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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv Februar 2015

 

 

Samstag, 28. Februar 2015

 

„Sie sind wieder da!“, tschilpt Anton.

„Wer?“, tschilpt Karl.

„Die Flügellosen“, tschilpt Anton und schlägt mit den Schwingen.

„Woher?“, fragt Karl.

„Aus Indien“, tschilpt Anton.

„Und: Haben sie Spatzen auf Scheunendächer fliegen sehen?“ Karl reckt sich vor.

„Ja! Und sie behaupten: Alle Scheunendächer sind in Wirklichkeit Tempel!“

 

 

2015-02-27 12-03-13 0958 Flug Delhi - Frankfurt am Main 400x300Freitag, 27. Februar 2015

 

Hotelfassade.
Eine Taube fliegt ein Stockwerk
höher.

    Delhi, Hotel Ibis

 

 

 

 

 

 

2015-02-26 06-39-37 0546 Boot Möwen Ganges Varanasi 400x300Donnerstag, 26. Februar 2015

 

Die Sonne ist erschienen. Holzstapel starren am Ufer.

Ein Pilger wringt
sein Gewand aus. Wasser tropft
in den Ganges zurück.

    Varanasi, im Boot auf dem Ganges, morgens

 

 

 

 

 

2015-02-25 09-49-03 0673 Lakshmana-Tempel Vishnu-Heiligtum Khajuraho 300x400Mittwoch, 25. Februar 2015

 

Vom Tempeldach –
ein Affe schaut herab auf
die Blitze der Erde.

 

 

 

 

 

 

Foto: Khajuraho, im Lakshmana-Tempel das Vishnu-Heiligtum

 

 

 

2015-02-24 11-01-26 0395 Pumpbrunnen Frauen Busfahrt Orchha - Khajuraho 400x311Dienstag, 24. Februar 2015

 

Morgen in Indien.
Krishna streckt die Flöte aus dem Bild
in das Vogellied.

    Busfahrt Orchha – Khajurah

 

 

 

 

 

 

2015-02-23 17-26-23 0233 Tempel Orchha 400x300Montag, 23. Februar 2015

 

Im Abendlicht
lastet Staub. Zwei Spatzen
bewachen die Festung.

    Orchha, Blick von der Festung auf einen Tempel

 

 

 

 

 

 

P1390247 Taj Mahal Agra 300x400Sonntag, 22. Februar 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Das Plätschern der Springbrunnen
am Taj Mahal.
Jemand singt.

Springbrunnen.
Das Plätschern im Wind.
Jemand singt.

Springbrunnen
im Wind aus den Träumen.
Jemand singt.

Die Frische im Wind
tönen Springbrunnen.
Jemand singt.

Die Frische im Wind
hören Springbrunnen.
Jemand singt.

 

 

P1380770 Ausblick Hotel Morgendämmern Jaipur 400x300Samstag, 21. Februar 2015

 

Morgen in Jaipur

In der Morgendämmerung hat die Musik begonnen. Vom Tempel, der an einen Hotelkomplex lehnt, flutet sie weithin über die Millionenstadt, und immer noch strömen die Menschen hinein, vor der Arbeit auf dem Markt, in den Büros, in den Handwerksbetrieben, zu treibenden Rhythmen. Die Girlanden der Melodie sind immer gleich, immer anders, die Schlange windet sich im Geflecht eines weiteren Tages, das sich kunstvoll zu organisieren begonnen hat, wie es jeden Morgen gelingt, seit Jahrtausenden. Ich sitze am offenen Fenster und lausche in den Smog, der sich langsam erwärmt.

 

 

 

P1380517 Palast Amber 300x400Freitag, 20. Februar 2015

 

Palast von Amber

Ob sich die Tauben über die vielen Besucher wundern, die täglich herauf in ihr Schloss strömen, ihnen Tribut darzubieten, auf Elefanten! – Und wie wenig sie zustande bekommen, ein paar Krümelchen hier, ein paar Krümelchen da ... Natürlich, es reicht! Aber der hohe Aufwand müsste doch mehr schaffen als das!

Die Schwalben wundern sich kaum. Sie haben am Turm ihre Nester gebaut, sie kreisen im Himmel und nähren sich von den Feldern der Höhe, unberührt von dem, was unter ihnen geschieht.

Der Himmel wundert sich gar nicht. Er liegt über allem und hat keinen Anteil daran. Bekäme er einen Anteil an den Geschäften der Erde, würde er sterblich. Schon wie sich die Erde mit ihren Geschäften in seine Weite hineinzumischen versucht, lässt ihn altern.

 

 

 

P1380376 Drahtverhau Affen bei Jaipur 400x300Donnerstag, 19. Februar 2015

 

Installation zur Freiheit an einer Landstraße in Indien

Eine Wildnis, in der Affen lagern. Am Straßenrand steht ein fahrbarer Drahtverhau. In dessen Tür sitzt ein Mann und bewacht Bananenstauden.

Interpretation des Stilllebens: Der Mann und die Affen warten auf Reisende, die die Affen sehen und vom Mann ein paar Bananen kaufen, um sie den Affen zu geben und dadurch ihr Karma zu verbessern. Bis die Reisenden kommen, müssen die Affen um den Wagen herumlungern und der Mann muss die Bananenstauden bewachen.

 

 

P1380205 Frau Senffeld Halt Busfahrt Delhi - Alwar 300x400Mittwoch, 18. Februar 2015

 

Ein schwarzer Büffel,
angepflockt. Die Frau pflückt Blüten
im Senffeld.

    Busfahrt Delhi – Alwar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

P1370923 Affe Regierungsviertel Delhi 300x400Dienstag, 17. Februar 2015

 

Doppelwache am Ministerium:
Aber der Affe
frisst alle Dahlien!

    Delhi, Regierungsviertel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 16. Februar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Wenn die Menschen Flugzeuge haben, warum fliegen sie dann nicht mit uns durch die Siedlung zum Scheunendach?“, fragt Anton.

„Die Menschen sind anders als wir“, tschilpt Karl, „viel größer. Mit einem Flug zum Scheunendach geben sie sich nicht ab. Sie fliegen nach Indien.“

„Wo ist denn das?“, fragt Anton.

„Hinter dem Horizont“, behauptet Karl.

„So weit!“, staunt Anton.

„Und manchmal noch weiter!“, bestätigt Karl.

„Und was wollen sie dort?“, fragt Anton.

„Sie wollen zusehen, wie die Spatzen dort auf das Scheunendach fliegen“, tschilpt Karl.

 

 

Sonntag, 15. Februar 2015

 

„Gut“ und „schlecht“, „richtig“ und „falsch“ – ein paar Zen-Veranstaltungen besucht und einer sagt womöglich: Alles ist gleich. Und setzt noch dazu, dass es so etwas wie „mein Leben“ nicht gibt.

Da wird der Verfasser lachen oder das Haupt neigen. Und wenn beide dann miteinander essen und trinken, nicht Wackersteine und Essig, sondern Spaghetti und Tafelwasser, weil eben nicht alles gleich ist, wird die Verwirrung perfekt.

Kann aus dieser Verwirrung, die einen ganz auf die „nächsten Dinge“ zurückwirft, auch in unserer Zeit eine Einfachheit und Spontanität entstehen, die weder die Spatzen noch die Kühe jemals verloren haben?

Vielleicht sollten wir die Spatzen fragen, die sind frei. Unsere Schwestern, die lieben Kühe, fragen wir besser nicht.

 

 

Samstag, 14. Februar 2015

 

Wird in der Achtsamkeits-Meditation tatsächlich die „Wirklichkeit“ „entdeckt“ oder „gesehen“? Ein Gefühl davon kann sich einstellen. Gefühle können allerdings täuschen.

Um festzustellen, ob die „Wirklichkeit“ entdeckt wird, müssten wir wissen, was die „Wirklichkeit“ ist, sie mit dem vergleichen, was in der Meditation „entdeckt“ oder „gesehen“ wird und feststellen, dass es keinen Unterschied gibt.

Einen anderen unmittelbaren Zugang zur „Wirklichkeit“ als unser Gefühl, das solches behauptet, haben wir allerdings nicht. Es ist also prinzipiell unmöglich festzustellen, ob das Gefühl die „Wirklichkeit“ entdeckt oder gesehen zu haben, auf Realität basiert oder nicht.

Wenn in der Meditation die Empfindung aufsteigt, die „Wirklichkeit“ zu sehen, ist da allerdings diese Empfindung. Die eine Differenz mitteilt zwischen dem, was ich in der Meditation gerade erlebe und der Sichtweise der „Wirklichkeit“, die ich sonst habe.

So erfolgt eben doch eine Befreiung des Geistes. Aber nicht durch eine Rückführung zu irgendeinem „ursprünglichen Geist“, den wir nicht kennen können, oder einen Durchbruch in die „Wirklichkeit“, die prinzipiell unerkennbar ist. Sondern indem wir erkennen, dass verschiedene Weltsichten möglich sind. Und dass es schwer oder unmöglich ist, von der einen zu sagen, sie sei die „richtige“ und von den anderen, sie seien „falsch“ – eben weil uns der Vergleich mit der „Wirklichkeit“ fehlt. Das erleichtert uns den Versuch, nicht an der einen, alltäglichen Weltsicht zu haften. Unser Verständnis der Welt kann sich öffnen, kann weiter werden.

„Richtig“ oder „falsch“ hinsichtlich einer unerkennbaren „Wirklichkeit“, das lässt sich nicht entscheiden. Wohl aber: Gut oder schlecht für mein Leben.

 

 

Freitag, 13. Februar 2015

 

„Mit Hilfe des rationalen Denkens die Wirklichkeit entdecken zu wollen ist Illusion. Nichts zu denken und die Wirklichkeit sehen ist Gewahrsam.“ (Bodhidharma zugeschrieben)

Unterschreiben möchte ich das nicht. Das angesprochene Verhältnis zwischen Denken und Wahrnehmen ist allerdings ein interessantes.

Bei Ernst von Glasersfeld, einem radikalen Konstruktivisten, lese ich: „[...] unsere Sinnesorgane „melden“ uns stets nur mehr oder weniger hartes Anstoßen an ein Hindernis, vermitteln uns aber niemals Merkmale oder Eigenschaften dessen, woran sie stoßen. Diese Eigenschaften stammen ganz und gar aus der Art und Weise, wie wir die Sinnessignale interpretieren.“ Und: „Wir bauen uns unser Weltbild aus Signalen auf, die aus Berührungen mit Hindernissen der Umwelt stammen. Diese Signale werden zu Gegenständen verbunden.“

Wahrnehmung wird danach gleichfalls durch „Denk“-Tätigkeit bestimmt. Der Gegensatz zwischen dem „rationalen Denken“ und unserer „Wahrnehmung“ ist nicht so groß, wie er zunächst scheint. „Gedacht“ wird bei beidem. Dem rationalen Denken fehlt nach dieser Sicht für sich genommen womöglich sogar etwas die Bodenhaftung, das „Anstoßen“ an Hindernisse in der realen Welt.

Was für eine Art Denken liegt aber unseren Wahrnehmungen zu Grunde? Vielleicht darf man es im Unterschied zum rationalen Denken evolutionäres Denken nennen. Das Denken, das sich mit der Ausgestaltung und dem Erfolg unserer Wahrnehmung entwickelt hat und uns heute noch in allen Belangen des Alltags leitet, auf das unser Bewusstsein zurückgreifen kann, das aber aus nicht bewussten Quellen stammt. „[...] die Klugheit der Zunge z.B. ist viel größer als die Klugheit unseres Bewußtseins“, schreibt Nietzsche dazu.

Das rationale Denken ist noch sehr jung. Und erfolgreich. Und entsprechend von sich eingenommen. Auch wenn es erst in der Pubertät sein sollte, bringt es doch etwas in die Welt hinein, das so noch nicht da war. Und Neues entwickelt sich in der Welt sehr selten. Ein Hoch also auf das rationale Denken und seinen 13. Geburtstag! Und wer weiß, in ein oder zwei Millionen Jahren wird es vielleicht auch die Bescheidenheit gelernt haben, die allem in dieser vielfältigen Welt gut ansteht, und sich als eines unter Vielem sehen.

Vielfalt bringt mit sich, dass Fertigkeiten auf unterschiedliche Herausforderungen unterschiedlich gut „passen“. Die Stärke des rationalen Denkens scheint mir im Entwurf übergeordneter Handlungsregulationen zu liegen. Ich werfe den Müll nicht auf die Straße, weil die Stadtverwaltung rational denken kann und das mit Strafe bedroht. Die Entdeckung der Wirklichkeit, ist die mehr dem rationalen Denken oder dem Achten auf unsere evolutionär gefütterte Wahrnehmung zuzutrauen?

Ein Mann steht am Meer. Kommt er eher mit Halbschuhen oder mit Sandalen ans andere Ufer? Die Meinungen darüber könnten auseinandergehen ...

 

 

Donnerstag, 12. Februar 2015

 

Momente

Niedergelassen am Brunnen.
Fliegen summen.
Flugzeuge mischen sich ein.

Was mich erreicht, sind Momente,
Atemstillstände, Einbrüche strömender
Gegenwart.

Sonne blinkt auf dem Waldbach.
Ob all das Wasser sich irgendwo sammelt,
weiß niemand.

 

Aus: Friebel, Volker (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

2015-02-11 15-36-50 0817 Eis Pfützen bei Wurmlinger Kapelle 400x300Mittwoch, 11. Februar 2015

 

Schneereste.
Das Sirren der Erde
im Licht.

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 10. Februar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Glaubst du, dass auch die Menschen träumen?“, fragt Anton.

„Aber schau dir doch, was sie alles tun und ganz neu erfinden!“, tschilpt Karl. „Wie wäre das möglich, wenn sie nicht träumen würden?“

Anton schlägt mit den Flügeln.

„Allerdings: So wie sie die ganze Zeit wuseln, holen sie ihre Träume nie ein“, setzt Karl dazu. „Denn dazu müssen sie langsam sein.“

 

 

Montag, 9. Februar 2015

 

Das Lauschen

Mit der reinen Wissenschaft teilt die Dichtung einen Charakter des Lauschens. Während lange Jahrhunderte hindurch nur der in überlieferten Schriften einer offenbarten Religion enthaltene Sinn in rechter Weise verstanden zu werden brauchte, sind wir mit dem Autoritätsverlust der sinnstiftenden Institutionen auf uns selbst zurückgeworfen, und es ist ein Lauschen auf die ganze Natur und auf uns selbst geworden.

Sinn ist aber nichts, das willkürlich zu setzen im Belieben des Menschen steht, sondern etwas, das sich ereignet. Das kann beim Singen, in einem wissenschaftlichen Experiment, im Zusammensein mit anderen Menschen, beim Betrachten einer Blume sein. Wesentlich ist das Lauschen auf das Andere vor uns, und auf uns selbst.

Wir haben dieses Gegenüber erfunden, und uns selbst, uns Lauschende, auch. In unserem Miteinander werden wir wahr. Es ist eine Wahrheit, die sich im Lauschen verändert.

 

Aus:  Volker Friebel (2011): Die sieben Töne des Waldes. Gedichte, Haiku und ein Essay. Tübingen: Edition Blaue Felder. Papierbuch und eBuch.

 

 

2015-02-08 10-18-19 0794 Neckar Lustnau Tübingen 300x400Sonntag, 8. Februar 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Entlassen vom schmelzenden Schnee –
zwei Schwäne
rudern flussab.

Losgerissen
vom Schneerest – den Fluss hinab
treiben zwei Schwäne.

Losgerissen vom Schneerest –
den Fluss hinab
treibende Schwäne.

Losgerissen vom Schneerest –
flussabwärts
treibende Schwäne.

Abgerissen
vom Schneerest – zwei Schwäne treiben
flussab.

Abgerissen
vom Schneerest – zwei Schwäne
treiben im Strom.

 

 

Samstag, 7. Februar 2015

 

Eisvogel

Felswand am Waldbach,
angebrochene Erdzeitalter.
Aus Jahrmillionen sind Steine gestürzt
ins allgegenwärtige Wasser.

Regen beginnt.
Am Mann auf der Matte vorbei
flitzt ein Eisvogel, verschwindet um die Biegung
hinter den Schnellen.

Die Bewegung der Seele sieht keiner.
Vielleicht, weil sie so langsam geschieht
wie Steine reden, weil sie so durchsichtig ist
wie das Wasser.

 

Aus: Volker Friebel (2013): Oberleitungsschaden. Gedichte. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Freitag, 6. Februar 2015

 

„Die menschliche Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Kriegen“, lese ich in einer Erzählung.

Stimmt!

Die menschliche Geschichte ist allerdings auch eine Aneinanderreihung von Purzelbäumen. Wenn einer das Zeitfenster hinunterschaut, wird er Kinder purzeln sehen.

Und die Geschichte des Planeten Erde ist eine Aneinanderreihung ziehender Wolken.

Die Frage ist weniger, was aneinandergereiht wird, sondern welche Bedeutung die Ereignisse für die jeweilige Entwicklung haben. Gäbe es ein Bedeutungs-Zeitfenster, wir wären vielleicht sehr überrascht. Vielleicht war der bisher wichtigste Moment der Menschheitsgeschichte, als vor 42.420 Jahren, vier Monaten und zwei Tagen ein Kind im Traum einem Schmetterling zuwinkte.

 

 

Donnerstag, 5. Februar 2015

 

Die Hacke

Die alte Frau und das Kind gehen den Weg durch die Streuobstwiesen. Manchmal springt das Kind voraus, manchmal geht es neben der Frau. In der einen Hand hält es die Hacke der Alten, mit der anderen hat es ihre freie Hand gefasst und erzählt, während die Füße den Weg schon finden.

Der Weg steigt sanft den Hang hinauf und geht hinein in den Wald. Am Waldrand, ein Stück neben dem Weg, hat sich die Frau auf einer Bank niedergelassen. Die Hacke lehnt neben ihr. Ihre Augen sind in der Sonne geschlossen. Das Kind spielt in den Wiesen, bläst auf einem gepflückten Halm, stellt Vögeln nach.

Einmal hat ein Mann die Alte entdeckt und ruft sie an: „Schöner Tag“, ruft er vom Weg herüber. Die Alte richtet sich etwas auf und fasst nach der Hacke. Sie nickt ihm zu, lächelt. Sie plaudern ein wenig.

Als er weitergegangen ist, fragt das herbeigesprungene Kind. „Warum hast du eigentlich immer die Hacke dabei, wenn wir zu unserem Platz gehen, Oma?“

Die Alte streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und antwortet: „Damit die Leute nicht denken , ich ginge müßig.“

„Was ist ‚müßig gehen‘?“, fragt das Kind.

„Wenn man einfach so in den Wiesen ist, ohne etwas zu tun zu haben“, sagt die Großmutter, „nur weil es schön ist.“

Das Kind nickt. Es hat viel zu tun gehabt in den Wiesen. Und es hat eine Feder gefunden. Schwarz und weiß ist sie, die Feder einer Elster. Die zeigt es der Großmutter.

Die Feder ist schön.

 

November 2007 entstanden, für ein Materialienbuch beim Ökotopia-Verlag: Kinder entdecken die Langsamkeit. Neulich anlässlich der Überarbeitung des Buchs und seiner Neuherausgabe wiederentdeckt. Ein bisschen sehr betulich, es gefällt mir aber trotzdem immer noch gut. Ich hab es so gelassen. Eine Frau erzählte mir das, beim Spazieren in den Streuobstwiesen. Ihr war es von der Alten erzählt worden.

 

 

Mittwoch, 4. Februar 2015

 

„Hallo Karl“, tschilpt Anton.

„Hallo, Anton“, tschilpt Karl.

„Nun liegt bald der halbe Himmel auf der Erde herum oder hängt irgendwie dazwischen“, zwitschert Anton und schlägt mit dem Flügel gegen einen verschneiten Zweig.

„Und kalt ist es“, zwitschert Karl.

„Alle Kälte kommt immer vom Himmel!“, zwitschert Anton düster.

„Aber im Sommer regnet es, und Regen ist wärmer als Schnee“, widerspricht Karl.

„Aber kälter, als die Erde.“ Anton lässt sich nicht umstimmen.

„Stimmt“, zwitschert Karl.

Sie pfeifen einfach so ein paar Töne.

„Allerdings“, fällt Anton dann ein, „brennt auch die Sonne vom Himmel. Und die ist immer wärmer, als die Erde.“

„Stimmt“, pfeift Karl.

„Die Kälte kommt vom Himmel – aber die Wärme auch!“ Anton schüttelt sein Gefieder. „Da soll einer draus klug werden!“

„Zum Glück müssen wir das nicht“, zwitschert Karl. „Wir sind Spatzen!“

„Stimmt“, zwitschert Anton.

„Genau“, zwitschert Karl.

 

 

Dienstag, 3. Februar 2015

 

Ein Haiku-Versuch

 

Zwei leere Tore
im Schnee. Ein Specht erschüttert
die Welt.

Zwei leere Tore
im Schnee. Ein Specht erschüttert
den Baum und mich.

Zwei leere Tore
im Schnee. Schnee fällt vom Baum,
spechterschüttert.

Zwei leere Tore
im Schnee. Schnee fällt vom Baum,
unter dem Spechtgeklopf.

 

Mir scheint, die Verbesserungsversuche verschlechtern den Text. Wobei „die Welt“ allein in der dritten Zeile einfach nicht geht!

 

 

2011-10-17-0805 Brunnen Münzen Kloster Paleokastritsa Korfu 400x300Montag, 2. Februar 2015

 

Aus einem Korfu-Aufenthalt im Oktober 2011

 

Paleokastritsa

Auf einem Felsen das Kloster.
Geebneter Grund. Der Hund des Abts
läuft neben der Haushälterin. Weiße Mauern.
Blumen. Der Glockenturm. Das grelle Rot
aufgehängter Teppiche. Münzen glänzen
aus der vergitterten Tiefe des Brunnens.
In der Kirche wird uns gegen die Finsternis
eine Kerze gereicht.

Unten schlägt
das Meer an die Klippen,
zärtlich.

Doch es wird sie
zerbröseln.

 

Veröffentlicht im eBuch: Volker Friebel (2013): Korfu. Fotos und Verse Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Sonntag, 1. Februar 2015

 

Aus der Einführung eines Materialienbuchs zur Verlangsamung für Schule und Kindergarten, an dessen Überarbeitung ich gerade bin. Der Verlag, bei dem es vor einigen Jahren herauskam, führt es nicht weiter, nun bearbeite ich es für den eigenen Verlag:

 

Die Zeit des Geldes

Seit dem Mittelalter versucht der Mensch, sich von der Naturzeit abzukoppeln. Er hat sich dem linearen Fortschritt verschrieben, der Verheißung des Neuen. Er möchte ausbrechen aus dem Kreis, aus der zyklischen Immerwiederkehr des Gleichen, aus der Abhängigkeit von der Natur.

Als erste haben die Kaufleute sich einer anderen Zeitvorstellung verschrieben, haben versucht, Zeit zu sparen, Waren schneller und zuverlässiger, unabhängiger von Zeit und Umständen auf den Markt zu bekommen. Den Menschen konnte das recht sein, sie hatten zunächst nur Vorteile davon. Die Veränderungen, die Beeinträchtigungen des Lebens setzten schleichend ein.

Zuerst zeigten sie sich dort, wo der Einfluss der Kaufleute besonders groß war, in den Städten. Dort wurden Uhren eingeführt und gaben einen neuen, künstlichen Takt vor, der immer gleich ist und unerbittlich von den Menschen immer das Gleiche verlangt, ob die Sonne nun früh aufgeht oder spät, ob der Hahn kräht oder schläft.

Mit dem Ticken der Uhren-Rädchen hat eine allgemeine Beschleunigung begonnen. Arbeit, und in ihrem Gefolge alle Tätigkeit des Menschen, vor dem Zeitalter der Uhren wurde sie aufgabenbezogen verstanden und damit mal schnell und mal langsam erledigt, mit Gesprächen dazwischen und freiem Raum. Nun wurde sie zunehmend taktorientiert und der Berechnung ausgesetzt, dem Gewinnstreben, der zunehmenden Beschleunigung – bis hin zur wissenschaftlichen Betriebsführung, zum Taylorismus, der Ende des 19. Jahrhunderts mit Stoppuhr und Arbeitsplatzanalysen jede Körperbewegung ganz auf die erforderliche Arbeit hin einrichtete. Im Jahr 1913 nahm Henry Ford das erste permanente Fließband in Betrieb.

 

„Zeit ist Geld“, heißt es nach Benjamin Franklin. Mit der neuen Auffassung von Zeit als etwas, das es maximal zu nutzen gilt, konnten bei gleichen Kosten mehr Waren produziert und angeboten werden. Der Warenfluss verstärkte sich – zunächst nur für die gehobenen Bevölkerungsschichten, nach langen Arbeitskämpfen auch für die Allgemeinheit. Misst man den Lebensstandard danach, wieviele Produkte jemand kaufen kann, erhöhte er sich deutlich.

Allerdings ist eine Tendenz unverkennbar, dass mit zunehmender Beschleunigung die Qualität der Waren sinkt. Denn nicht nur der Takt ihrer Herstellung beschleunigt sich, auch die Schnelligkeit, mit der neue Produkte auf den Markt geworfen werden, die aber doch erst entwickelt und getestet werden müssen und dann von den Käufern in ihrer Verwendung verstanden.

Wir sind alle weit weniger kompetent in unserer Welt, als es die Menschen vor tausend Jahren in der ihren waren. Auch etwa die Bauern, die sich heute zusätzlich mit einer Vielzahl von Maschinen und Anbauvorschriften auseinanderzusetzen haben. Das dürfte auch heißen, dass wir unsicherer sind und durch die häufigeren Misserfolgserlebnisse frustrierter. Unsicherheit und Frustration sind neben der Vielzahl von Anforderungen weitere Quellen von Stress.

 

Die Beschleunigung erfasste, von der Arbeit ausgehend, nach und nach alle Bereiche des Lebens. Als naheliegendes Beispiel der Sport, er hat offenkundig mit Bewegung zu tun. Als Beispiel dafür, wie auch ganz andere, scheinbar weit abliegende Bereiche betroffen sind, die Musik.

Die Olympischen Spiele gehen auf das antike Griechenland zurück. Schaut man genauer hin, hat das damalige Fest aber kaum etwas mit dem unseren zu tun. Schon unsere Raum- und Zeitmaße waren damals unbekannt. Und jedes Verständnis für eine solche Messung der Meter oder Zehntelsekunden hätte gefehlt. Das Denken der Menschen bewegte sich in anderen Bahnen. Olympia war ein Fest zu Ehren der Götter, bei dem allerdings Menschen sich maßen – aber aneinander, nicht an abstrakten Maßen, an der abstrakten Zeit einer Uhr. Der Erste war wichtig, nicht die Zeit, die er für den Lauf benötigte oder die Meter, die er den Diskus warf.

Unser Sport begann erst im England des 17. und 18. Jahrhunderts – auf der Pferderennbahn. Pferderennen gab es schon früher, in England nun wurden Wetten abgeschlossen. Gewettet wurde nicht nur um den Sieger, sondern auch um die Zeit. Die Wette, das Geld also, stand am Anfang des modernen Sports. Nicht umsonst ist von Wett-Kampf die Rede. Von den Pferderennen zu Wettzwecken in England breitete sich das neue Sportverständnis rasch über andere Sportarten aus und wurde in anderen Ländern schnell übernommen. Im Anschluss an die Industrialisierung, die dort eingeleitet worden war, orientierte die Welt sich an England. Besonders im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich Sportarten rasant, Wettkämpfe wurden eingerichtet und Clubs gegründet.

Eine Beschleunigung scheint sogar im Musizieren zu erfolgen. Nach allem, was wir wissen (es gibt keine Tonaufnahmen) wurde alte Musik zur Zeit ihrer Entstehung wesentlich langsamer als heute gespielt. „Nach 1800 häuften sich die Stimmen, die kritisch anmerkten, die Tempi in der Musik hätten deutlich angezogen.“ (Borscheid 2004). Genauer: „Beethoven präsentierte die „Eroica“ bei der Uraufführung im Jahre 1804 in 60 Minuten, Leonard Bernstein beschleunigte sie in Wien auf 53 Minuten und 20 Sekunden und um nochmals vier Minuten bei einem Konzert im schnelllebigen New York. 1987 dirigierte Michael Gielen das Werk jugendfrisch in nur noch 43 Minuten.“ (Geissler 1999).

 

Die Beschleunigung hat alles erfasst – aber es gibt interessante Unterschiede. Untersuchungen zeigen etwa eine größere Eile der Städter im Vergleich zu Menschen auf dem Land. Umgekehrt: Die Menschen werden langsamer, wenn sie näher der offenen Natur sind. Heißt das dann nicht, dass unser Tempo unnatürlich geworden ist? Die Vielzahl an psychosomatischen Beschwerden, an Auffälligkeiten im Verhalten, an psychischen Problemen selbst schon von Kindern, sie haben auch mit dieser fortwährenden Überforderung zu tun, mit dem andauernden Alarmzustand, in dem wir leben.

Wir orientieren uns nicht an den Werten vergangener Epochen, jede Zeit hat die ihren. Aber wir sollten mehr auf die Signale des Körpers achten, das gehört zu den Werten unserer Tage – und das drängt auf eine Neubesinnung. Denn wie so oft, wenn man sich ganz auf eine Sache eingelassen hat, fallen zunehmend ihre Nachteile auf. Wir bemerken, dass das, was wir aufgaben, doch manche Vorteile hat und dass das Gewonnene nicht ohne Nachteile ist. Eigentlich möchten wir beides – und von beidem nur das Gute: den materiellen Vorteil des Fortschritts zusammen mit der Ruhe und Sicherheit der Naturzeit.

 

 

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