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Fluten-Log
Volker Friebel

 

 

Archiv September 2014

 

 

Dienstag, 30. September 2014

 

Die Moderatorin lächelt.

„Gute Nachrichten gibt es wie so oft vom Planeten Daodu. Seine Bewohner haben beschlossen, sich einer Metamorphose in Pflanzen zu unterziehen, damit der Wolf endlich zur Ruhe kommen und sich neben das Lamm legen kann. König Matterhorn der Erste stimmte dem Entscheid durch Schweigen zu.“

Ihr Gesicht umwölkt sich mit dem Blick auf das nächste Blatt.

„Ganz anders die Nachrichten vom Planeten GottesEigeneWelt. Sein Präsident erklärte in einer Pressekonferenz, dass er alle Religionen und Völker des galaktischen Sektors gleich und gleichberechtigt nebeneinander sehe und beanspruchte zur robusten Durchsetzung dieser Auffassung die Oberhoheit seines Volkes über die Galaxis. Die anstehenden Bombardierungen anderer Planeten, durch die er sein Volk und seine Mission direkt oder indirekt bedroht sehe, seien leider unumgänglich, er habe keine andere Wahl, sondern sei dazu gezwungen, um sein Volk, das nichts als den Frieden und die Freiheit für alle Völker wolle, zu schützen. Auch auf GottesEigenerWelt erklärte der Souverän durch Schweigen seine Zustimmung – hier allerdings war es kein König und kein Berg, sondern das Volk.“

Ihre Mundwinkel zucken beim Blick auf das letzte Blatt des Tages.

„Zuletzt eine Meldung für den Küchenchef. Der Übergang von Kalorien auf Joule als Maßeinheit soll nach 45 Jahren einen Meilenstein vorankommen. Weiterhin sollen beide Maßeinheiten nacheinander aufgeführt werden können, die abzulösenden Kalorien aber nun eine Schriftgröße kleiner. In weiteren 45 Jahren soll dann der Schriftzug der Kalorien Jahr um Jahr etwas blasser dargestellt werden, bis er ganz verschwunden ist. So dürfte die Umstellung in kaum mehr als 200 Jahren vollzogen sein. – Hoffen wir zur Guten Nacht, dass sich dann nicht eine neue Maßeinheit anschickt, das Joule ablösen zu wollen.“

Das Lächeln Unserer Moderatorin blitzt ein letztes Mal auf, die Regie aber blendet über zur Werbung.

 

 

Montag, 29. September 2014

 

Zurückgekehrt
die Wohnung bestaunen,
den vielen Besitz.

 

 

Sonntag, 28. September 2014

 

„Lass uns den Himmel betrachten“, raunt Unsere Moderatorin.

„Obwohl die Betondecke dazwischen liegt?“ Der Studiogast ist skeptisch.

„Bei mir liegt nichts dazwischen.“

Unsere Moderatorin schließt die Augen und das Programm endet.

 

 

Samstag, 27. September 2014

 

An Kufstein vorbei
eine Straße, die nie endet.
Herbstanfang.

    Busfahrt vom Gardasee nach München

 

 

Freitag, 26. September 2014

 

Fahrt nach Pisa –
zwischen zwei Autobahnen
eine Sonnenblume.

    Busfahrt von Florenz nach Pisa

 

 

Donnerstag, 25. September 2014

 

Vor Sonnenaufgang.
Das Gemälde
des Himmels.

    Campplatz bei Florenz

 

 

Mittwoch, 24. September 2014

 

Die junge Bettlerin
wiegt sich auf den Knien.
Kälteeinbruch.

    Orvieto

 

 

2014-09-23 09-35-02 0014 Statuen Villa San Michele Capri 300x400Dienstag, 23. September 2014

 

Villa San Michele

Villa aus alter Zeit.
Der Stein hat sich erhalten.
Und grüne Blätter.
Statuen schauen in die Mitte des Gangs,
erwarten Touristen.
Eine Schallplattenaufnahme
drängt hinaus in den Wind.
Ein Säulengang. Ein Blick
hinab auf die Stadt und den Hafen.
Was wir erreichen können ...
Unter der Brücke irgendwo der Penner.
Der Arzt und Kunstsammler.
Relative Erfolge. Es gibt auf der Erde
kein Maß, schrieb schon Hölderlin.
So ist alles in gleicher eigner Vollkommenheit.
Auch das Licht. Auch der weiße Putz
an den Wänden.

    Capri, Villa San Michele

 

 

2014-09-22 15-05-48 0737 Krater Vesuv 400x300Montag, 22. September 2014

 

Träumen, von den Strömen
der Erde. Über dem Kraterrand
blauer Himmel.

    Vesuv, auf dem Kraterrand

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 21. September 2014

 

Pompeji.
Die längste Schlange –
vor dem Freudenhaus.

    Pompeji

 

 

2014-09-20 10-54-28 0455 Pantheon Rom 400x300Samstag, 20. September 2014

 

Leere Nischen der Götter.
Wenn ich die Augen schließe,
überschwemmt mich das Licht.

    Rom, Pantheon

 

 

 

 

 

 

Freitag, 19. September 2014

 

Bei der Trajansäule
Klee,
weißblühend.

    Rom, Forum Romanum

 

 

Donnerstag, 18. September 2014

 

Gesichter des Lebens –
eine Frau schaut aus dem Geschäft
in das Licht.

    Spoleto, Marktplatz

 

 

2014-09-17 11-15-42 0315 Portiuncula Assisi 300x400Mittwoch, 17. September 2014

 

Portiuncula

Franziskuskapelle –
rundum die Geister der Bäume.
Hinter steinernen Mauern
warten Vögel auf einen Brosamen
der Gläubigen. In der Basilika, die um
dich gebaut ist, starrt Marmor,
stumm zugewandt deinen einfachen Steinen,
starrt die Kunst, der Hochmut,
die Gemütlichkeit, die Macht.
Die Einfachheit ist spazierengegangen,
füttert Spatzen vielleicht,
betrachtet den Himmel.

Stimmen, gebrochen im Hall,
die sich im Wald verlieren würden,
hier hallen sie von der Glätte
der Wände zurück, berichten von Zeiten,
die waren und nicht mehr sind.
Auch der Marmor des Bodens
ist glatt, nimmt die Schritte auf,
doch nichts von der Verwirrung
der Gläubigen, nichts vom Geist,
nichts von der Weisheit, der Liebe.

Vielleicht träumt drunten seit tausend Jahren
ein Mäuschen auch einen Traum.
Vielleicht sind nur die Träume
für den Himmel bestimmt.
Vielleicht ist alles Wissen
nur ein Wissen um Leid und jeder Traum
ein Traum von der Liebe.
Vielleicht träumen wir alle zuwenig
und wissen zuviel.

    Assisi, Basilika Santa Maria degli Angeli

 

 

Dienstag, 16. September 2014

 

Für den Erfinder
der Notenschrift – ein paar Töne,
unaufgeschrieben.

    Abtei von Pomposa; für Guido von Arezzo, der hier die Ton-Notenschrift erfand; ich kann sie nicht , höre aber die Musik von denen, die sie beherrschen

 

 

2014-09-15 16-26-46 0891 Kanal Brücke Venedig 400x300Montag, 15. September 2014

 

Der Himmel über
dem Dogenpalast. Nach der Gondel
die Welle.

    Venedig, Markusplatz

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 14. September 2014

 

Am See entlang
die Welle der Autos.
Abendlicht.

    Busfahrt am Gardasee

 

 

Samstag, 13. September 2014

 

Wiesen-Storchschnabel.
Durch meine Adern strömt
die Schnellstraße.

    an der Blau bei Ulm-Söflingen

 

 

Freitag, 12. September 2014

 

Schreie.
Von der Schnabelspitze des Geiers
tropft Regen.

    bei Cleebronn, Tierpark

 

 

Donnerstag, 11. September 2014

 

Mondaufgang.
Der schwarzen Beeren Schweigen
am Weinberg.

    bei Cleebronn, Michaelsberg

 

 

Mittwoch, 10. September 2014

 

„Reisezeit, 's ist Reisezeit!“

Die Moderatorin legt ihr letztes Blatt weg.

„Bewegen wir uns oder bewegt sich die Welt um uns herum?“

Sie fixiert den feixenden Kameramann.

„Vor kurzem dachten wir noch, die Erde stände still und Sonne und Sterne umkreisten sie. Vielleicht liegen wir alle nebeneinander im Lebenserhaltungsbecken eines Raumschiffs, unterwegs in die Andromeda-Galaxis, und das Schiffsgehirn spielt uns während der Reise Träume vor.

Ist das widerlegbar?

Na also!

Aber wir liegen nebeneinander!“

Sie haucht dem Kameramann einen Kuss zu.

 

 

Dienstag, 9. September 2014

 

Die Melodie in meinem Kopf
ohne Ausgang.
Herbstzeitlose.

 

 

Montag, 8. September 2014

 

„Die Nachricht des Tages.“ Unsere Moderatorin wischt sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und seufzt. „Monatelang gelang es einer neuen Nation zwischen den Alteingesessenen unbeachtet zu bleiben. Aufklärungsdrohnen der Vereinten NATIONEN haben es nun aber doch entdeckt, das Wespennest auf einem Dachboden in Hintertupfingen. Unser lieber Generalsekretär erklärte nach fieberhaften Beratungen seine Existenz für illegal und absolut unannehmbar. Wenn die zwischenNATIONALE Gemeinschaft einen Spalt Raum für Veränderung lasse, würde womöglich bald alles sich ändern. Kampfverbände einer Allianz der Artigen seien schon zur Ausräucherung des Dachbodens unterwegs.“

Die Kamera erlischt. Werbung flimmert über die Schirme der Welt. Unsere Moderatorin ist sitzengeblieben und wartet auf die nächste Nachrichtenunterbrechung. „Blumen sprießen, blau und rot. Das Leben mag fließen, doch wir sind der Tod“, summt sie zum Werbespot einer neuen Anti-Age-Creme.

 

 

Sonntag, 7. September 2014

 

In den Sand am Waldbach
fällt Geld.
Der Klang des Wassers.

 

Zwischen fallendem Laub
steigt ein Insekt –
in sein Mittagslicht.

 

 

Samstag, 6. September 2014

 

„Ich weiß nicht, was klar ist,
ich weiß nicht, wa
s wahr ist,
ich weiß nur, was ist
und das ist Mist!“,

rappt unsere Moderatorin und hält dann inne, um sich zu schnäuzen.

„Aber Schätzchen, es kommt doch auf die Perspektive an“, schilt der Kameramann und setzt kopfschüttelnd einen Filter ein.

„Die Perspektive, die Perspektive“, schmettert unsere Moderatorin in alt-italienischer Weise. Dann setzt sie sich in den Springbrunnen des Empfangssaals der Freibier-Medien-AG und breitet die Arme aus.

Der Kameramann schaltet sein Arbeitsgerät aus, eilt zu ihr und nimmt sie in die Arme.

Wir sehen derweil leichte Werbung.

 

 

Freitag, 5. September 2014

 

Schwarzer Bildschirm.
Hinter dem Fenster scheint
der Mond.

 

 

Donnerstag, 4. September 2014

 

Der Abend:
Septemberdunst. Auf dem Tisch
glänzt ein Apfel.

 

 

2014-09-03 13-04-38 0209 Eistobel bei Isny 300x400Mittwoch, 3. September 2014

 

Eine Wanderung im Eistobel bei Isny. Hier fließt die Argen, die etwa 50 Kilometer westwärts im Bodensee münden wird.

Am Eistobel.
Kühe widerkäuen im Gras,
zwischen Blumen.

Die schwankende Stimme
der Märchenerzählerin.
Springkraut im Wind.

Stürzendes Wasser.
Eine Witwenblume schwankt
in der Unendlichkeit.

 

 

 

 

Dienstag, 2. September 2014

 

Nachts Rechnerrauschen.
Etwas in mir sucht nach Tönen
einer Musik.

 

 

Montag, 1. September 2014

 

„Die Wahrheit stiftet nicht soviel Nutzen in der Welt wie ihr Schein Schaden.“ François de La Rochefoucauld, aus „Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen“, Erstausgabe 1665.

Die heutigen Sekretäre scheinen eher darüber besorgt, wieviel Schaden die Wahrheit anrichten könnte. Da sie aber ein gutes Herz haben, ersparen sie diese den Menschen soweit sie nur können und bieten stattdessen einen nützlichen Schein.

 

 

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