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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Archiv März 2014

 

 

Montag, 31. März 2014

 

Käpt'n Cho schnappte sich ein Kinderfahrrad, das an der Bibliothek lehnte, und trippelte darauf los, ohne sich weiter umzuschauen. Konrad winkte hilflos mit den Armen, aber die näher kommende Meute goutiere das nicht. So schwang er sich auch in einen Sattel und radelte hinter Cho her.

Der ehemalige Piraten-Kapitän schien zu wissen, wie man Verfolger abschüttelt. Bald wurde es ruhig hinter den beiden und sie kamen in einen Stadtpark. Der Schweiß lief Konrad in die Augen. Er blinzelte – und stieß fast mit einem Buckligen zusammen, der einen Leiterwagen voll Gerümpel zog.

„Pass gefälligst auf, hier ist Fußgängerzone!“, schrie ihn der Buckligen an.

Konrad deutete auf ein Schild: „Warum ist dann dort ein Fahrrad abgebildet und darunter steht das Wort ,frei'?“, fragte er höflich.

„In den Park hinein ist nur für Fußgänger“, sagte der Bucklige eisig und deutete auf das Schild eines Seitenwegs.

„Ich fahre aber hier.“ Konradin blieb freundlich.

„Verfluchte Linke wie du widersprechen schon aus Prinzip!“, schrie der Bucklige und begann die Arme zu schwingen.

„Eigentlich bin ich kein Linker“, gab Konrad zu bedenken, „wenn ich auch zugebe, für manche linke Positionen ...“

„Dann bist du eben ein verfluchter Rechter“, begann der Bucklige zu keifen und ballte die Fäuste.

Konrad schüttelte bedauernd, aber energisch den Kopf.

„Hab ich es doch gewusst!“, fauchte der Bucklige und griff nach einem Stock auf dem Leiterwagen. „Ein verfluchter Mitt-Läufer! Wie ich euch hasse!“

Er holte mit dem Stock aus. Konrad hatte sich flugs wieder aufs Rad geschwungen und suchte das Weite. Käpt'n Cho zog seinen Hut vor dem Buckligen, verbeugte sich respektvoll und folgte Konrad nach.

„Ich weiß gar nicht, was der Herr hatte“, verteidigte sich Konrad, als sie nebeneinander fuhren.

„Gründe, Gründe, was sind denn schon Gründe?“, grinste Käpt'n Cho und sang ein Lied vom Piratenschiff.

 

 

Sonntag, 30. März 2014

 

Blüten und Sterne –
aus der Nacht der dunkle Ton
des Lichts.

 

 

Samstag, 29. März 2014

 

Wanderrast mit Rhabarberkuchen und einer Thermoskanne Kaffee auf einem Holzstapel am Wegrand.

Wieviele Blütenblätter hat ein Buschwindröschen? Ich schätze, es sind fünf, Elisabeth sagt: sechs. Als wir einige Blumen durchzählen, kommen wir auf 6 Komma 7.

 

 

Freitag, 28. März 2014

 

Weißt du noch, wie wütend ich auf den Fischreiher war? Da saß er, auf einem toten Baum am Weiher, ein Stückchen abseits des Waldklosters.

Ich liebe die Goldfische so, die am Abend das trübe Wasser erhellen. Nun, unter dem starren Blick des Reihers, sah ich keinen mehr, nur eine Ahnung von einem vielleicht, oder zweien, verdeckt unter den Seerosen.

Nun stehen wir nach Monaten wieder am Weiher, der Reiher ist fort, die Goldfische leuchten das Wasser aus. Ihr Schwarm scheint kaum kleiner. Die Natur kehrt in langen Kreisen immer wieder in sich zurück. Den einzelnen Goldfisch aber bedauere ich doch.

 

 

Donnerstag, 27. März 2014

 

Elektronenfluss.
Wenn ich die Augen schließe,
seh ich den Märzwald.

Ein lichter Vorfrühlingsforst, Moospolster besiedeln den Raum zwischen den Stämmen. An einer Stelle, wo es in das Tal eines namenlosen Rinnsals hinuntergeht, steht der Seelenbaum. Ich bewunderte ihn sofort, kahl wie er war, von der Zeit mitgenommen, doch sonnendurchschienen. Hier saß ich lange. Irgendwann begann Graupel, es wurde kalt.

Im Tal strömt ein Rinnsal, kreuz und quer laufen Rehpfade. Ich sinke viel tiefer ein, aber einen magischen Augenblick lang, bin ich eines unter den anderen.

 

 

Mittwoch, 26. März 2014

 

Ausgelotet der blaue Himmel
vom Amsellied.
Wolken treiben in mir.

Wenn man keinen Text hat (ich bin gerade ganz in Musik), muss es eben ein Haiku richten. Wobei man bei 19 Silben streiten kann, ob das noch ein Haiku ist. Ich hatte wegen der hohen Silbenzahl das Blau gestrichen. Aber dann doch wieder dazugesetzt.

 

 

Dienstag, 25. März 2014

 

Vor einer weißen Wand
weiße Blüten.
Meine Heimatlosigkeit.

 

 

2014-03-24 08-46-48 0411 Hölderlinturm Tübingen verkleinert bearbeitetMontag, 24. März 2014

 

Unter grünenden Weiden ein angebundener Kahn.
Blüten erleuchten die Tiefe des Flusses.
Das oberste Fenster des Turmes steht offen.
Eine Biene hat sich ins Zimmer des Dichters verflogen.
Er schaut nicht auf vom Weiß des Papiers.
Im Raum schweben Wolken. Paradiesvögel singen
aus dem Anfang der Welt.

Ein Fernseher dröhnt vom Nachbarhaus
die Nachrichten auch dieses glücklichen Tages.
Das Holz des Pultes verwandelt sie
in eine angenehme Vibration.
Bald beginnen die Amseln ihr Lied.

Etwas spannungslos. Wenn nicht noch einige Brechungen kommen, ist es Kitsch. Das wird noch viel Arbeit kosten! Das Foto: Der Hölderlinturm in Tübingen. Heute Morgen radelte ich hin, nur um ein Bild vom Grün der Weiden zu machen.

 

 

Sonntag, 23. März 2014

 

Freibier-TV: Die Nachrichten des Tages.

„Die Amseln sangen heute den ganzen Tag, während sie sonst nur morgens und abends zu hören sind.

Ihre Nachrichtensprecherin hat sich einfach daran gefreut.

Die Nachrichten fallen deshalb heute aus.“

 

 

Samstag, 22. März 2014

 

Magnolienblüten –
entsprungen dem Schwanken
des Windes.

In der Notiz (Rückweg vom Treffen mit einer Dichterin im Kaffeehaus mit Blick auf den Hölderlinturm) sind Blüten genannt – und, nachgeordnet, eine Behauptung zu ihrer Herkunft. Besser wäre es, zwei gleichrangige Dinge gegeneinander zu halten.

Magnolienblüten –
das Schwanken
des Windes.

Doch wohl zu kurz und zu kryptisch.

Magnolienblüten.
Das Schwanken des Windes
gebiert die Welt.

Sehr großartig.

Magnolienblüten.
Geboren werden aus dem Schwanken
des Himmels.

Magnolienblüten.
Geboren werden aus dem Schwanken
des Windes.

Die Geburt ist damit etwas weggerückt von den Blüten und liegt mehr beim Betrachter. So werden die Teile des Haikus gleichwertig (hoffe ich).

Schwankt der Wind? Die Zweige schwanken, angestoßen vom Wind. Wird da eine dichterische Ausdrucksweise zum Selbstzweck? Oder ist diese Sprache dem Rätsel des Ursprungs angemessen? Irgendwann werde ich es wissen.

 

 

Freitag, 21. März 2014

 

In der Mitte des Gleißens
ein Schwan – wie tief unsere Träume
sind.

 

Blind am Ufer des Neckars stehen, wo alles wegzieht, in die Verheißung. Nach dem Ostblock der Westblock. In mir ist aber gar nichts davon (so irr ich vielleicht), nur das Herz, in der Mitte über und unter dem Gleißen.

Bienen sollen gesichtet worden sein, an den Blüten, die sich zwischen kahlen Erlen eröffnen. Die Sonne soll beobachtet worden sein, wie sie stieg. Andere sagen: sank. Und sie streiten sich nun. Ich glaube aber an nichts mehr davon.

,Sind', eine eigene Zeile, nach den vielen Wörtern der Träume.

Der Himmel kommt gar nicht vor. Weil er in alles hineinreicht und nichts erreicht. Weil nichts zu lauschen, aber alles zu nehmen gestimmt ist.

Ich werde das Haiku streichen müssen. Denn diese letzte Zeile kann niemand verstehen. Ich auch nicht.

 

 

Donnerstag, 20. März 2014

Verblühte Schneeglöckchen.
Ich lausche in das blaue Lied
des Himmels.

 

 

Mittwoch, 19. März 2014

„Das ist wie damals, als ich noch für das galaktische Amt gegen Steuerverschwendung arbeitete.“ Die Zähne blitzten strahlend weiß aus Käpt'n Chos Mäusegesicht. „Verhandlungen sind teuer. Militär sogar noch mehr. Besser, man lässt das die Eingeborenen selbst machen. Ein bisschen Geld an die Opposition, ein bisschen Gestichel um eine Demonstration, und damit sich auch wirklich etwas tut auch ein paar Scharfschützen, die beide Seiten unter Feuer nehmen – was glaubst du, für wie viele Fässer Rum wir so schon Steuergelder gespart haben! Und wir haben die halbe Galaxis befriedet.“ Er gluckste zufrieden.

In Käpt'n Chos Fingerhut war zwar nur Milch. Aber Konrad rief trotzdem der Bedienung hinterdrein: „Bitte doch nur ein Wasser!“

 

 

Dienstag, 18. März 2014

Freibier-TV: Die alternativen Nachrichten des Tages.

„Guten Abend, liebe Kuschis und Klacks“, flüsterte Unsere Moderatorin in die Kameras und las die erste Meldung.

„Von beunruhigten Bürgern alarmiert, griff Ihre Polizei heute Mittag auf dem Marktplatz einen Mann mit einer Laterne auf. Zur Rede gestellt, was er da mache, gab er zu Protokoll, er suche die Freiheit. Die Polizisten halfen ihm suchen und wirklich! – sie fanden einen Schmetterling!“

Die Moderatorin klatschte begeistert.

„Allerdings“, senkte sie nach einem Blick auf das Blatt ihre Stimme, „flog der dann weg.“

 

 

Montag, 17. März 2014

Inzwischen war es Mittag geworden. Der tolle Mensch hatte es sich mit seiner Laterne auf den Stufen des Marktbrunnens bequem gemacht. „Freiheit!“ stand auf dem Schild, das er, halb an den Brunnen gelehnt, immer noch hielt.

Niemand hatte gelacht. Einige waren wütend geworden, hatten sich ihm aber nicht zu nähern gewagt. Ein Reporter der Zeitung hatte sich gesenkten Blicks an ihm vorbeigestohlen, unterwegs zu einem Bericht über das Sterben der Bienen.

Die Sonne schien auf sie alle, ohne Unterschied. Nur die, die im Schatten saßen, sahen sie nicht. Und die, die im Licht standen, sahen sie auch nicht.

 

 

Sonntag, 16. März 2014

Weiße Blüten.
Auf dem Flößerpfad der Weg
nach Hause.

Heimweg vom Seminar. Die Stufen von der Horber Altstadt zum Neckar hinab. Früher flößten die Schwarzwälder Baumstämme durch die Stadt bis in die Niederlande. Manche Tanne wurde zum Mast eines Segelschiffs und fuhr über Meere. Die Segel heute müssen andere sein. Der Himmel bläst immer noch.

 

 

Samstag, 15. März 2014

Vom alten Wachturm
der Blick auf die Stadt, erobert
vom Märzdunst.

Die Gänseblümchen sehen die Eroberungen nicht. Sie blühen inzwischen das ganze Jahr. Sie beugen sich unter dem Fußtritt, richten sich wieder auf, öffnen sich.

 

 

Freitag, 14. März 2014

Rostbraune Schienen.
Eine Streckengabelung
im Morgengrauen.

Wie wir durch die vielen vorgegebenen Wege geprägt sind. Wann gingen wir das letzte Mal frei durch die Welt? Ich versuche, mich zu erinnern. War es wirklich als Junge, durch den Wald meiner Kindheit? Gerade im Bereich der Zivilisation die vielen versperrten Räume. Ob es je schon so unfreie Menschen wie uns gab? Wahrscheinlich doch. Wahrscheinlich sollten wir einfach nicht erwarten, weiter als die Menschen vor uns zu kommen. Aber was sonst? Nichts kann so tödlich sein wie Realismus.

 

 

Donnerstag, 13. März 2014

Innehalten, wenn sich alles überschlägt. Wenn die Dinge ruhen, ist es überflüssig. Ist es nicht überflüssig, sondern die Normalität, das nichts Bewirkende. Eigentlich geht es um Abweichungen von der Normalität, also auch um das nicht Innehalten. Vielleicht resultiert die Lebendigkeit gerade aus dem Leben gegen den Strom.

Der Zug vom Seminar war pünktlich. Es gab eine Kontrolle. Einer hatte keine Fahrkarte.

Im Seminar staunte ich über die Leben der Frauen.

 

 

Mittwoch, 12. März 2014

Ein Tag vor einem flimmernden Schirm. Die Welt wird immer mehr zur Idee von der Welt. Natürlich: Philosophisch betrachtet, war sie das immer schon. Aber dann draußen, beim Gang zum Markt: Die alte Welt der Vögel und Wolken ist immer noch da. Und das lächerlich unbeweisbare Gefühl einer stärkeren Realität in ihr.

 

 

2014-03-11 13-44-18 0297 Krokusse Zavelstein 400x300Dienstag, 11. März 2014

 

Spinnerin Kreuz:
Krokusse versuchen sich neu
an der Unendlichkeit.

„Spinnerin Kreuz / aus dem Jahre 1447 / An dieser Stelle ist eine Spinnerin / im Schneesturm umgekommen“. Das sagt die Tafel. Auf dem Kreuz selbst – ist das eine Spindel mit einer Jahreszahl? Wir sind nicht sicher.

Als ich die Augen schließe, sehe ich im Zeitraffer das steinerne Kreuz unverändert durch die Jahrhunderte, während sich rundum alles verändert.

Irgendwann tauchen Krokusse auf, öffnen sich, verblühen, im Pulsschlag, im Blinzeln erscheinen sie und verschwinden, um das standhafte Kreuz für die Tote.

Eine Spinnerin. Jemand muss sie sehr geliebt haben. Wir sind auf den Krokuswiesen von Zavelstein.

 

 

Montag, 10. März 2014

 

Freibier-TV: Die alternativen Nachrichten des Tages.

Unsere Moderatorin lächelte unter der Flimmerschrift. „Guten Abend, liebe Kuschis und Klacks“, begann sie zuckersüß und griff nach dem ersten Blatt.

„Heute Morgen“, las sie mit einem neckischen Augenaufschlag, „ist im Rinnstein das erste Veilchen erblüht. Spaziergänger fanden es schwach, aber wohlauf erhoben aus dem Straßenstaub und sprachen ihm Mut zu.“

Beifall brandete durch das Studio. Unsere Moderatorin lächelte und senkte wieder den Blick.

„Der Mond ist aufgegangen“, las sie. „Nur ein halber Mond, ja, aber eine ganze Wirklichkeit über unserem Meer der Träume.“

 

 

Sonntag, 9. März 2014

 

Die Moderatorin plapperte fröhlich. „Und nun setzen wir unseren geschichtlichen Rückblick fort. – Herr Professor Dr. h.c. Lautenklang“, wandte sie sich an den Studiogast, „Sie waren über Jahre Programmgestalter bei Freibier-TV und schon seit der Gründung mit dabei: Hatten Sie etwa auch die Idee mit dem originellen Namen unserer Sendeanstalt?“

Der Herr Professor schmunzelte. „Nein. Ein Zufall führte Regie.“ Er lachte. „Wir hatten anfangs an den Namen Freiheits-TV gedacht. Der spätere Chefredakteur Kultur überzeugte uns dann aber, wie vielschichtig dieser Begriff ist und wie sehr dazu geeignet, sich in alle möglichen Nesseln zu setzen. Wir beschlossen deshalb, ,Frei' beizubehalten, aber ,Bier' anzuhängen. Dabei war aber nicht etwa der schnöde Mammon federführend!” Der Herr Professor wedelte mit dem Zeigefinger. „Auch linguistische Analysen gingen in die Problemdefinition ein. – Was zum Teufel heißt eigentlich ,heit'? ,Bier' schien uns didaktisch ungleich verständlicher.“

Die Moderatorin lächelte und setzte nach: „Hintergedanke war doch sicher auch Sponsoring.“

Der Professor nickte: „Allerdings. – Unglücklicherweise erwies sich der Namensbestandteil ,frei' hier als hartnäckig ungünstig. Wir konnten damit keine Bierfirma als Geldgeber gewinnen und waren deshalb schon in Verhandlungen mit Kosmetikherstellern getreten.“

„Die sich dann auch zerschlugen?“, half die Moderatorin weiter.

Der Professor wiegte den Kopf. „Wie man es nimmt. Während einer der wilden Partys in den noch abgeschalteten Senderäumen, simulierten angetrunkene Mitarbeiter Testsendungen. Nun, es ging sehr heiter und freizügig zu, und jemand schaltete versehentlich auf Sendung. Der Rest ist Geschichte. Nach dem überwältigenden Erfolg unserer Erstsendung behielten wir den Namen, unter dem sie in den Äther ging. Und mussten es nie bereuen. Heute gehört übrigens eine der Bierfirmen, die damals abgewunken haben, der Freibier-Medien-AG.“

 

 

Samstag, 8. März 2014

 

Wenn einer sein ganzes Leben in einem Zimmer verbringt, aber auf dem Schirm und in Büchern die Welt bereist, kann er nicht mehr erleben, als der Tourist?

Bestimmt.

Aber nicht seine Haut, die bleibt vor dem Schirm mit der ägyptischen Sonne blass. Vor dem Schirm und dem Buch erlebt ein Teil des Menschen nicht, sondern verkümmert, auch wenn Gefühl und Intellekt noch so gut angeregt werden.

 

Den Traum verloren ...
Ins Pfeifen der Amsel
ereignen sich Primeln.

 

 

Freitag, 7. März 2014

 

Der Koch saß auf dem Boden und schnarchte. Aber die Segel des Schiffes sangen im Wind. Matrosen kletterten behände in die Takelage. Eine helle Stimme klang dünn, aber laut über das Deck. Auf dem Quarterdeck stand stolz deren Blasebalg. Es war eine Maus, in Kapitänsuniform.

„Was ist denn das?“, fragte Konrad einen Matrosen.

„Was hätten wir machen sollen?“, fragte der zurück. „Der Kerl spazierte eines Tages mit einem Kumpel in die Messe. ,Voilà', sagte er, ,der Kapitän ist im Rumfass ersoffen. Ihr seid nun frei und habt die Wahl! Entweder wählt ihr mich zum neuen Kapitän oder ihn' – Und dabei bleckten die beiden ihre Zähne wie beim Wettbewerb für eine Zahnpastawerbung! So haben wir eben die Maus gewählt, die am weißesten grinste.“

„Wie heißt der Kapitän denn?“, wollte Konrad wissen.

„Käpt'n Cholera“, half der Matrose. „Und sein erster Offizier“, er deutete auf eine zweite Maus, die an der Reling lehnte und über den Griff ihres Degens fuhr, „heißt Pest. Ich glaube, wir haben das kleinere Übel gewählt.“

„Wäre es nicht noch besser gewesen, jemand anderes zu nehmen, der vielleicht etwas vom Segeln versteht?“, fragte Konrad.

„Jemand anderes?“, der Matrose kratzte sich. „Dass das möglich ist, haben die uns gar nicht gesagt!“

 

 

Donnerstag, 6. März 2014

 

Frühlingsgesänge.
Ein Blatt auf dem Waldboden
öffnet die Lider.

***

Erste Schlüsselblumen! Und auch der Huflattich ist schon da! Es würde mich nicht wundern, wenn die Erderwärmung hinter den kahlen Bäumen bald Löwen hervorlockt und Papageien die Buchen bekrächzen. Vielleicht wird so doch noch etwas aus dem alten Plan der Weltregierung, ausgewählte Bevölkerungsteile vor der aufziehenden Wüste zu retten und in einem großen Kreuzfahrtsschiff zum Weihnachtsmann an den Nordpol zu schippern. Wenn auch der Boden dort zunächst noch kalt sein mag, wird sich das in den Sommer hinein schon geben. Und jeder Auserwählte bekommt ein Luxus-Apartment! Das er allerdings selbst in Stand halten muss, denn im Lande des Weihnachtsmanns sind nicht nur die Frauen, sondern alle Menschen gleichgestellt. Aber vielleicht zeigt der Weihnachtsmann doch ein bisschen Respekt vor den unterschiedlichen Verdiensten der Auserwählten. Je verdienstvoller einer war, ein umso größeres Apartment könnte der doch erhalten! Und der relativ Beste unter den Verdienstvollen bezieht eine Bretterbude auf einem Ruderboot.

 

 

Mittwoch, 5. März 2014

Ein Tag vor dem Schirm, in Vorstellungen, Berechnungen. So viel Leben aus zweiter Hand, dass die Unwirklichkeit mürbe macht. Dann am Waldbach frag ich die Luft vor mir nach Ankern.

Ein Anker ist das Sitzen am Waldbach, im einen Ton des Wasserfalls, der doch fortwährend neu aus Vielem entsteht.

Ein Anker ist der Ton eines Vogels, der durch den Ton des Wasserfalls springt.

Ein Anker sind immer die Wolken, im Spiegel des Wassers auch.

Ein Anker ist die Fahrt auf dem Rad, mit dem Wind im Gesicht und den geforderten Muskeln.

Ein Anker ist der Atem, sein Vergehen und wieder Entstehen, sein zur Ruhe kommen auf der Wippe der Stille.

Ein Anker ist das Innehalten am Schirm, wo die Worte entstanden sind.

 

 

Dienstag, 4. März 2014

Auf Stufen vom Fluss hoch sitzen
zwei Sterne,
ein Liebespaar.

 

 

Montag, 3. März 2014

Auf dem Fahrrad zum Einkauf an das andere Ende der Stadt: Die vielen kleinen Konflikte auf dem Weg , immer zwischen Menschen, nie zwischen den Bäumen des Parks und den Menschen. Auf dem Parkplatz des Markts wurde es laut. Ein Autofahrer hatte seinen Wagen in eine Zufahrt gestellt, die ein Zulieferer brauchte. Geschimpft haben beide, obwohl das Recht, wie sonst selten, klar auf einer Seite lag.

Beim Radfahren im Wald gibt es wenig Konflikte. Wenn, dann auch hier zwischen Menschen, wie etwa neulich zwischen uns Radfahrern und den Arbeitern, die ihren Baumschäler, ohne eine Ausweichmöglichkeit zu lassen, genau in die Mitte des einzigen nicht gesperrten Waldwegs aufgesetzt hatten. Die Konflikte der Bäume bleiben uns Menschen verborgen. Das Licht wird nicht durch militärische Mittel erkämpft, sondern durch Glück erworben. Wachsen am richtigen Platz, den Schnauzen des Wildes entkommen, schnelleres Wachstum in den freien Raum durch spezialisierte Gene oder einen besseren Zugang zu Wasser und Mineralien.

Der eine Fahrer hatte Recht, der andere Unrecht. Bei zwei Bäumen, die um Licht konkurrieren, wie entscheidet man da? Der eine hat Recht, der andere Unrecht? Weshalb fällen wir geradezu reflexartig Urteile über Recht und Unrecht bei Menschen, während uns das bei Bäumen oder Amseln schwer fällt? Weil nur wir Menschen ein gesetztes Recht haben? Und so etwas wie eine Moral, sich dann auch daran zu halten? Mit den Urteilen sind wir allerdings besonders schnell und hart, wenn offensichtlich keiner der Kontrahenten sich an dieses Recht und diese Moral hält. In so einer Situation neigen wir sogar am meisten zu einer polarisierten Stellungnahme: Dem einen weisen wir dann gerne alles Recht zu, dem anderen gar keines.

Keinen Konflikt verstehen wir ganz. Immer fehlen uns Informationen. Und bei dem, was wir an Informationen erhalten, ist es schwierig abzuschätzen, wie zuverlässig und vollständig sie sind. Das weiß jeder. Urteile fällen wir trotzdem rasch. Das muss für uns sehr wichtig sein.

 

 

Sonntag, 2. März 2014

Neulich las ich, dass sich Deutschland zu einer Konsens-Gesellschaft entwickelt habe. Nun fand ich immer wichtig, dass bei Auseinandersetzungen alle Beteiligten gesehen und gewürdigt werden. Weniger als Suche nach Kompromissen, sondern als Denken in Ebenen: Wenn eine Auseinandersetzung stattfindet, dann lasst uns doch eine höhere Ebene finden, in der diese Interessen als zusammengehörig umfasst und aufgehoben werden können! „Konsens-Gesellschaft“ klingt dazu gut.

Allerdings war im Artikel dann die Rede von einer mit dieser Konsens-Gesellschaft einhergehenden Verengung des Spektrums an Positionen und Meinungen. Und wer nicht das vertritt, was in dieses Spektrum öffentlicher Meinungen passt, fliegt aus der Öffentlichkeit hinaus. Konsens-Gesellschaft nicht durch das Streben nach einer Übereinstimmung in einer höheren Ordnung, sondern durch das Bemühen und den Zwang zu Konformität also.

Diese Entwicklung fällt mir allerdings auch auf. Und so scheint es mir, als sei es heute im Gegenteil nötig, das herauszuarbeiten, was die Menschen trennt, was sie als lebendige Menschen überhaupt erst sichtbar macht, nämlich der Unterschied. Als sei heute das Spektrum an öffentlichen Meinungen zu erweitern und eben nicht durch Harmonisierungs- (oder Dominanz-) Streben anzugleichen.

Warum nicht einmal eine Aufzählung aller Heiligen Kühe dieser deutschen Republik, mit Nennung von Gegenpositionen – und zwar ganz gleichgültig, wo man selbst steht.

Aber wer sollte so etwas machen? Ich selbst mag auch nicht, dazu schätze ich das, was „Öffentlichkeit“ heißt, inzwischen zu wenig.

 

 

Samstag, 1. März 2014

Frühlingsanfang! Vor dem Fenster fluten Amsellieder die Dämmerung. Ein Jahr lang will ich den Veränderungen der Luft nachspüren, sie beschreiben und wieder in den Himmel geben.

2014-03-01-Schneefichten-Herzogenhorn***

Mein erster Schnee dieses Winters – zum Frühlingsanfang, auf einer Schneeschuhwanderung am Herzogenhorn, Südschwarzwald! Vielleicht ist es gut, mit etwas Absurdem zu beginnen.

Wellenschlag des Flugs
einer Krähe über den Schnee.
Die Fichten schweigen.

Herzogenhorn.
Windschiefe Gehölze, nachgezeichnet
vom Schnee.

 

 

 

 

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Aktuell 23.05.2014 auf www.Fluten-Log.de, Einrichtung 02.03.2014
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