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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv April 2015

 

 

2015-04-30 10-52-49 0144 Aussichtsdüne Möwenberg List Sylt 400x300Donnerstag, 30. April 2015

 

Die vielen Tönungen
des Sturms.
Schreie der Wildgans.

    List auf Sylt

 

 

 

 

 

 

2015-04-29 15-03-48 0082 Ostküste Watt bei Klappholttal Sylt 400x300Mittwoch, 29. April 2015

 

Lebensgezeiten.
Die Herzmuschel gräbt sich ein
in den Schlick.

    Sylt

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 28. April 2015

 

Brandungsdonnern.
Was die Wellen erzählen,
siebt das Räumfahrzeug.

    Sylt

 

 

Montag, 27. April 2015

 

Entspannungstherapie-Tage in Klappholttal auf Sylt. Ich halte ein Seminar und besuche die Veranstaltungen anderer. In einem Seminar über Achtsamkeit und Mitgefühl fällt mir sofort Nietzsche ein: „Erster Satz meiner Moral: man soll keine Zustände erstreben“. Vielleicht, weil all diese hehren Schlagworte des Psychomarkts mir wie Pole von Lebenszuständen erscheinen oder wie schöne Aussichten auf einer Kanufahrt. Aber will ich 24 Stunden am Tag achtsam sein? Wie ist es mit dem Schlaf? Wie mit Tagträumen? Ist das immer schlecht? Vage erinnere ich eine Lehrrede Shakyamunis, in der er angegriffen wurde, weil er schläft. Will ich dauernd voll Mitgefühl sein mit mir und den Menschen um mich herum? Mitgefühl ist gut, allerdings. Eine gewisse Härte scheint mir aber unverzichtbar für ein gelingendes Leben. Und nicht so, dass zwischen Härte und Mitgefühl irgendein Mittelzustand anzustreben wäre, sondern dass allen Zuständen gestattet wird, das ihre zum Leben beizutragen, soweit es denn förderlich ist. Denn vermutlich gibt es ein Spektrum von Bewusstseinszuständen, von denen manche einen guten Ruf haben, andere einen schlechten, die aber vielleicht alle sinnvoll für dieses Leben als Ganzes sein können. Und bei denen es eher darum gibt, sie überhaupt leben zu können, und sie beeinflussen zu können, wenn sie für dieses Leben negativ werden (obwohl sich auch hier die Frage stellt, ob wirklich eine lückenlose Beobachtung und Manipulation unserer Gedanken, Gefühle, Verhaltensweisen anzustreben sein soll).

 

 

2015-04-26 18-54-31 0842 Strandläufer Meer Strand bei Klappholttal Sylt 400x300Sonntag, 26. April 2015

 

Der flinke Saum
des Landes am Meer:
ein Strandläufer.

    Sylt

 

 

 

 

 

 

2015-04-25 17-58-11 0767 Meer Strand bei Klappholttal Sylt 400x300Samstag, 25. April 2015

 

Dünen und Meer.
Aus dem Regen perlt
das Lied einer Lerche.

    Sylt

 

 

 

 

 

 

Freitag, 24. April 2015

 

Ein Leben –
Stechginster vor der Wolkenfront
und dem Meer.

Wobei „Ein Leben“ erstmal ein Platzhalter für etwas Existenzielles sein soll. Ich dachte auch daran, etwas Bewegung hineinzubringen, etwa „Mein Leben – ein Weg vom Stechginster unter der Wolkenfront zum Meer“, bin mir aber unsicher, ob das nicht zu pathetisch ist.

    Sylt, Fahrradfahrt Westerland – List, abends

 

 

Donnerstag, 23. April 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Weshalb sich die Blüten bloß mühen?“, tschilpt Anton. „Sie werden doch wieder verblühen, wie letztes Jahr.“

„Und schon das Jahr davor“, ergänzt Karl.

Er pfeift ein paar Töne und meint dann: „Warum bloß?“

„Vielleicht“, beginnt Anton.

„Vielleicht“, reckt Karl sich leicht vor.

„Vielleicht strengen sie sich wegen der Bienen so an. Die saugen den Nektar der Blüten und leben nicht schlecht davon“, behauptet Anton.

„Vielleicht strengen sie sich wegen der Menschen so an, die den Bienen ihren Honig stehlen“, pfeift Karl.

„Vielleicht strengen sie sich wegen uns so an, denn für uns wurden doch die Menschen geschaffen“, fantasiert Anton. „Letztlich geschieht immer alles für uns.“

Die Spatzen sitzen nebeneinander auf dem Ast eines Blütenbaums und schauen durch die Scheibe ins Wohnzimmer, wo die Menschen ihrerseits in den Kasten mit den bunten Bildern schauen, so dass jeder etwas zu tun hat. Und im bunten Kasten, was läuft da gerade? Ein Film über zwei Spatzen, die in einem Blütenbaum sitzen und sich unterhalten!

Anton schlägt mit den Flügeln. Karl schlägt mit den Flügeln. Und dann fliegen sie fort.

Der Blütenast zittert, schwankt ein paarmal hin und her und leuchtet so weiß durch die beginnende Dämmerung, dass einer der Menschen tatsächlich hinausschaut – und den Rollladen herunterlässt.

 

 

Mittwoch, 22. April 2015

 

Alpenchalet

Den Giebelspruch lesen
und weitergehen, zum Alpenkloster zurück.
Vögel singen. Blumen blühen in jede Richtung.
Wasserfälle rauschen ringsum,
und der Wind.

Alles Wasser stürzt.
Oben aber, so sagt man,
warte ein See.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder. Geschrieben Juni 1997 während eines Aufenthalts in Dhammapala, Kandersteg

 

 

Dienstag, 21. April 2015

 

Vertrauen kann ich niemandem, der bei Ursachenaufklärung und Analyse von Problemen an der Stelle stehenbleibt, die für ihn am günstigsten ist. Der etwa die Flüchtlingsströme nach Europa auf „Schleuserbanden“ fokussiert oder möglichst schwammig auf „Lebensbedingungen“ in den Ursprungsländern, aber keinen Blick auf die Ursachen der „Lebensbedingungen“ in diesen Ländern wagt, sei es nun Syrien, das Kosovo, Afghanistan, den Irak, Libyen, Mali, die Ukraine, aus Angst hinter der Not womöglich auch die Gesichter seiner Arbeitgeber zu erkennen, die heute humanitäre Aktionen beraten und von Moral reden, aber diese Zustände durch ihre Machtspiele mitverursacht haben und die genauso weitermachen und weitere Not verursachen werden.

Vertrauen kann ich niemandem, der behauptet, dass er Frieden wolle, der aber einen Krieg beginnt, ganz gleich, ob es ein Aufständischer ist oder ein Soldat, ein Regierungsmitglied oder ein Angestellter der vorbereitenden Medien. Selbstverständlich behauptet jeder, der einen Krieg beginnt, er habe ihn nicht begonnen, sondern der Gegner. Oder er habe ihn vielleicht begonnen, aber nur, weil der Gegner ihn dazu gezwungen habe, er habe nicht anders gekonnt. Oder – am scheußlichsten – er sei nur aus Gründen der Menschlichkeit eingeschritten. Ganz gleich wie geschickt oder ungeschickt solche Leute reden, vertrauen kann ich ihnen nicht.

Vertrauen kann ich niemandem, der sagt, dass er für die Freiheit kämpfe, der aber die Freiheit anderer behindert, ganz gleich ob er es im Namen eines Regimes tut oder im Kampf gegen ein Regime.

Vertrauen kann ich niemandem, der mit Freiheit der Presse die Freiheit zur Verleumdung und Beleidigung anderer oder zur Manipulation von Nachrichten meint, der Meinung und Nachricht vermischt und über die Bearbeitung von Nachrichten Menschen zu manipulieren versucht, denn ich möchte durch die Medien informiert und nicht in eine Richtung geschoben oder „erzogen“ werden.

Vertrauen kann ich niemandem, der behauptet, dass er für Vielfalt sei, der aber nicht alle vorhandene Vielfalt meint, sondern eine eigene Vielfalt erfunden hat und andere Menschen diffamiert und verfolgt, die nicht zu seiner Vielfalt passen.

Vertrauen kann ich niemandem, der zur Verteidigung von „Werten“ aufruft und, statt diese Werte selbst zu leben oder wenigstens klar zu benennen und nicht nur als Sprechblasen in den Himmel steigen zu lassen, die Verfolgung anderer Menschen mit anderen „Werten“ damit meint.

Vertrauen kann ich keinem Staat, der eine Geheimpolizei, Geheimgerichte und einen geheimen Nachrichtendienst unterhält. Ein Staat, der Staatsgeschäfte durch geheime Institutionen verschleiert, kann weder demokratisch noch republikanisch sein. Er ist undurchsichtig und sehr wahrscheinlich verbrecherisch, seine Repräsentanten können nicht fundiert beurteilt werden.

Vertrauen kann ich niemandem, der seine Maße wechselt, je nachdem, wen es zu messen gilt, der schon Gerüchten glaubt, wenn es gegen den „Feind“ geht, der alles Handeln des Gegners nur zu dessen Nachteil auslegt, aber jedes Verbrechen sofort zu relativieren versteht, wenn es die eigene Seite begangen hat.

Vertrauen kann ich keiner Gruppe, die regiert. Vertrauen ist nur in Menschen möglich. Aber nicht in Menschen, die eine Gruppe hinter sich haben oder einer Gruppe als Aushängeschild dienen, denn das beeinträchtigt ihre Menschlichkeit.

Vertrauen kann ich niemandem, der sehr entschiedene und klare Ansichten hat. Denn er muss die Realität verbiegen, damit sie zu seinen Ansichten passt.

 

 

Montag, 20. April 2015

 

Ringelreihen

Eines Tages saß Mu vor seinem Höhleneingang und sonnte sich. Da stieg eine Frau aus dem Tal hoch und trat vor ihn hin. „Weiser Mu“, begann sie, sichtlich verlegen, „mein Sohn war gestern bei dir. Was hast du getan?“

Mu kratzte sich hinter dem Ohr. „Er wollte unbedingt ein Haustier und klagte sehr, keines halten zu dürfen.“

„Tiere brauchen Freiheit“, sagte die Frau, „es hat durchaus seinen Sinn, dass wir ihm keines zu ,halten' erlauben.“

„Eben deshalb habe ich ihm einen Floh mitgegeben“, stimmte Mu zu. „Und damit der nicht einsam ist, gleich noch einen zweiten. Und dann dachte ich: Wenn ich noch zehn weitere dazu lasse, können sie Ringelreihen tanzen und falls dein Sohn lustig ist, wer weiß, vielleicht tanzt er mit.“

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-04-19 09-54-49 0430 Segelboot Bodensee bei Gaienhofen 400x300Sonntag, 19. April 2015

 

Morgenlicht, anlandend
auf den Wogen
des Sees.

 

 

 

 

 

 

 

2015-04-18 09-53-36 0260 Kreuz Bank Waldrand Hegne 400x300Samstag, 18. April 2015

 

Ein neuer Frühling.
Über dem See noch immer
Gebete der Blumen.

Und Pfiffe der Vögel. Die Stimmen mögen andere sein als letztes Jahr, die Gebete sind dieselben, im Winter bis unter der Erde, im Frühling nun brechen sie wieder hervor.

 

Veilchen am Abhang
zum See.
Blaues Rauschen.

 

Foto: Bank am Waldrand beim Kloster Hegne, Bodensee. Eine Nonne hat ihren Rosenkranz vergessen, vielleicht über dem Singen der Vögel. Als ich nach einer Stunde noch einmal an der Bank vorbeikomme, ist die Kette verschwunden.

 

 

2015-04-17 10-49-13 0065 Hesses zweites Haus Gaienhofen 400x300Freitag, 17. April 2015

 

Foto: Hermann Hesses zweites Haus in Gaienhofen, Bodensee

 

Leere Walnussschalen
im Rauschen des Sees.
Pfähle.

 

Eingemottet
das Segelboot „Joy“.
Wellenrauschen.

 

Buschwindröschen.
Ein Vogellied hebt
die Wellen des Sees.

 

 

2015-04-16 17-51-58 0018 Stein am Rhein 300x400Donnerstag, 16. April 2015

 

Stein am Rhein.
Das Zwiegespräch des Brunnens
mit dem Frühlingswind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 15. April 2015

 

Schuld

Wegen sperrender Autos muss ich mit dem Fahrrad am Bahnübergang halten – und sehe da erst die Ursache für den Stau: Es muss vor ganz wenigen Minuten passiert sein, jemand spricht noch in ein Handy, ein Auto mit verbeultem Kotflügel steht mitten in der Straßengablung, und da liegt ein Mensch , auf der Seite, der Körper zugedeckt, der Kopf frei, ganz ruhig liegt er da, ganz, ganz ruhig, und noch ein Stück weiter liegt ein zerstörtes Motorrad.

Einige Autos haben angehalten, der Krankenwagen wird unterwegs sein, nichts ist zu tun, nur zu warten.

Ich erkenne den Fahrer des Unfallwagens nicht aus den fünf, sechs stehenden Menschen heraus. In seinem Kopf wird vieles durcheinandergehen, aber auch dort wird die Erschütterung noch alles beherrschen. Vielleicht schon jetzt, vielleicht später erst, taucht allerdings immer zorniger die Frage um Schuld auf, die jetzt noch im Schatten der Erschütterung steht, die aber für alle sehr wichtig werden wird.

Später wird Schuld der eine oder der andere sein oder beide gemeinsam.

Oder die Bremsen des Autos oder des Motorrads werden schuld sein oder ein anderes Auto.

Schuld wird sein die kleine Besorgung, die die Fahrerin des Autos unnötigerweise noch tätigen wollte, mit den Gedanken schon dreiviertel daheim.

Schuld wird der Sohn der Fahrerin sein, der sie ein paar Minuten aufhielt, so dass sie schnell fuhr, die Zeit aber nicht aufholte, sondern genau in das Motorrad hineinraste.

Schuld wird ein blühender Baum sein, den der Motorradfahrer betrachtete, weshalb er die halbe Sekunde verlor, die ihn genau in das Auto führte.

Schuld wird der Mann sein, der diesen Baum pflanzte.

Schuld wird eine Fliege sein, die so elegant eine Kurve flog, dass sie einem Vogel auffiel, der sie sofort anflog, weshalb eine Katze ihr Lauern auf diesen Vogel aufgab und ins Haus schlich, wo sie sich an eine Frau schmiegte und ein Telefonat ein paar Sekunden verkürzte, weshalb der Motorradfahrer gerade so aus dem Haus ging, dass er die Nachbarin nicht traf, die ihn sonst aufgehalten hätte, so dass er an der Ampel hätte warten müssen und für das Auto an der Straßengablung um Minuten zu spät gekommen wäre.

Schuld wird der Himmel sein, der so schön war, dass er zu dieser Spazierfahrt mit dem Motorrad verführte.

Schuld wird sein, dass eine Frau vor Jahren dem Kauf eines Motorrads nicht heftig genug widersprochen hatte.

Schuld wird das schlechte Gewissen dieser Frau wegen eines Ringes sein, das dazu geführt hatte, dass sie nicht heftig genug widersprach.

Schuld wird sein, wer diese Straße und diese Straßengabelung entwarf.

Schuld wird sein, wer diese Straße und diese Straßengabelung baute.

Schuld wird sein, wer diese Straße und diese Straßengabelung benutzte.

Schuld wird das Volk sein, in dessen Namen ein Richter an einem Tisch sitzt.

Schuld wird der Tisch sein, auf den sein Hammer fällt.

 

 

2015-04-14 09-21-58 0854 Kirschblüten bei Nehren 300x400Dienstag, 14. April 2015

 

Morgendliche Fahrradfahrt von Tübingen zur Kirschbaumblüte in Nehren.

 

Strömender Fluss.
Die dicken Lippen
der Magnolien.

 

Im Wald verfahren –
doch Schlüsselblumen!
Wir sind richtig!

 

Geschnittene Kirschzweige,
erblüht im Gras.
Ein Schmetterling!

 

 

Montag, 13. April 2015

 

Dass sich alles in Zahlen ausdrücken lässt, ist ein verbreiteter Unsinn. Natürlich lässt sich das. Alles lässt sich auch in Düften ausdrücken. Oder in Abstufungen von Grün. Eine 1 wäre etwa Holunderduft, eine 2 Erdbeergeruch, und zusammen gäbe das eine 3, das ist Petersilie.

Das geht. Der Irrtum fängt erst dann an, wenn man mit den Gesetzen der Sprache zu hantieren beginnt, in die man etwas übertragen hat. Wenn man mathematische Gesetze verwendet, um eine Kodierung von Gerüchen zu erarbeiten. Die Ergebnisse sind Ergebnisse der Mathematik, nicht der Rosen.

 

    Notiz aus dem Juni 2010

 

 

2015-04-12 13-58-07 0800 Hölderlinturm Tübingen 400x300Sonntag, 12. April 2015

 

Im Stiftsgarten
zwischen Gänseblümchen – sie blättert
ihr Buch um.

 

Foto: Hölderlinturm Tübingen. Der weite Garten des Evangelischen Stifts liegt ein Stück links davon, auch am Neckar.

 

 

 

 

Samstag, 11. April 2015

 

Dämmern

Platzende Knospen.
Am Ufer der Milchstraße
ein Teich.

Ich habe Schnee geschoben
und Sterne, eine ganze Wiese Schnee.
Ich habe Holz gehackt und die Scheite
gestapelt am Haus.
Ich habe der Zeit gelauscht.
Ich habe meinem Atem gelauscht
in diesem Dämmern.
Ich habe der Sonnenuhr Zeiger
im Schatten entdeckt.
Ich habe den Schatten des Lebens entdeckt
und nichts mehr gesucht.

Ein Frosch springt vom Ufer
hinein in die Sterne, treibt langsam
dem Grund zu.

Eine Eintagsfliege
sitzt in der Mitte der Welt, reibt sich
ein Bein, sieht mich an.

 

 

Freitag, 10. April 2015

 

Aus: Lichteinfall

6

Die Staatssicherheit hat alle Spiegelbilder
befestigt im See. Am Weidenstumpf die Kamera
ist schwenkbar, so wie der Wind weht.
Der Himmel ist schrecklich, er erinnert uns
an diese unbekümmerte Freiheit des Lichts, uns,
Kinder der Freiheit, herausgefallen, eingeklemmt
zwischen Fernseher und Stechuhr.
Wir schauen nicht oft mehr auf.

7

In den Himmel gerichtete Antennen,
sie lauschen nicht auf die Nachrichten der Wolken,
sondern nach Echos, nach Menschen,
nach dem, was auf der Erde geschieht,
nach Ablenkungen
von diesem unendlichen Blau.

8

All die Reize, die ich zulasse,
die ich selbst setze, damit ich nicht plötzlich
die Stille höre und in der Stille
mein sterbliches Herz.

All die Lügen, die ich so halb übernehme,
damit ich mich dem Angesicht der Menschen
nicht stellen muss, so wie es
zwischen Bäumen sich wirklich zeigt.

All der Müll, den ich in meine Wohnung
stopfe, damit ich nicht
die Farben vom Himmel nehmen
und an weiße Wände zeichnen muss.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

    Ein Buch, das zu früh fertig geworden ist und überdies kein erkennbares Konzept verfolgt. Ich wollte diese ganzen angesammelten Gedichte weghaben – und da stehen sie nun.

 

 

2015-04-09 11-57-07 0703 Sonnenuhr Schloss Mochental bei Munderkingen 300x400Donnerstag, 9. April 2015

 

Ein Ausflug nach Munderkingen und zum Mochental

 

Atem der Frühlingswiese,
Atem des Himmels,
mein Atem.

 

Vor der Weide versickert
der Waldbach.
Schmetterlingsschwingen ...

 

Süße des Vogellieds –
Knospen.

 

 

Mittwoch, 8. April 2015

 

„Die Gänseblümchen reichen völlig aus!“, behauptet Anton. „Das sind die Besten! Weshalb sich die anderen Blumen überhaupt noch bemühen?“

„Ich finde es schön, dass es viele Farbflecken gibt“, tschilpt Karl. „Schau nur die Hyazinthen und die Veilchen! Denk nur an Kamille und Mohn!“

„Völlig unnötig“, tschilpt Anton.

„Tulpen!“ Karl lässt nicht locker.

Anton ruckt nur mit den Flügeln.

„Willst denn du selbst auch ein Gänseblümchen sein?“, fragt Karl.

„Warum eigentlich nicht?“, überlegt Anton. „Aber dann könnten wir nicht mehr miteinander plaudern.“

„Ich wäre das Gänseblümchen daneben.“

 

 

Dienstag, 7. April 2015

 

Die erfundene Welt

Aus den Tönen haben sich die Menschen und ihre Verwandten Tonleitern erfunden, Harmonien, Rhythmen, Musik. Sie haben diese in eine Welt gebracht, die bislang nichts davon kannte. Sie sind neu. Mit den Tönen und Farben erweitern wir die bisherige Welt. In den Qualitäten des subjektiven Erlebens, in der darauf aufbauenden Musik, Dichtung, Kunst entfaltet sich eine ganz eigene Welt des Menschen und seiner Verwandten, welche die physikalische Welt zur Grundlage hat, in der aber eigene Regeln gelten. Es tut gut zu wissen, dass wir damit nicht alleine sind, sondern geschwisterlich verbunden mit anderen Wesen derselben Welt.

Was der Mensch als sein Eigenstes empfindet, sein „Ich“ – es lässt sich physikalisch nirgendwo lokalisieren. Wie es aussieht, gehört es gleichfalls zu dieser erfundenen, neu erschaffenen subjektiven Welt. Das bedeutet nicht, dass das Ich nichts ist, oder dass es weniger wäre, als wir bisher dachten. Es bedeutet, dass es anders ist, und dass wir noch nicht wissen wie, dass wir um seine Bedeutung, um seine Wahrheit ringen müssen.

 

    Aus: Volker  Friebel (2011): Die sieben Töne des Waldes. Gedichte, Haiku und ein Essay. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

(Oster-) Montag, 6. April 2015

 

Aus: Kornbühl

 

10

Das Lied der Lerche zittert immer im Wind,
seit Jahrtausenden. Wenn du bauen willst,
dann baue in ihm, auf seinen vergänglichen Tönen,
die werden fortwährend neu geboren aus dem, was „zählt“,
solange das Leben unter den Wolken ist,
nicht weil es mächtig ist, sondern weil es aus dem Herzen
der Welt lebt.

 

11

Es ist der Wald, der die Schafweide
genommen hat, und nun um den Kreuzweg steht.

Es ist dies Stückchen Holz, das die Ameise trägt,
und von dem sie getragen wird.

Es ist das leere Gehäuse der Weinbergschnecke,
aus dem ein Gräslein zu sprießen beginnt.

Es ist die Tiefe des Himmels,
die sich erst an den Wolken zeigt.

Es ist das Vollkommene im Schrei dieses Falken,
das alle Steine des Hauses durchdringt.

Es ist das Lachen im hellen Gesicht eines Kindes,
das so wenig weiß, aber alles ganz ist, was es ist.

 

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder

 

 

(Oster-) Sonntag, 5. April 2015

 

„Weshalb, glaubst du, sind wir Spatzen eigentlich auf der Welt?“, tschilpt Anton.

Karl spreizt die Flügel, kratzt sich mit einer Federspitze am Köpfchen und meint dann: „Wir sind auf der Welt für die Menschen, um ihnen von den Fliegen wegzufressen. Ohne uns bedeckten die bald den ganzen Himmel und surrten in jedes Marmeladenglas. Alle Menschen würden verrückt von ihrem Gesumme und müssten ihre Tage in den sogenannten Klappsmühlen verbringen.“

Anton hat mit offenem Schnabel zugehört. „Ich glaube dagegen“, setzt er nun an, „wir sind dazu da, mit unserem Gezwitscher die Gänseblümchen zu erfreuen. Wenn es uns nicht gäbe, würden sie bestimmt alle traurig und kümmerten weg.“

„Dann würde sich die Sonne verdunkeln“, stimmt Karl zu. „Und duster wäre sie doch eh schon, wegen all der Fliegen!“

„Wie gut, dass es uns Spatzen gibt!“, tschilpt Anton.

„Wie gut, dass es uns Spatzen gibt!“, tschilpt Karl.

 

 

Samstag, 4. April 2015

 

Gläserne Stille.
Durch Landregen die Farben
des Amsellieds.

 

 

Freitag, 3. April 2015

 

Die Einmaligkeit
eines Vogelpfiffs. Knulps Schritte
federn.

Aus dem Wald trete ich hinaus auf die Wiesen vor Zavelstein. Der wilde Krokus ist erblüht. Vorsicht, wohin die Schritte sich setzen! Was wir doch plump sind! In den Liedern der Vögel ist keine Warnung, für niemand. Langsam gehe ich durch die erwachende Zeit. Dort vorn auf die Bank will ich mich setzen. Wie immer hier.

    Aus: Volker Friebel (2015): Knulps Augen – Wanderung von Calw zu den Krokuswiesen von Zavelstein. Tübingen: Edition Blaue Felder. eBuch nur im Amazon-Kindle-Format: 11.000 Zeichen (7 Normseiten) und 7 Fotos, 2,99 Euro.

    Gestern veröffentlicht, ein ganz kleiner Text, beginnend mit dem Beitrag vom 31.03. im Fluten -Log. Ab morgen, 04.04.2015 etwa 10:00 Uhr ist das eBuch fünf Tage lang kostenlos bei Amazon ladbar. Man braucht aber ein Konto bei Amazon und ein Lesegerät oder ein Leseprogramm für den Rechner.

 

 

Donnerstag, 2. April 2015

 

Nicht eine bestimmte Länge des Grases ist wahr, sondern sein Wachstum, nicht eine bestimmte Haltung des Vogels in der Luft, sondern sein Flug.

Selbstverständlichkeiten – aber wir missachten unser eigenstes Wissen. Wir wollen, dass das Leben fest ist, die Verhältnisse so und so. Dass sich etwas ändert: natürlich, aber wir sagen auch wie oder ungefähr wie. Nicht wie der Wind jedenfalls.

Wenn Wahrheit aber konkret immer neu festgestellt werden muss, in jeder Sekunde oder sich in Abstraktheiten wie „Wachstum“ oder „Flug“ erschöpft, gibt es sie dann?

Wahr fühle ich mich, wenn ich mich lebendig fühle, wenn mein Blut rauscht, wenn mein Atem strömt. Momente sind das, sie verfliegen sehr schnell.

 

    Eine Notiz aus dem November 2008.

 

 

Mittwoch, 1. April 2015

 

Aus: Aus Fugen

 

7

Jemand fliegt Freunde besuchen,
ausgewandert auf die Kanarischen Inseln, La Palma.

Als ich im Lexikon „Resignation“ nachschlage,
finde ich „Defätismus“, ein Wort aus dem Krieg.

Du hast standzuhalten in der Schlacht,
wanken darfst du, aber nicht weichen.

So spricht das Herz.
Berge schauen es an.

 

8

Es sind nicht die Kriege der Welt,
es sind nicht die Unfälle auf der Stadtautobahn,

es ist nicht die Verfügbarkeitsrate von Wäschetrocknern,
und nicht die Polsterung im Handschuh des Boxers.

Es ist wie der Holzarbeiter die Säge an einen Stamm legt,
es ist wie der Passant durch dich hindurchschaut,

es ist wie der Mann vermeidet, das Kind zu berühren,
es ist der Schwenk der Kamera auf dem Rathausdach.

 

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

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