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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Mai 2015

 

 

Sonntag, 31. Mai 2015

 

Morgens im Hangwald. Was ist es, das die Vögel erschaffen? Es ist kein gemeinsames Lied, sie sind kein Chor. Jeder Vogel singt für sich. Manche scheinen aufeinander zu hören, hier und da klingt es wie ein Gespräch. Aber selten. Die meisten Vögel singen nur, wer sie sind und wo sie sind. Sie singen sich selbst und ihre Träume, ins Vermutete hinein. Was sie schaffen, ist ein Raum, in dem das alles geschieht, der durch diese vielen einzelnen Stimmen spürbar wird als ein gemeinsamer Raum.

 

 

Samstag, 30. Mai 2015

 

Vom Bleiben

Niedergelassen am Waldbach.
Meine Finger berühren
haltlosen Sand.
Nur das Moos auf dem Felsen
wispert vom Bleiben.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-05-29 18-47-28 0779 Wolken Neckar Nürtingen 400x299Freitag, 29. Mai 2015

 

Weiße Schwäne in Nürtingen.
Der Himmel,
entsprungen aus dem Gedicht.

 

Foto: Neckar in Nürtingen. Hier wuchs Hölderlin auf.

 

 

 

 

 

Donnerstag, 28. Mai 2015

 

Holunderblüten.
Wir erkennen des anderen
weißes Gesicht.

 

 

Mittwoch, 27. Mai 2015

 

Der Schatz des Volkes lag in einer gewaltigen Kammer geborgen, bewacht von den Wächtern. Eines Tages begab es sich, dass die Wächter ein kleines bisschen vom Schatz nötig gehabt hätten, um dem Volk besser dienen zu können. Sie besprachen sich untereinander – und dann nahmen sie aus der Kammer ein klein wenig fort. „Das fällt nicht auf, und wir legen es bald zurück“, sagte die Mehrheit. Und wirklich wurde es nicht entdeckt. „Besser, es wäre entdeckt worden“, sagten die wenigen, die gegen den Raub gewesen waren.

Leider ergab sich nie die Gelegenheit, den entwendeten Reichtum zurückzugeben, und es schien auch nicht nötig, da es so wenig war und gar keinem auffiel.

Nach einiger Zeit trat eine Verschlechterung des Reichs ein. Die Wächter sahen sich genötigt, noch etwas vom Schatz wegzunehmen, um etwas gegen die Probleme tun zu können. Das wiederholte sich mehrmals. Und jedesmal nahmen sie, da es nie aufgefallen war und niemandem zu schaden schien, ein klein wenig mehr.

Als das Reich in ein großes Unglück geriet, musste der König bei den Banken des Reichs eine Schuld aufnehmen. Als Sicherheit sollte der Schatz dienen. Der König ging mit all seinen Ministern und den Bankleuten zur Schatzkammer und ließ sie öffnen. Wie waren sie erstaunt, dass fast der ganze Schatz verschwunden war und nur in einer Ecke noch ein paar Reste die Leere erleuchteten! Der König sah die Wächter an. Die Bankleute sahen den König an.

 

      Juni 2013 geschrieben; mit dem Schatz des Reichs war, einer damaligen Notiz zufolge, die Freiheit gemeint

 

 

Dienstag, 26. Mai 2015

 

Nachdem der liebe Gott die Erde erschaffen hatte, tat er das, was er am liebsten tat, er wartete, während die Evolution ihren Anteil am Großen Werk verrichtete. Denn all die vielen Einzelheiten der Welt zu erschaffen, das wäre ihm doch zu umständlich gewesen. Er hatte den Grund gelegt, die Samen gepflanzt und überließ sie nun der Zeit und der Vorsehung. Erst sah er in jedem Erdzeitalter einmal nach, wie weit alles gediehen war, dann, als das Leben immer schneller zu strömen begann, immer häufiger. Und endlich, als er wieder einmal einen Blick unter die Wolken warf, begann er zu strahlen: Die Zeit war gekommen, die Schöpfung hatte sich ihre Krone endlich selbst aufgesetzt: Zwischen Reben kroch eine Weinbergschnecke dahin. Der liebe Gott nickte. Schon wollte er sich wieder hinter die Wolken zurückziehen, weil nun alles gut war, da geschah das Unfassbare. Eine ungestalte Kreatur packte die Weinbergschnecke und warf sie in einen Eimer, wo schon viele Leidensgenossen versammelt waren. Der liebe Gott schob die Wolken ganz beiseite und sah sich in der Welt um. Gigantische Flächen der einst grünen Erde waren versteinert. Irrsinnig schnelle metallische Wagen fuhren und flogen umher. Dort überfuhr gerade einer der Wagen eine Weinbergschnecke, ohne sich umzuschauen, ohne sie überhaupt zu bemerken. Der liebe Gott schüttelte sich. Am Rande eines Markts stand ein Eimer mit Weinbergschnecken. Einer dieser Schnellen, der Menschen, schob die Ebenbilder Gottes, die benommen aus dem Eimer klettern wollten, mit einem Stecken zurück. Auf einem Grill nebenan wurden die ersten gebraten. Der liebe Gott übergab sich. Er schob die Wolken wieder an ihren Platz. Tief zog er sich in sein Schneckenhaus zurück und nahm sich vor, ein paar klare Worte mit der Vorsehung zu sprechen, wenn er ihr das nächstemal begegnete. Dann schmiedete er einen Plan, seine Schöpfung zu retten.

 

    Juni 2013 geschrieben, ohne Sinn und Zweck

 

 

(Pfingst-) Montag, 25. Mai 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Im verblühten Kirschbaum
landet eine Amsel.
Stille.

 

Verblühter Kirschbaum –
in der Stille
landet eine Amsel.

 

Verblühter Kirschbaum –
die Stille
nach der landenden Amsel.

 

Verblühter Kirschbaum –
nach der landenden Amsel
die Stille.

 

Verblühter Kirschbaum –
die Stille
nach der Amsel.

 

Verblühter Kirschbaum –
die Stille
um die landende Amsel.

 

Verblühter Kirschbaum –
Stille
nach der landenden Amsel.

 

 

(Pfingst-) Sonntag, 24. Mai 2015

 

46

Auf einem Polter sitzen im singenden Wald ... Die Intensität in der Bewegung des Lebens, nur einige Augenblicke – schon ist es vorbei. Es ist ein Strom, es ist der Nebel über dem Strom, der plötzlich sich lichtet, der aufbricht, sich wieder schließt. Nur ein paar Momente ...

Weshalb wir diese wachen Zeiten als so wichtig empfin den – und sie dennoch so wenig anstreben. Vielleicht zum Glück. Vielleicht ist die Spontanität des Erwachens das Wunderbare.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Bunte Scherben. Versuch über die Seele. Tübingen: Edition Blaue Felder. Eine frühere Version erschien 2007 unter dem Titel Ein Rest reiner Wahrheit.

 

 

Samstag, 23. Mai 2015

 

„Weißt du, wer die schönsten Blumen sind?“, tschilpt Anton.

„Wer denn?“, tschilpt Karl.

„Die Gänseblümchen“, tschilpt Anton.

„Aber weißt du, wer die besten Vögel sind?“, tschilpt Karl.

„Na wer wohl!“, tschilpt Anton und drückt die schmächtige Brust heraus.

„Richtig, wir Spatzen!“, tschilpt Karl.

„Da haben wir Spatzen und die Gänseblümchen ja etwas gemeinsam“, tschilpt Anton.

„Mehr als eines“, tschilpt Karl.

„Was denn noch?“, tschilpt Anton.

„Sie werden von allen Lebewesen am meisten beneidet“, tschilpt Karl.

„Mehr als ein Wal?“, tschilpt Anton.

„Viel mehr“, tschilpt Karl. „Wale werden harpunisiert.“

„Mehr als eine Laus?“

„Noch viel, viel, viel mehr! Läuse werden gemolkt. Von uns will keiner etwas, deshalb geht es uns von allen Wesen am besten.“

„Uns Spatzen!“, tschilpt Anton.

„Uns Spatzen!“, tschilpt Karl.

 

 

Freitag, 22. Mai 2015

 

Wind übern Fluss –
Pappelflaum besiedelt
den Himmel.

 

 

Donnerstag, 21. Mai 2015

 

Aus einer Fahrradrundfahrt Tübingen – Bebenhausen – Schönbuch – Ammertal – Tübingen.

 

Woher wir kommen –
am Wegrand zittert
eine Pusteblume.

 

Gräser seid ihr
im Wind,
ihr stolzen Fahnen!

 

Kleeblüten.
Bienenflügel bewegen
den Himmel.

 

In der Blumenwiese
die Liebste – eine Wolke auf ihrem Weg
durch den Himmel.

 

Dem Rapsfeld entschweben
Spatzen.
Mohn schreit.

 

 

Mittwoch, 20. Mai 2015

 

1

Hochgezogene Windmühlen, Metall summt,
montiert in den Himmelsstrom.

Am Feldweg ins zirpende Gras, zu Mohn und Kamille,
hat sich ein Ritter gesetzt, er rupft ein Huhn,
das ihm zuflog, und summt ein Vagantenlied,
während er schaut, wohin die stählernen Flügel
sich drehen, wohin der Himmel fließt, durch Turbinen,
vor der geschwungenen Linie
des Horizonts.

 

2

Strömender Regen, deine Tränen strömen mit ihm,
während du ins Rotieren der Flügel blickst.
Wie solltest du mit deiner dürren Lanze überwinden
diesen Koloss aus Metall, wie solltest dein Pferd du,
das Gras verschmäht und vom Weizen des Feldes frisst,
zum Sturmritt antreiben?

Du bist besiegt ohne Kampf,
unterm Spottlied der Spatzen.

 

    Aus: Ritter vor einem Windkraftwerk, veröffentlicht in: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-05-19 13-15-03 0436 Wehrgang Heuneburg Donau Bussen 400x300Dienstag, 19. Mai 2015

 

Herodot schrieb vor etwa 2.500 Jahren: „Der Istros [die Donau] entspringt bei den Kelten und der Stadt Pyrene, strömt mitten durch Europa hindurch und teilt es – die Kelten aber sind außerhalb der Säulen des Herakles, Nachbarn der Kynesier, die als letzte von den Völkern Europas gegen Westen wohnen“. (Herodot II, 33)

Pyrene wird heute mit der Heuneburg verbunden, einem schon seit der mittleren Bronzezeit vor dreieinhalb Jahrtausenden besiedelten Ort, der zu Herodots Zeiten ein bedeutender Keltensitz war.

Wir fahren mit dem Zug von Tübingen nach Herbertingen, wandern nach Hundersingen zum Keltenmuseum und weiter den archäologischen Rundweg, etwa 8 Kilometer, vorbei an zahlreichen keltischen Grabhügeln, besuchen auch das Freilichtmuseum Heuneburg, das an Stelle des historischen Orts über der Donau angelegt wurde, mit dem Versuch von Rekonstruktionen.

Das Foto wurde vom Wehrgang der Heuneburg aufgenommen. Der Fluss ist die Donau. Im Hintergrund der Bussen, der heilige Berg Oberschwabens.

 

Am Keltenmuseum.
Aus Katzenaugen lugen
die Ahnen.

 

Der keltische Herrschaftssitz:
eine Blumenwiese.

 

Wie erscheint die Frühlingswiese den Vögeln? Als Meer der Düfte? Als gedeckter Tisch, an den sie sich aber gar nicht setzen, weil das Essen zu ihnen hoch in den Himmel fliegt und sie nur noch die Schnäbel aufsperren und segeln müssen?

 

 

Montag, 18. Mai 2015

 

„,Leben heißt konsumieren', schepperte es aus einem Film bei den Menschen“, behauptet Anton.

„Was leben heißt, weiß ich“, tschilpt Karl, „aber von ,konsumieren' habe ich noch nie etwas gehört.“

„Das ist, wenn du Fliegen aus der Luft fängst und verspeist“, tschilpt Anton.

„Lecker, lecker!“, tschilpt Karl.

„Und manchmal einen Schmetterling“, tschilpt Anton.

„Da möchte ich immer konsumieren!“, tschilpt Karl.

„Aber bei den Menschen gibt es noch etwas, das sie ,die Rechnung' nennen“, tschilpt Anton.

„Da fliege ich lieber weg“, tschilpt Karl.

„Da fliegen wir zusammen“, tschilpt Anton. Und sie werfen sich in den Himmel und verschwinden über dem First des Scheunendachs.

 

 

2015-05-17 19-22-02 0296 Bärlauch Kirnbachtal Schönbuch bei Tübingen 400x300Sonntag, 17. Mai 2015

 

Im Wald Teiche
des Vogelsangs. Darunter
ein Wanderer.

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 16. Mai 2015

 

Nun war ich einige Tage damit beschäftigt, ein altes Buch zu überarbeiten: Kritische Durchsicht (so sehr viel war gar nicht zu ändern), neuer Titel, neuer Umschlag, neuer Satz. Warum schreibe ich nicht lieber etwas ganz Neues?, fragte ich mich dabei. Aber das Lesen hat Freude gemacht.

 

Wenn es die Seele denn gibt, weshalb neigen wir Menschen uns ihr so wenig zu? Weshalb fällt einem so häufig das Gegenteil auf, der Hang zum Indirekten, Unechten, zum Leben aus zweiter Hand? Beispielsweise die großen Gefühle im Kino, die Rollenspiele im Netz. Oder, brutaler: Nach einem Autounfall die Menge der Gaffer um das Opfer herum.

Als solle, als wolle man sich auf das Leben immer noch weiter vorbereiten, als sei dieses Leben nur noch eine weitere Vorbereitung – worauf? – auf das Leben und es gäbe viel Leerlauf dazwischen, mit Brötchen holen, Brötchen schmieren, Brötchen verdienen, und ein paar Kinder wachsen daneben noch auf, um das Ganze irgendwie zu verlängern, wenn man schon selbst nicht heranreicht ans Blau.

Aber einmal sollte alle Vorbereitung vorbei sein, die Filme sollten enden und das Leben beginnen. (Allerdings: Wohl gerade dann hört es auf.)

Dieser Stein am Wegrand: Wenn ich ihn aufhebe, habe ich etwas Sinnloses getan. Es bringt mich nicht weiter, es ist einfach so, es ist keine Vorbereitung auf etwas dahinter, es ist einfach nur dieser Stein, da liegt er in meiner Hand, ich berühre ihn mit den Fingern der anderen. –

Hat das nun etwas mit der Seele zu tun? Weil es in der Wahrheit ist? Nicht bloß eine weitere Vorbereitung auf etwas anderes?

Geht es darum, sinnlose Dinge zu tun?

Sobald es Sinn bekommt, ist es wieder in dieser Tretmühle einer Schule des Lebens, statt vom Leben selbst durchflossen zu werden, sinnlos und klar. (Und indem ich mir das so vorstelle, versperre ich eben da mir nicht diese – Tür, bringe ich damit eben nicht wieder einen Sinn in das Sinnlose hinein und mache es damit wertvoll und das heißt wertlos?)

Ich pflücke den Grashalm, hier vor dem Weinberg an diesem wundervollen Tag, ich halte ihn hoch und lasse ihn durchleuchten vom Licht. – Und wenn der Grashalm nun fällt, aus meinen Fingern in die Wiese zurück, was habe ich dann erreicht?

Nichts.

Ist das die richtige Fährte?

 

 

 

Freitag, 15. Mai 2015

 

Zuerst aber der Alteisensammler. Das ist ein steinalter Mann, klein, dünn, runzlig, mit schlohweißen Haaren. Im Holzleiterwagen sammelt er Abfälle, Alteisen meist, und sein Weg führt zum Schrotthändler. So schlecht wie er laufen kann, ist er lang unterwegs.

An den Ausfallstraßen seh ich ihn, auch an der Maschendraht-Umzäunung des Schrottplatzes; überall wo wild abgeladen wird, holt er sich die Stücke, die er noch tragen, schieben, zerren kann aus dem Graben.

Ein Fernsehfilm wurde über ihn gedreht, Regionalprogramm. Dort sagte er angeblich (ich hab keinen Fernseher), finanziell habe er das gar nicht nötig, aber er müsse eben irgendetwas tun. Einmal sei ihm sein Leiterwagen gestohlen worden. Das wurde in der Zeitung berichtet und er habe gleich ein Dutzend neue geschenkt bekommen.

Irgendwann seh ich ihn nicht mehr, dann ist er tot. (Anmerkung nach Jahren: Ich hab ihn lang nicht mehr gesehen, er ist nun also tot.)

 

Alteisensammler:
mit dem Leiterwagen weiter,
bucklig im Herbstwind ...

 

    Geschrieben 1988, veröffentlicht in: Volker Friebel (2002): Leere Pfade. Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Donnerstag, 14. Mai 2015

 

Der Bibliothekar hat sich einen Rucksack gepackt: Eine Flasche Wasser, eine Matte, eine Jacke, sonst nimmt er nur das mit, was er schon auf dem Leib trägt – aber noch seine Kreditkarte, denn der Wald wird enden.

Im Vorraum der Hütte hängt ein Strohhut am Haken, irgendein Gast hat ihn im letzten Sommer vergessen. „Über sieben Brücken musst du gehen, durch sieben Tore, die offenstehen“, singt der Bibliothekar. Er pflückt sich den Hut vom Haken, er schwenkt ihn und setzt ihn sich auf: „Gehen wir!“ Bis zur Stadt dürften es drei Tage sein. Er macht sich auf den Weg.

***

Nebel ist gestiegen über die Ufer des Sees in die Wälder. Eine Hütte steht, leer. Ein Blässhuhn hat geschrien. Schilfrohre klacken im Wind.

Im ersten Licht der Sonne springt ein Fisch. Den Wellenkreis im Wasser des Sees könnte einer vom Ufer aus sehen. Den Wellenkreis an der Unterseite des Himmels sieht niemand.

Und nicht, wie sich die Erschütterung ausbreitet, nach unten, nach oben, in die Tiefe des Sees hinein, in die Weite des Himmels.

 

    Aus: Volker Friebel (2014): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Mittwoch, 13. Mai 2015

 

Zwei Haiku aus der heutigen Fahrradfahrt von Holzgerlingen nach Tübingen

 

Hinter verblühendem Raps
der Horizont,
mit Lagerhallen.

 

Vom Lichtstrahl erleuchteter Bärlauch.
Im Schatten
ein Jägerstand.

 

 

Dienstag, 12. Mai 2015

 

Nie endet

Strophe um Strophe gebiert
die Amsel ihr kunstvolles Lied,
das nie endet,
über Blütenblättern im Wind
und Wasser, eilig hangab.

Woher nimmt sie die Töne,
die mäandernd strömen, nach immer
neuem Beginn?
Belauscht sie nachts diese Blüten?
Borgt sie vom Wasser den Duft?

Mein Leben ruht im großen Gesang
am Bach aus den Bergen,
seine träumenden Augen
geschlossen im flutenden Klang,
geöffnet im Atem der Stille.

 

    Letzten Samstag in Freiburg im Breisgau geschrieben, am Dorfbach von St. Georgen sitzend. Fertig ist es noch nicht.

 

 

2015-05-11 12-31-11 0190 Sauerampfer Untermünstertal 400x300Montag, 11. Mai 2015

 

Das Spiel des Lichts in den Blättern des Sauerampfers am Bach – ohne Bedeutung, ohne Nachricht, einfach es selbst, mitten in der Unendlichkeit am Fuße des Belchen.

Was wäre, wenn es etwas „be-deutet“? Was wäre größer an ihm, wenn es etwas anzeigen würde, statt selbst etwas zu sein?

Unwillkürlich, gegen allen Verstand, lausche ich hinter das Licht und den Schatten nach einem Geheimnis. Unwillkürlich neige ich dazu, nach Hinweisen auf etwas anderes zu forschen, für das das Spiel von Sauerampfer und Licht nur wie ein Symbol stehen soll. Vielleicht um es größer zu machen, herauszuheben aus der Vielfalt des Seins. Vielleicht um mich selbst größer zu machen, vor diesem Berg und der Unendlichkeit.

Was ist denn, wenn keine Botschaft ist, keine Bedeutung, kein Symbol, nur dieser jäh im Augenblick aufleuchtende Jubel des Seins? Vielleicht kann ohne ein anderes der Sauerampfer und dieses Licht noch schöner werden. Doch da ist eine dunkle Stelle in diesem Wanderer, die sie mindert, die sie ein wenig durchsichtig macht und wie ihn selbst nicht ganz in dieser Wirklichkeit ankommen lässt.

    Untermünstertal, Südschwarzwald

    Foto: Sauerampfer in Untermünstertal, Südschwarzwald

 

 

2015-05-10 11-41-16 0001 Löwenzahn Schauinsland bei Freiburg 400x300Sonntag, 10. Mai 2015

 

Windräder unter uns
und Butterblumen.
Ich rufe den Wolken zu.

    bei Freiburg im Breisgau: Aufstieg von Geiersnest zum Schauinsland

 

Dem Heulader entkommen:
ein Schirmchen Löwenzahn.
Blauer Himmel.

    bei Freiburg im Breisgau: Wegrand Nähe Jesuitenschlössle

 

 

Samstag, 9. Mai 2015

 

Noch ein Nachtrag zu den Entspannungstherapie-Tagen in Sylt-Klappholttal. In einem Vortrag wurde der Nachweis erbracht, dass eine Veränderung von Körperhaltungen zu einer Veränderung von Emotionen führt. Das habe ich als junger Mann ausprobiert, 18 oder 19 Jahre alt mag ich gewesen sein und ging in dieser Mischung aus Depression und Zorn die Bahnhofstraße der Kreisstadt hinunter. Da machte ich, angeregt durch ich weiß nicht mehr welche Gedanken, eben dieses Experiment: Ich richtete mich auf und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. Und stellt fest, dass sich meine Laune damit tatsächlich besserte. Und nahm dann wieder meine alte Haltung ein. Ich wollte das nicht, aufrecht und guter Dinge sein. Das war irgendwie nicht richtig. Was wollte ich? Vielleicht wollte ich mich schlecht fühlen, vielleicht gab es Gründe dafür, beispielsweise die Lebensumstände eines jungen Mannes, und ich wollte die nicht übertünchen, selbst wenn ich mich dabei besser fühlte, ich wollte in der Wahrheit leben, in der ich war. Vielleicht tat mir auch die Spannung zwischen dem Lächeln und meiner „wahren“ Stimmung weh und dieser Schmerz war größer, als der Schmerz, in dieser Wahrheit wirklich zu sein.

Ich glaube, die Therapie von Depressionen durch Veränderung von Körperhaltung und Gesichtsausdruck wird auf einige überraschende Schwierigkeiten stoßen. Obwohl natürlich bei weitem nicht alle Depressiven zornige junge Männer sind.

    Im Flix-Bus von Tübingen nach Freiburg im Breisgau

 

 

Freitag, 8. Mai 2015

 

Waldbachrauschen.
Mein Platz ist noch immer
vor dem Geheimnis.

 

 

Donnerstag, 7. Mai 2015

 

Frühlingswind.
Kein Blatt im Wald vergisst
zu schaukeln.

 

 

Mittwoch, 6. Mai 2015

 

„Die meisten Amseln schimpfen, wenn die Nacht kommt. Aber manche jubeln auch dann. Oder sind das welche, die beim Morgenjubel schweigen? Die nur vor der Nacht singen?“

Der Bibliothekar lauscht Claras Stimme nur, antwortet nicht.

Zu lauschen ist schön.

 

    Aus: Volker Friebel (2014): Clara und der Bibliothekar. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Dienstag, 5. Mai 2015

 

Der Flaschengeist

Mitten im Zauberwald lag sie. Ein verirrter Wanderer hatte sie vor langer Zeit hier weggeworfen. Fast ganz war sie schon begraben im alten Laub und in der Walderde. Nur noch ein kleines Stückchen vom Flaschenboden ragte hervor. Darin hatte sich die helle Sonne gespiegelt und die beiden Kobold -Zwillinge angelockt. Vorsichtig legten Klecks und Klacks die alte Cola-Flasche frei. Sie nahmen das Laub der vergangenen Jahre weg und gruben die Flasche aus dem Waldboden. Noch ein letzter Ruck, dann war es geschafft und Klecks hielt sie in seinen dürren Koboldhänden. Schmutzig war sie noch allemal und ihr Hals von Blättern und Walderde verstopft. Aber das kümmerte die Kobolde nicht. Ehrfürchtig starrten sie die Flasche an.

„Ein Flaschengeist, ein Flaschengeist“, flüsterte Klecks. „Wir haben einen Flaschengeist gefunden!“

„Wie lange die Flasche hier schon liegt?“, fragte Klacks.

„Bestimmt schon über tausend Jahre“, behauptete Klecks.

„Dann ist das vielleicht die Flasche von Harun al Raschid mit den drei Wünschen, die man erfüllt bekommt“, meinte Klacks.

„Klar ist sie das“, sagte Klecks. „Wer ist Harun al Raschid?“, fragte er dann.

„Das weiß doch jeder“, sagte Klacks. „Das ist ein großer Mann in Arabien mit einem Turban und wehenden Kleidern, und der hat eine Flasche und einen Geist und einen fliegenden Teppich und ... Jedenfalls hat mir der Einsiedler neulich etwas über ihn erzählt, ich habe nur vergessen, was. Frag ihn doch selbst.“

„Und das hier ist also seine Flasche“, meinte Klecks und schaute wieder die leere Cola-Flasche an. „Und was machen wir jetzt, um an unsere drei Wünsche zu kommen?“, fragte er dann.

„Also“, Klacks liefen die Koboldrunzeln über das ganze Gesicht, so angestrengt versuchte er sich zu erinnern. „Also irgendetwas muss man mit der Flasche machen“, sagte er dann. „Entweder muss man sie zerschlagen oder man muss an ihr reiben oder sie anmalen. Ich weiß nicht mehr genau.“

„Probieren wir es einfach aus“, meinte Klecks.

„Ja, es ausprobieren!“, Klacks machte vor Freude einen Luftsprung. „Erst zerschlagen wir sie, dann male ich sie an, und du darfst sie am Schluss noch reiben, wenn alles nichts hilft.“

Damit war Klecks gar nicht einverstanden. „Nein, erst reibe ich sie“, sagte er bestimmt. „Wenn sie zerschlagen ist, können wir ja nichts mehr mit ihr anfangen.“

„Aber dann haben wir doch den Flaschengeist und die drei Wünsche“, rief Klacks heftig. „Ist das nichts ? Du willst nur als erster drankommen, wie immer!“

„So ein Quatsch!“, schrie Klecks. Er packte die Flasche und rieb an ihr wie wild. Klacks tanzte währenddessen aufgeregt um ihn. Schließlich gab Klecks auf. Er warf die Flasche Klacks vor die Füße und setzte sich ins Moos.

„Da hast du sie“, meinte er mürrisch und wischte sich die schutzigen Hände ab.

„Also, wenn ich sie nicht zerschlagen soll, dann male ich sie jetzt eben an“, meinte Klacks zufrieden und packte die spiegelblank gescheuerte Flasche. „Gib mir Farbe!“

„Farbe, Farbe? Habe ich keine“, sagte Klacks und setzte sich auf.

„Wie soll ich sie denn bemalen, wenn ich keine Farbe bekomme?“, zeterte Klecks. „Und wenn ich sie zerschlage, ist sie kaputt!“

Aber Klacks hatte gar nicht auf die Worte geachtet. So wie Klecks die Flasche hielt, konnte er nämlich in den Flaschenhals sehen. „Gib her“, sagte er und griff nach der Flasche.

„He!“, protestierte Klecks. Aber dann sah er zu, was Klacks machte. Der steckte den Finger in den Flaschenhals und versuchte, den Schmutz und das Laub wegzubekommen. Als er noch einen abgebrochenen Zweig zu Hilfe nahm, hatte er Erfolg: Der Pfropfen aus Walderde gab nach und fiel in die Flasche. Die beiden Kobolde beugten sich drüber.

„Jetzt reiben!“, flüsterte Klacks aufgeregt. Doch so sehr sie sich auch mühten, alles, was aus der alten Flasche hervorkam, war ein ganz, ganz übler Geruch.

„Ein Geist ist das nicht“, meinte Klecks und hielt sich die Nase zu. „Oder er hat dort drinnen etwas Fürchterliches von sich gelassen und sich dann in Luft aufgelöst.“

„Wenigstens etwas“, meinte Klacks niedergeschlagen. „Weißt du was“, sagte er dann. „Wir bringen die Flasche Hubertus für seinen Fliegenpilzladen, vielleicht gibt er uns etwas dafür.“

Und das tat Hubertus denn auch. Er gab ihnen zwei schöne Tannenzapfen. Und Hagebutten dazu. Daraus bastelten sie zwei Zaubermännchen. Und so hatte ihnen die Flasche wenigstens einen Wunsch erfüllt.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Geschichten vom Zauberwald. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Montag, 4. Mai 2015

 

Auf dem Himmelsgrund sitz ich
im Schnellzug,
schau in die Wolken.

    Zugfahrt Sylt – Tübingen

 

 

Sonntag, 3. Mai 2015

 

Von der Aussichtsdüne
nach Walen spähen –
so kleine Wellen.

    Aussichtsdüne List auf Sylt

 

 

2015-05-02 15-27-09 0769 Volker Friebel Cafee Rømø Dänemark 400x300Samstag, 2. Mai 2015

 

Rumkugeln!
Die Kindheit kehrt ein, ins
dänische Café!

    Cafe auf Rømø

 

 

 

 

 

 

2015-05-01 18-53-36 0458 Strand Spiegelwolken bei Klappholttal Sylt 400x300Freitag, 1. Mai 2015

 

Weiche Schritte
im Sand. Das Grollen des Meeres –
ein Kinderlied.

    Sylt

 

 

 

 

 

 

 

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