt über sich öffnenden
Mäulern.

 

2015-06-26 13-12-50 0488 Nonnenfriedhof Kloster Kirchberg 400x300Der Nonnenfriedhof. Kreuze sind beschädigt von der Zeit, Inschriften gar nicht mehr lesbar.

 

Nonnenfriedhof.
In Lindenwipfeln summen
Bienen.

 

Am Grabstein
die Zeit – als Singen des Grashalms
im Licht.

 

Die Frau im Klosterladen war so in ihre Regalwände vertieft, dass ich einfach zwei Münzen an die Kasse legte und meinen Wanderführer still mitnahm. War es eine Kundin? War es die Besitzerin, die ganz in ihren Büchern aufging und an Verkauf gar nicht dachte?

Nun hab ich den Laden verlassen und gehe die frisch gemähte Hangwiese hinauf, in den Himmel. Aber es kommen nur immer weitere Wiesen – und dort vorne der Wald.

Nur wer sich umwendet, sieht, dass diese Wiesen wirklich im Himmel sind: Auf gleicher Höhe gegenüber die Berge der Alb. Prägnant die Zacken des Hohenzollern. Ich mag ihn nur nicht.

2015-06-26 13-49-44 0556 Aussicht bei Kloster Kirchberg 400x300

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2015-06-25 16-31-40 0321 Gras Wasser Garmerbach Schönbuch 400x300Donnerstag, 25. Juni 2015

 

Grashalme –
bewegt vom Wind,
vom Wasser.

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 24. Juni 2015

 

Leichthin schwellender Raps.
Die dicken Bäuche
der Wolken.

 

 

Dienstag, 23. Juni 2015

 

Nicht etwa, dass es immer nur darauf ankäme, Abstand zu gewinnen, überblicken zu können: Einen gewissen Abstand haben wir immer zu den Dingen. Er ist aber unterschiedlich groß. Wir wissen das oft nicht. Wir sehen den Abstand nicht, wir sehen nur die Dinge. Abstand aber verändert die Dinge. Der Abstand sollte berücksichtigt werden, und es sollte berücksichtigt werden, dass der Abstand wechseln kann.

Die Hässlichkeit moderner Architektur wird immer wieder behauptet. Aber man schaue einmal auf die Modelle dieser Architektur. Sie sind oft schön. Man betrachte Gebäude aus weiter Entfernung, aus einer Entfernung, in der sie etwa der Größe solcher Modelle entsprechen. Sie können schön sein. Hässlich werden die Gebäude, wenn man direkt davor steht. Nähe wurde bei der Konstruktion nicht einkalkuliert, die Ästhetik moderner Architektur bezieht sich nur auf den Modellabstand.

Alte Gebäude sind anders. Sie wirken aus unterschiedlicher Entfernung zwar anders, aber die Architekten haben Gesichtspunkte der Schönheit nicht nur aus einer bestimmten Entfernung berücksichtigt, sondern aus mehreren. Alte Architektur, so meine ich einmal gehört oder gelesen zu haben, ist mehr den Konstruktionsprinzipien der Natur nachempfunden. Wie dort die Strukturen des Baumes im Kleinen wiederkehren, im Aufbau von Ästen und Zweigen, im Adernnetz der Blätter sogar, nicht als identisch, aber als Formvariation, die den Baum aus jeder Entfernung betrachtenswert macht, so sei auch bei der großen Architektur alter Zeiten verfahren worden. Nicht der eine Blick, der eine Abstand des Betrachters wurde als Maß aller Dinge benommen, sondern es wurde bei der Konstruktion berücksichtigt, dass der Betrachter sich bewegt, dass sein Abstand zum Gebäude sich ändern kann, und für jeden Abstand wurde eine ästhetische Figur bereitgestellt.

Wir leben in einer totalitären Zeit. Es gibt nur ein Maß, einen Blick, der Abstand muss ein ganz bestimmter sein, damit die Dinge richtig und schön erscheinen. Es ist der Abstand zu einem Modell, nicht zur Wirklichkeit. Manchmal empfinden wir ein vages Unbehagen dabei, aber kaum je können wir sagen, warum.

 

    Notiz vom Montag, 28.03.1994; am Dienstag, 23.06.2015 leicht überarbeitet

 

 

Montag, 22. Juni 2015

 

Am Lebkuchenhaus

Läufer mit dem Verhängnis,
Mitläufer, oben wie unten.
Wer hat das verhängt?
Vor wem beugen alle die Knie?
Alle Wasser strömen zu Tal,
es braucht keinen Befehl,
niemand ist hier, niemand.
Nur Hänsel und Gretel, am Lebkuchenhaus.
Da weht der Wind, der Wind,
das himmlische Kind
.
Wasser seid ihr.

Gretels Tat wäre juristisch gesehen
allerdings Mord. Der Notwehraspekt
ist schwer fassbar, die Umstände
sind immerhin mildernd. Kindern aber
gefällt die Geschichte so wie sie ist.
Keines ruft nach dem Rechtsstaat.
Habt Angst vor den Kindern!
Mobiltelefone, Actionspiele,
Schulpflicht und Fußball und etwa
gewendete Jeansjacken, säureveredelt,
jede ein Einzelstück: Lasst euch
was einfallen!
Die Werbeetats
wachsen. Doch kommen wir nicht
an den Bäumen vorbei.
Nagelt Schecks an die Rinde.
Oder, finaler Schuss, ein Fototermin:
Die Kanzlerin
umarmt eine Buche.
Am Lebkuchenhaus.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Sonntag, 21. Juni 2015

 

2015-06-21 11-51-19 0152 Grabmal Walther von der Vogelweide Lusamgärtlein Würzburg 400x300Im Lusam-Gärtlein

Das Grabmal ist übersät mit Lindenblüten. Die stammen vom Baum, der den alten Friedhof beschattet. Die anderen Blumen sind geschnitten, die Liebenden der Stadt bringen sie dar, hören wir. Nie sei der Stein ohne Blumen.

An den vier Ecken des Quaders sind kreisförmige Vertiefungen. Der Dichter soll verfügt haben, nach seinem Tod täglich die Vögel zu füttern. Ich habe ein paar Brosamen unseres Kuchens in eine Mulde gegeben. In einer anderen steht ein Rest Regen.

Das Grabmal ist noch nicht alt, das eigentliche Grab unbekannt, hier irgendwo soll es liegen, vielleicht im Gärtlein, vielleicht in der Neumünster-Kirche, durch deren dicke Mauern nun dunkle Gesänge dringen, jedenfalls in der Erde, wo der Dichter sein Lehen bekommen hat.

Wir denken an all die vergangene Zeit.

Walthers Grab –
eine Frau berührt unter Blumen
den Stein.

 

 

Samstag, 20. Juni 2015

 

Die Starre unserer Anschauungen zeigt sich zum einen in der Tendenz, Dinge gar nicht mehr in ihrer eigenen Lebendigkeit zu betrachten, sondern uns nur auf unsere inneren Repräsentationen, unsere Vorstellungs- und Bedeutungsbilder von ihnen zu beziehen. Außerdem hat sich auch die Art der Dinge, mit denen wir umgehen, verändert.

Ein Kind, das solche Repräsentationen erst noch ausbildet, beschäftigt sich vor allem mit den kleinen Dinge der Welt, beispielsweise einem Schneckenhaus: Es fährt seine Windung nach und reinigt es von Sand und Schmutz. Es sammelt verschiedene Schneckenhäuser und vergleicht sie. Es bläst Löwenzahnsamen. Es versucht, auf einem Grashalm zu pfeifen.

Beim Erwachsenen hat sich das Interesse verändert. Denn diese kleinen Dinge sind uninteressant, man kennt sie ja, es gibt da nichts mehr zu entdecken. Und parallel zur Abwendung von den kleinen Dingen der Welt erfolgt die beschriebene Abwendung von den Abläufen des Alltags. Wieder das Beispiel des Laufenlernens: Nachdem der Vorgang automatisiert wurde, sind die einzelnen Schritte uninteressant geworden. Wenn wir uns bewegen, beachten wir nur noch das Ziel, die Zwischenschritte werden wie automatisch abgespult. Nur wenn wir einmal aus dem Tritt geraten, gewinnen die einzelnen Schritte wieder kurzzeitig an Bedeutung.

Repräsentationen müssen allerdings nicht nur vom Kind entwickelt und mit zunehmendem Alter immer wieder infrage gestellt und umgebaut werden. Auch beim Erwachsenen gibt es noch eine Entwicklung. Aber sie verläuft sehr viel langsamer. Veränderungen sind deshalb kaum zu erkennen. Außer den langwierigen altersbezogenen Veränderungen (die außerdem keineswegs immer günstig sein müssen) sind es fast nur besondere Ereignisse, die zu einer Neusicht der Dinge zwingen und auch geistige Strukturen verändern können. Der Erwachsene hat ein deutlich stärkeres Beharrungsvermögen als das Kind.

 

    Aus: Volker Friebel (2013). Achtsamkeit und Meditation. Tübingen: Edition Blaue Felder. Geschrieben 1997.

 

 

Freitag, 19. Juni 2015

 

Halt gemacht, sitz ich auf einer Bank am Waldbach, die Arme auf Lenker und Sattel des Fahrrads vor mir gestützt, leicht vorgebeugt lausch ich dem Rauschen des Wassers, dem Singen von Vögeln, dem Brummen einer Hummel, dem Wogen des Wiesenkerbels, der Wirklichkeit einer Welt ...

Ein Stück Wahrheit wie diese Welle im Bach, wie diese Sequenz im Amsellied, wie das Wogen dieses Grashalms im kaum spürbaren Wind.

Unter all den Geräuschen des Waldes mein Atem, mein pochendes Herz, meine schwankende Stimme.

Die Vögel antworten nicht. Sie leben ihr eigenes Leben. Gerade zuckt der Schatten einer Forelle im Bach.

 

 

Donnerstag, 18. Juni 2015

 

„Zwei Wochen schon ist Michael verreist – und immer noch keine Karte!“, klagt die dicke Margot beim Wäscheaufhängen.

„Wahrscheinlich denkt er dauernd an dich und kommt deshalb nicht zum Schreiben“, tröstet die Nachbarin.

Anton und Karl haben staunend zugehört. Nun fliegen sie weg, in die Hecke. Maren und Ilona piepsen erschrocken. Gerade waren sie dabei, Freundin Ruth ein Briefchen zu schreiben. Nun schlagen sie mit den Flügeln und beschimpfen die frechen Kerle. Die Seiten flattern im Wind.

 

 

Mittwoch, 17. Juni 2015

 

Im Grün des Walds
eine Blume – ihr einfaches Sein
in der Tiefe.

Das schreit allerdings nach Überarbeitung. Ich war vom Fahrrad abgestiegen, auf der Rückfahrt von Holzgerlingen durch den Schönbuch nach Tübingen, wartete, während die Liebste Holunderdolden plünderte, und aus dem fetten Grün am Goldersbach sprang mich eine lila Blume an. Duft von Urwald. Vogelsang. Ein paar Augenblicke lang war diese Blume ein Gegenüber. „ihr einfaches Sein“ – das muss besser gehen. Und der Anfang auch. „in der Tiefe“ gefällt mir dagegen gut. Erst hatte ich „in der Unendlichkeit“.

 

 

Dienstag, 16. Juni 2015

 

Blütenstaub.
Mein Finger berührt
erloschene Sterne.

 

 

Montag, 15. Juni 2015

 

Die Musen

Sie sind die griechischen Schutzgöttinnen der Künste. Der Bauer und Dichter Hesiod (geboren etwa im Jahre 700 vor Beginn unserer Zeitrechnung) hat in seinem Buch Theogonie neun Musen überliefert, die man die olympischen nennt:

Melpomene , die Singende: Muse der Tragödie. Sie trägt eine ernste Theatermaske und einen Weinlaubkranz.

Thalia , die Festliche, die Blühende: Muse der Komödie und der heiteren Poesie. Sie trägt eine lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab.

Terpsichore , die fröhlich im Reigen Tanzende: Muse für Chorlyrik und Tanz. Sie trägt eine Leier.

Euterpe , die Erfreuende: Muse der Lyrik und des Flötenspiels. Sie trägt die Doppelflöte Aulos.

Erato , die Liebevolle, Sehnsucht Weckende: Muse der Liebesdichtung. Sie trägt ein Saiteninstrument, etwa die Leier.

Polyhymnia , die Liederreiche. Sie ist die Muse des Gesangs mit der Leier. Sie kann eine Leier tragen.

Kalliope , die mit der schönen Stimme: Muse der epischen Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft. Sie trägt Schreibtafel und Schreibgriffel.

Klio , die Rühmende: Muse der Geschichtsschreibung Sie trägt Papierrolle und Schreibgriffel.

Urania , die Himmlische: Muse der Astronomie. Sie trägt Himmelskugel und Zeigestab.

Die Musen gehören zum Gefolge des Apollon. Hesiod behauptet, sie seien auf dem Helikon zu Hause, bei der Quelle Hippokrene. Andere sagen, die Musen wohnen auf dem Parnass, bei der Kastalischen Quelle, deren Wasser Begeisterung und Dichtergabe verleiht.

Es gab eine Zeit, in der Musik und Tanz und Dichtung und Wissenschaft sich noch ganz nahe waren. Was ist es denn, das sie verbunden hat – und vielleicht, schwer zu bemerken, noch immer verbindet, über alle Erscheinungsformen hinweg?

„Das Geschaffene soll nicht seinen Schöpfer preisen, sondern es fehlt noch etwas, das Sein der Dinge ist nicht vollendet, solange es nicht eine Sprache gibt, die es aussagt. Die Dinge und ihre Herrlichkeit müssen ausgesagt werden, das ist die Erfüllung ihres Seins. [...] Das also ist es, wozu die Musen erschienen sind, dies die Bedeutung ihres göttlichen Seins.“ So schreibt Walter F. Otto 1955 in seinem Buch Die Musen und der göttliche Ursprung des Singens und Sagens.

Die Wissenschaft findet sich hier immer noch ein. Es ist die Technik, die alles nutzbar machen will und Singen und Tanzen nicht schätzt. Wir brauchen auch sie – aber verwechselt sie mit der Wissenschaft nicht!

Die Heiligtümer der Musen wurden so weit wie möglich entfernt von den Städten angelegt. Weil die Musen in der offenen Natur ihre Heimat haben. Diese Heiligtümer hießen Museion. Aus dem Wort ist unser Museum entstanden das es nur in der Stadt gibt, weit von jedem Ursprung entfernt.

Aber manchmal kommen dort Dinge hinein und können betrachtet werden, die künden von diesem Anfang, der in den Künsten immer gegenwärtig ist. Und manchmal, wenn wir in uns hineinlauschen, sind wir dem Quell auch nah.

 

 

 

Sonntag, 14. Juni 2015

 

„Was mir an den Menschen besonders gefällt, sind ihre vielen Federkleider“, tschilpt Anton.

„Das sind keine Federn“, tschilpt Karl.

„Aber Kleider“, tschilpt Anton und nickt.

„Und was soll an diesen Kleidern so gut sein?“, fragt Karl.

„Dass sie immer ein anderes anhaben, auch mit ganz anderen Farben! Ich weiß gar nicht, wo am Leib sie die vielen Kleider verbergen!“

„Anton“, tschilpt Karl streng.

„Karl?“, tschilpt Anton und schüttelt die Flügel.

„Du hast da etwas ganz verkehrt verstanden. Menschen haben weder Federn noch Fell – bloß ein paar kümmerliche Haare. So wie du die Kinder im Planschbecken siehst, sind sie alle beschaffen!“

Anton kratzt sich mit einem Flügel am Kopf. Nach einer langen Pause meint er: „Aber ist ihnen dann nicht kalt?“

„Doch!“, tschilpt Karl. „Deshalb haben sie sich ja künstliche Kleider gemacht. Ohne die müssten sie alle erfrieren.“

„Aber“, beginnt Anton, „aber dann gehören die Menschen gar nicht hierher!“

„Nein“, sagt Karl. „Die Menschen gehören nach Afrika, wo, wenn es kalt wird, unsere Verwandten hinfliegen, die Zugvögel. Hier können sie nur mit ihren Künsten sein.“

„Die armen Menschen“, tschilpt Anton und zerdrückt eine Träne, „so fern von der Heimat!“

„Die armen Menschen“, tschilpt Karl.

 

 

Samstag, 13. Juni 2015

 

Ein Mensch

Wissen, dass jenes der Fluss ist,
dunstverhangen im Tal, und dieses ein Baum,
der noch in den Abgrund Wurzeln streckt,
und das ist ein Halm,
auf dem ein Soldatenkäfer landet,
gegen den Wind, am aufgelassenen Weinberg,
wo ich immer noch sitze,
ein Fremder, im hoffnungsvoll
wuchernden Gras.

 

    Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Freitag, 12. Juni 2015

 

Und ein kleiner Bach. Ich bück mich, nicht um zu trinken, sondern nur um kühles Wasser zu fühlen.

Sonne taucht dort drüben, der Alb zu, einen Teil des Landes, Teile einer Stadt, in seltsam helles Licht, und jetzt, jetzt bricht sie auch hier durch, nur schwach, nur in Augenblicken.

Hier bei den Felsen ein weiter Ausblick in fast alle Richtungen, nur der Berg ist höher, und die Sonne.

Schnee, weißer Schnee und dunkle Wälder, Reflexe von Stahl und Glas im Sonnenschein. Grauer Himmel, aber Wolken treiben nun. Das allgemeine Grau, die Wand ist verschwunden. Nun scheint die Sonne warm und der Wind weht, vom ganzen Land ungebrochen, bis zu diesen Felsen.

 

    Freitag, 27. Januar 1978, Wanderung von Göppingen auf den Hohenstaufen

 

 

Donnerstag, 11. Juni 2015

 

2015-06-15 13-13-19 0078 Haiku-Wein Gewinn aus dem Haiku-Treffen Wiesbaden 300x400Fontänen.
Ein Mädchen rudert das Boot
in den Regenbogen.

 

Am ersten Tag des Haiku-Treffens in Wiesbaden (5.-7. Juni) fuhr eine Gruppe mit der Touristikbahn THermine durch die Stadt, eine andere schlenderte durch den Kurpark. Ob Fahrgast oder Fußgänger: Jeder sollte Haiku für einen Wettbewerb mitbringen.

Am nächsten Tag wurden die Einreichungen von einer Jury ohne Kenntnis der Autorennamen ausgewertet und einige Preise verteilt. Mein Haiku oben kam auf den ersten Platz und gewann eine Flasche Haiku-Wein.

Im Gespräch sagte mir jemand, er habe den Text nicht so gut bewertet, der sei doch etwas kitschig und auf eine Jury hin berechnet. Das stimmt, meinte ich.

Ein Problem mit Jurys ist, dass originelle Texte fast chancenlos sind. Das haben, denke ich, genug Wettbewerbe und Kukai gezeigt. Ein Text muss im Gewohnten bleiben, mindestens ein Juror bewertet ihn sonst schlecht und der Text hat dann keine Aussicht auf einen Spitzenplatz mehr. Günstig ist es außerdem, wenn eine Person im Text vorkommt oder wenigstens erschließbar ist: Wolken und Blumen alleine reichen nicht.

Ich habe mich über den Preis gefreut. Hat sich aber die Jury vertan? Das lässt sich nicht sagen, ohne die anderen Haiku zu kennen. Vielleicht war es der relativ beste Text. Und nun, nach mehrmaligem Lesen: Schlecht ist er eigentlich nicht. Allerdings ein bisschen idyllisch. (Natürlich bin ich hier voreingenommen.) Auch das Schöne gehört zu unserer Welt.

Wie könnte ein Wettbewerb organisiert sein, der das Problem mit der Originalität beachtet? Ich würde eine Jury nur zur Vorauswahl einsetzen und die endgültige Auswahl von ein, zwei oder drei Personen derart durchführen lassen, dass jeder eine eigene Siegerliste erstellt. Mein Verdacht und meine Hoffnung: Wenn drei Leute jeweils vier herausragende Texte benennen, werden diese zwölf von besserer Qualität sein, als wenn alle Bewertungen der Drei erst gemittelt und dann davon die Zwölf mit der höchsten Punktzahl genommen werden. Und wenn Haiku in mehreren Listen stehen? Das muss nicht von Nachteil sein.

 

 

Mittwoch, 10. Juni 2015

 

„Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.“ Paul Celan. Vom Dichter gelesen, letzte Szene in einem Film über ihn. Irgendwie ist Paul Celan für mich mit dem Niedergang der modernen Dichtung verbunden. Nicht weil er so schlecht, sondern weil er so gut war. Und in der Sprache in die Sprachlosigkeit kam. Aus der sich keine neue Sprache entwickelt. Eine Sackgasse.

Meine Hochachtung vor dem Dichter!

Warum hat er nicht richtig mit Heidegger gesprochen? Der hat einen Rahmen geboten, aber dann nicht mehr getan. Eigentlich war es richtig, einen Raum zu lassen. Niemand kann jemanden retten – außer sich selbst.

Was hätte Hölderlin gesagt, außer: „Mein Bruder!“?

Man kann Celan große Vorwürfe machen. Man kann auch sagen: „Mein Bruder!“

 

 

2015-06-09 14-17-07 0043 Kamille bei Holzgerlingen 400x300Dienstag, 9. Juni 2015

 

Der Wandergeselle ist stehen geblieben und reibt sich die Augen. Dieser Duft! Ein Meer aus Kamillenblüten. Hinter den Lidern wabern Bilder der Kindheit.

War es nicht hier oder ganz nahebei, dass er auf den Feldwegen herumstrich und Kamille pflückte? Um daheim sie zu trocknen auf Zeitungspapier und dann vor dem Haus zu verkaufen, in 1-Liter-Dosen. Woher er die nahm? Selige Kindheit! Heute streckt sich auf jenen Feldern ein Industriegebiet.

Nun hört er auch wieder den Wind – aber das ist aus einer anderen Zeit. Der Gang durch die Felder, zum Vorstellungsgespräch bei einem Meister im Nachbardorf, auf dem Rückweg mit der Mundharmonika den Sturm bejubeln, erleichtert, die Stelle nicht zu bekommen und frei zu sein, immer noch frei ...

Unversehens hat der Wandergeselle zu lächeln begonnen. Frei, sozusagen, ist er noch immer. Vielleicht umso freier, als er nicht mehr weiß, was das Wort genau bedeutet. Und die Kamille duftet aus allen Zeiten. Und die roten Funken des Mohns tanzen immer noch. Ist das nicht Glück, wenn man einen Moment nichts mehr zu sagen, nur zu erleben hat?

Die letzte Befreiuung, so hat er gehört, soll dann das Sterben sein. Aber das glaubt er noch nicht.

 

 

Montag, 8. Juni 2015

 

Die Rike flieht
zu schnell, ihr Kitz bleibt zurück,
schaut mich an.

 

 

2015-06-07 08-51-25 0002 Klee Holunder Jugendherberge Wiesbaden 300x300Sonntag, 7. Juni 2015

 

Weißer Klee.
Eine Biene fliegt zu den Wolken,
ein Stück.

 

    Garten der Jugendherberge Wiesbaden während des Treffens der Deutschen Haiku-Gesellschaft

 

 

 

 

 

Samstag, 6. Juni 2015

 

Sommerregen,
durch den Autos auftauchen,
verschwinden.

    Morgens im Zimmer der Jugendherberge Wiesbaden während des Treffens der Deutschen Haiku -Gesellschaft

 

 

2015-06-05 16-17-09 0882 Casino Wiesbaden 400x309Freitag, 5. Juni 2015

 

Aus dem Spielcasino
Schritte zum Wasser, in knirschenden
Kies.

Haiku schreiben während der Führung im Kurpark Wiesbaden, im Hintergrund das Casino. Die Deutsche Haiku-Gesellschaft, die sich hier drei Tage lang trifft, hat Preise ausgesetzt ...

 

 

 

 

 

Donnerstag, 4. Juni 2015

 

(...)

Niklas wiegt den Kopf. Eine seiner Schwierigkeiten beim Schreiben des Buchs besteht eben darin, das Gefühl zu haben, sich in Spekulationen zu verlieren, die weitreichend sind, aber ohne die Sicherheit wirklich gehaltvoller Daten.

„Was wollen denn alle gern? Kritik am Bestehenden äußern, ohne sich in die Nesseln zu setzen“, redet Hans weiter. „Und so kritisieren sie denn die Schwarmrichtung, aber nur insofern, dass sie vorwegnehmen, wohin der eigentlich will. In einem radikalen Staat heißt das, sie kritisieren, indem sie noch stärker radikalisieren. Das war im Nationalsozialismus so, im Sozialismus der DDR, und genauso bei uns, die Prinzipien sind dieselben.“

„Was hieße, dass ein Staat immer radikaler würde“, meint Niklas skeptisch.

„Und, wird er das nicht?“, fragt der Bibliothekar. „Kritik im Nationalsozialismus war möglich als Kritik, die Gesellschaft sei noch nicht nationalsozialistisch genug. Kritik im Sozialismus war möglich, als Kritik, er sei noch nicht sozialistisch genug. Kritik bei uns – na, schau dir mal die ‚Nachrichten‘ an! – Natürlich“, fährt er dann ruhiger fort, „es gibt Gegenkräfte – Anker, will ich mal sagen. Das sind die Grashalme, der Sonnenaufgang, das unwillkürliche Mitempfinden beim Anblick menschlichen Leids, das Ziehen der Wolken – aber wann bekommt man das heute denn mit? In der Welt, die Politiker und ihr Anhang schaffen, nur ganz, ganz am Rande.“

„Schlechte Karten für den Löwenzahn“, versucht Niklas einen Witz, um nicht ganz zu verstummen.

Der Bibliothekar sieht ihn lange an. „Vielleicht sind die Wolken überhaupt das Wichtigste“, sagt er dann leise. „Als Anker.“

 

    Aus: Volker Friebel (2014): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch.

 

 

2015-06-03 14-21-15 0839 Sumpf-Schwertlilien Wasserschloss Glatt 311x400Mittwoch, 3. Juni 2015

 

Fahrradfahrt von Horb zum Wasserschloss Glatt.

Ein Weiher,
bewacht von Schwertlilien.
Tiefe Stille.

 

Foto: Sumpf-Schwertlilien, gespiegelt im Graben des Wasserschlosses Glatt.

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 2. Juni 2015

 

„Schau dir nur diese fette Taube an!“, tschilpt Anton.

„Sie ist auch viel zu groß“, tschilpt Karl.

„Die muss sich doch selbst ganz scheußlich vorkommen, so missraten“, tschilpt Anton und streicht sich mit dem Flügel über das Köpfchen.

„Dieser Zaunkönig aber, der ist zu klein“, behauptet Karl und streckt sich.

„Eigentlich müsste der sich doch selbst dauernd verloren gehen, dieser Winzling“,  meint Anton. „Man sieht ihn in der Hecke ja gar nicht!“

„Die einzigen, die genau die richtige Größe haben, sind wir!“, befindet Karl und streckt die Brust heraus.

„Wir Spatzen!“, tschilpt Anton.

„Wir Spatzen!“, tschilpt Karl.

 

 

Montag, 1. Juni 2015

 

Was ist Wahrheit? Dein Fuß ist wahr, er hat sich entwickelt im Zusammenspiel deines Körpers mit dem Boden, den er berührt. Evolution ist ein Lernen, sie schreibt die Wahrheit fest in den Maßen und im Aufbau deines Körpers. Aber genauso im Holz einer Tanne, im Schnabel eines Buntspecht, der an ihr klopft, im Flug eines Schmetterlings, im Satz eines Wolfs und im flüchtenden Schaf, das er überwältigt.

Parmenides und Heraklit, die Gegensätze vereinen sich in der Wahrheit, Nietzsche und Heidegger, alle verkörpern wir im wahrsten Sinne des Wortes Aspekte von ihr, Gandhi und Stalin, Pindar und Sappho und Dali und Bach und alle die Namenlosen, die nur deshalb nicht genannt sind, weil die Namen zum Nennen fehlen ...

Weil aber die Welt so groß ist und wir, als Individuen, alle verschieden zu ihr und den Dingen stehen, sind wir auch alle verschieden. Die Wahrheit widerspricht sich stets selbst. Sie widerspricht sich, um sich zu ergänzen, wie Flügel und Flosse und Fuß.

 

    Bearbeitung einer Notiz vom August 2008

 

 

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Aktuell 19.07.2015 auf www.Fluten-Log.de, Einrichtung 19.07.2015
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