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Fluten-Log
Volker Friebel

 

Jede Woche einen Text.

Wenn nicht anders angegeben, stammen die Beiträge aus der jeweiligen Kalender-Woche.

 

 

Woche 2017-06

 

Das Wasser der Wahrheit

 

„Liebes Murmel“, sagte ein Mann, der von der Universität hoch auf die Alm gestiegen war, „Jahr um Jahr schon forsche ich und andere neben und vor mir. Obwohl wir auch wirklich viel Wissen angehäuft haben und noch immer mehr anhäufen, scheint uns die Wahrheit immerfort zwischen den Fingern zu entgleiten. Nach so vielen Jahren des Forschens meine ich fast, ihr kein bisschen näher gekommen zu sein, obwohl ich so viel mehr als früher weiß.“

„Sei froh, dass du die Wahrheit nicht findest“, begann Mu. „Willst du wissen, was den Leuten passiert ist, die sie gefunden haben?“

Der Mann nickte und Mu erzählte seine Geschichte.

 

„Eines Sonntagvormittags vor langer, langer Zeit erschienen an der Unterseite einer Wolke feine Risse . Es knirschte und polterte. Dann öffnete sich plötzlich eine Falltür und ein mächtiger Schwall Wasser stürzte hinab auf die Erde. Das war aber das Wasser der einen endgültigen Wahrheit. Alles wurde patschnass. Die Leute warfen böse Blicke nach oben, aber die meisten schüttelten sich bloß und setzten dann ihren Sonntagsspaziergang fort. Auch die Wolke zog weiter. Die Sonne kam hinter ihr vor und trocknete den ganzen Schlammassel. Und bald war alles wie immer.

Aber nicht ganz.

Nach ein paar Tagen bemerkte der Apotheker zufällig, dass das Gras auf den Wiesen aufgehört hatte zu wachsen. Am nächsten Morgen besorgten sich alle Leute gleich Maßbänder, um nachzumessen – und richtig: Das Gras wuchs keinen Millimeter mehr.

Manchen war das egal, andere runzelten die Stirn. Aber niemand wusste etwas dazu zu sagen. ,Das ist dann eben die Wahrheit', meinte der Schnellste endlich und setzte ein weises Gesicht auf.

Die Leute gingen auseinander. Aber viele waren besorgt. Denn wenn die Wahrheit fest und unveränderlich ist, was sollte dann in einer Welt wie der ihren geschehen, in der viele Wesen lebten und es also viele Wahrheiten nebeneinander geben musste? Wenn kein Fließen mehr möglich war, mussten dann die erstarrten Wahrheiten einander bekämpfen? Und welche Wahrheit würde der Sieger sein?

Bald waren die Kühe so abgemagert, dass sie geschlachtet werden mussten. Das Gras war nämlich abgenagt und wuchs nicht mehr nach. Die Blumen wollten immer nur blühen. Kein Blütenblatt fiel mehr und die Preise für Obst kletterten schnell. Dann erstarrten die Vögel in ihrem Flug. Erst flogen sie wie durch eine immer zähere Luft. Sie keuchten, sie rackerten tüchtig. Und dann blieben sie ganz liegen, wie in einem angehaltenen Film. Der wahre Himmel hing reglos voll Federn.

Die Leute waren inzwischen nicht müßig geblieben. Manche hatten sich ertränkt. Andere waren ausgewandert, über den Rand der Erde hinaus. Wieder andere schlossen sich ein, um die Gelegenheit zu nutzen, endlich ihre Steuererklärung fertigzustellen. Die Verbliebenen aber hatten sich Spruchbänder und Fahnen gefertigt, die zeigten sie in einer langen Prozession, als die Wolke wieder einmal vorüberschwebte. Sie schwenkten ihre Fahnen, schrien recht laut und ließen Drachen steigen, sogar einen Ballon. Der stieß mit der Wolke zusammen.

Da erschienen wieder Risse an der Unterseite der Wolke. Die Leute zogen schon die Köpfe ein, aber es war keine Falltür, sondern ein Fenster. Jemand putzte von innen die Scheibe und sah zu ihnen hinab. Sie schrien im Chor ihre Sprüche, so laut sie konnten.

Zwei Augen sahen lange aus dem Fenster der Wolke. Dann trübte die Scheibe sich wieder. Die Wolke nahm Fahrt auf. Bald war sie hinter den Bergen verschwunden.

Die Leute warfen ihre Fahnen und Spruchbänder in den Fluss und zerstreuten sich. Jeder ging einsam nach Hause.

Am nächsten Morgen entdeckten sie, dass das Gras wieder wuchs. Junge Triebe zitterten im aufgekommenen Wind. Blütenblätter wehten über die Straßen. Die Wahrheit war von ihnen genommen.“

 

Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch (epub- und Kindle-Format).

 

 

Woche 2017-05

 

Aus: Am Quell der Donau

[...]

8

Festungen brechen. Die Herrscher planen
ein festeres Reich. Und da sich mit Wasser
nicht bauen lässt, aus Ersatzmaterialien,
aus Schaumstoff etwa, aus Gummi.
Tob nur. Es tröstet. Doch

die Hand, die sich ums Schwert schließt, ist nicht die Hand,
die um einen Knüppel fasst, der auf dem Bildschirm
ein Schwert kontrolliert,

das Lied, das du singst, ist nicht das Lied,
das dir aus Lautsprechern
in deine Ohren dröhnt,

du bist nicht du.

Enger werden die Augen der Menschen
je weiter sich ausdehnt ihr Reich.
Was sie anfassten, wurde zu Geld,
doch du siehst an der Brüstung, dass es von Anfang an
Schuldscheine waren.

Die Quelle ist rein.

 

9

Wo kommt dein Leben her, in jedem Moment?
Antworten sagen es nicht.

Es ist das Staunen,
das dich wach hält und offen.

Es ist die Demut,
die dem Himmel ermöglicht, dich zu durchwehen.

Es ist das Lied, das dich ins Strömen bringt,
das du bist und sein sollst.

[...]

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder

 

 

Woche 2017-04

 

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    Text und Foto: Dienstag, 24. Januar 2017, Mumbai, Indien

 

 

Woche 2017-03

 

Die Furtbereiter –
im Tempel Statuen geworden,
Schatten.

    Montag, 16. Januar 2017, Sravana Bealgola, Vindyagiri-Hill, Jaina-Heiligtum, Süd-Indien

 

 

Woche 2017-02

 

Strömen

Ein Morgen, erschaffen aus Vogelschreien,
weiße Wolken spiegeln im Fluss.
Die Liebste ist noch im Zelt geblieben,
ich sitze am Wasser
und spüre es strömen in mir.

Ein Eisvogel flog fort,
als ich kam. Der Fluss und der Himmel
blieben.

    Donnerstag, 12. Januar 2017, Thattekkad, Hornbill-Camp, Süd-Indien

 

 

Woche 2017-01

 

2017-01-04 07-39-07 0576 Meditierende Golf von Bengalen bei Chennai Indien 600x450 95%

 

Aus Lautsprechern Om.
Seminargäste meditieren
das Meer.

Manche sitzen auf Stühlen, zugewandt dem Golf von Bengalen. Andere haben sich im Lotossitz auf dem Sand niedergelassen. Die vordersten werden Welle um Welle bis zur Hüfte vom Meer überspült. An der Böschung vom Tagungshotel zum weitläufigen Strand zwischen Abfällen der Trost roter Windenblüten. Es ist ein weiterer Tag in der Katastrophe unserer Welt.

    Text und Foto: Mittwoch, 4. Januar 2017 bei Chennai, Süd-Indien

 

 

Woche 2016-52

 

Autobahn-Raststätte.
Dem Brausen lauschen – die Lider schwer
vom Reif.

    Auf der Fahrt von Tübingen nach Worms

 

 

Woche 2016-51

 

Vierzehntägig besucht der Bibliothekar die Sitzungen von Födelö. Im Nebenzimmer einer Gastwirtschaft haben sie sich nach einem Vortrag kennengelernt. Einen nicht eingetragenen Verein zum Gedeihen des Gemeinen Löwenzahns, Taraxacum officinale, zu gründen – in angeheiterter Runde war das ein Witz. Genügend Angehörige der Runde meinten später: ein guter. Nun finden die Treffen reihum bei den Mitgliedern statt, diesmal beim Bibliothekar. Auch Clara ist dabei, sie hat die Küche übernommen, Getränke und Imbiss.

„Wie verbessert man die Lebensbedingungen auf diesem Planeten? Was wäre wirklich nötig? Unbelastet von Verfahrenszwängen, Partei-Ideologien, nationalen Kon- oder Dissenzen, Wirtschaftswachstumserwartungen, privaten finanziellen Interessen, Seilschaftsgeklüngel und Hochrechnungen über die Auswirkungen bei den sehr, sehr, sehr allgemeinen Wahlen?“ Der Vortragende schaut in die Runde. Auch Clara hat sich dazugesellt. Auf ihr bleibt sein Blick ein klein wenig länger hängen.

„Was immer geschieht, es beeinflusst alles andere. Am Verhalten eines tanzenden Staubkorns erkennen wir, wenn unsere Messinstrumente nur fein genug sind, den Zustand der Welt. Wenn wir die Lebensbedingungen des Gemeinen Löwenzahns untersuchen, untersuchen wir die Lebensbedingungen des Menschen. Ich möchte heute einen Vortrag über das Wasser halten. Prosit!“ Er hebt sein Glas.

Der Vortrag zieht sich lang hin. Der Bibliothekar ist irgendwann aufgestanden und in die Küche gegangen. Clara folgt ihm.

„Spinnt der?“, fragt sie.

„Ich glaube nicht“, der Bibliothekar schaut nach dem Getränkevorrat.

„Er fordert den Sturz der Regierung wegen der Nitratbelastung des Löwenzahns!“

„Du hast doch gehört: Eines folgt aus dem anderen. Die Lebensbedingungen des Löwenzahns sind die des Menschen.“

„Dem Löwenzahn geht es prächtig.“

Der Bibliothekar hebt zwei Flaschen Mineralwasser aus der Kiste.

„Irgendeine bereits bedrohte Pflanzenart zu nehmen, wäre billig. Soll man erst handeln, wenn es zu spät ist? Auf die Keime von Entwicklungen einzuwirken, das ist der Weg zum Erfolg. Den Quellbach kannst du noch leiten, den Fluss kaum mehr.“

„Ihr seid nicht bei den Stadtwerken, oder?“

„Niemand ist bei den Stadtwerken“, sagt der Bibliothekar ruhig, „die bei den Stadtwerken auch nicht, nur auf deren Gehaltsliste – jedenfalls fehlt ihnen der weite Blick, und sie haben sowieso nicht die Macht, irgendetwas umzusetzen.“

„Aber ihr habt die!“

Jemand kommt in die Küche.

 

Am Abend des nächsten Tags ist Clara im Bad, als der Bibliothekar nach Hause kommt. Er schmiert sich eine Scheibe Brot und liest den Zettel, den sie ihm hingelegt hat:

„Mit der Politik gab ich mich nur so viel ab als nötig, um zu wissen, was ungefähr los war. [...] Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.“ (Wilhelm Busch, 1891)

Die Badtür geht auf. Der Bibliothekar küsst Clara auf die Wange. „Unbestritten“, sagt er dann und deutet auf den Zettel. „Weshalb machen wir wohl einen solchen Verein? Weil man sich mit Politik nicht beschäftigen kann – aber doch muss!“

Clara runzelt die Stirn.

„Wie war dein Tag?“

„Immer noch die Auseinandersetzung, ob wir expandieren sollen oder nicht“, berichtet Clara. „Wir könnten in Waiblingen ein Geschäft übernehmen.“

„Du bist dagegen?“ Der Bibliothekar rührt seinen Tee um.

„Ich bin nicht dafür“, sagt Clara. „Wenn ich mich aber offen dagegen ausspreche, werden sie mich kaum als Geschäftsführerin einsetzen, falls es doch dazu kommt.“

„Steinzeitjäger hatten auch so ihre Probleme.“ Der Bibliothekar nippt an seinem Tee.

„Vermutlich beim Bewässern von Löwenzahn.“

„Du verstehst das nicht“, sagt der Bibliothekar. „Diese passive Haltung, du siehst sie auf Schritt und Tritt beim Gang durch die Stadt, sie ist schlimmer als Pest und Cholera. Aber irgendetwas muss man doch tun!“

„Löwenzahngießen!“ Clara macht sich auch einen Tee.

„Wenn du überlegst, ist natürlich alles sinnlos“, antwortet der Bibliothekar. „Glaubst du vielleicht, die alemannische Landnahme vor anderthalb Jahrtausenden wäre besonders sauber durchgeplant gewesen? Oder die Herstellung der ersten Dampfmaschine? Oder die Entdeckung Amerikas? Der Sturm auf die Bastille? Die russische Revolution? An irgendeinem Zipfel musst du beginnen und dich um Sinn und Erfolgsaussichten nicht scheren! Und wenn es bei diesem Zipfel bleibt, dann hilft das zwar nicht, aber du hast wenigstens irgendetwas getan.“

„Die Straßen sind voll von Leuten, die irgendetwas tun“, meint Clara. „Ich wünschte, die blieben mal stehen!“

„Das wäre dann auch schon etwas“, bestätigt der Bibliothekar. „Aber es reichte nicht. Und was du von den Leuten überhaupt nicht erwarten kannst, ist, dass sie stehenbleiben. Eher beteiligen sie sich an irgendeiner Revolution.“

„Was du tun kannst, ist bei dir selbst“, sagt Clara. „Und in deiner unmittelbaren Umgebung. Politik, das ist doch vorbei, das ist vertan, schon vor langer Zeit.“

„Nun ja.“ Der Bibliothekar seufzt. „Und was machen wir heute Abend?“

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Woche 2016-50

 

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Woche 2016-49

 

Scherben

 

1

Das Ei im Nest unter Blättern,
ein Federleib wärmt, schützt vor dem Wind,
vor tropfendem Schnee.

So klein ist die Welt,
so rund und dunkel.

 

2

Stöße, Hiebe, die Schale zerbricht,
zwei Augen öffnen sich, lugen hinaus.

Die Weide. Schwalben sicheln den Himmel.
Autodröhnen. Ein Bus hält.

Vor dem Bahnhof schwenken Kameras
der Staatssicherheit. Sie ist schon hier.

 

3

Scherben, verstreut am Fluss.
Hinter Sonnengläsern entzündete Augen.
So viele Dinge um dich,
doch nichts davon ist dir eigen.
Was du hast, ist Atem zu holen“,
schrieb der Dichter. Aber der Himmel
genügt nicht.
Warum?

 

4

Das gekaufte Buch lässt du liegen,
drehst Wechselgeld in der Hand.
Eine Münze rollt übers Pflaster,
hinein in den Stoßverkehr, ist zwischen
Abgaswölkchen verschwunden.
Ein mechanisches Auge
dreht sich dir zu.

Wo enden die Funken der Drähte,
werden zu Bildern?

Nur Handlanger siehst du,
die Heimat von Schatten besetzt.

 

5

Dein Auge schaut – doch dein Herz
will leben, zu Hause sein.

Herrschaftsalleen, verwirrt und verstruppt.
Dein Herz blickt durch Gespenster hindurch.

Verwaltungsgebäude, Kreditinstitute,
verloren Gesichter in der Farbe Beton.

Nur immer wieder das Wasser,
nur am Wegrand die Blumen ...

 

6

Dein Blick schweift immer noch ab,
ins Surren der Kräne am Arbeitspalast,
ins Werbeplappern um gemeinsame Cocktails am Strand,
ins Rauschen ferner Blutströme, die ihren Weg
durch die Sperren noch suchen ...

Dornen am Busch.
Die Wirklichkeit ist aus Träumen gemacht.

Am Wegrand pfeift eine Amsel.
Du summst ein paar Töne dazu.

 

7

Veilchenkissen am Hang.
Das sind doch nicht nur Kulissen
für die Fernsehkameras und einen Politiker,
nicht nur Chiffren in deinem Gedicht.
Sie sind wahr.
Taste sie, riech!

Doch was ist Wahrheit?
Das Thema der Leitrede
auf einem futurologischen Kongress.
Ein Kaninchen tritt auf: „Entfällt wegen Erkrankung
des Publikums.“

 

8

Als gäbe es immer weitere Schalen.
Als stößest du durch Scherben dein Leben.

Der Horizont lockt –
aber einmal stehst du am Meer.

Das Wasser kommt übern Sand,
berührt deine Hände.

Spürst du die Kühle?
Spürst du das Ziehen des Salzes?

 

9

Im „Rossini“ am Hallenser Marktplatz.
Während ich auf das Essen warte,
tönt aus versteckten Boxen ein griechisches Lied.

Mein Blick durch die Fensterfront:
Tauben stolzieren auf grauem Pflaster.
Die Überwachungskamera

schwenkt zu einer liegen gebliebenen Feder.
Abbruchhäuser gähnen
um das beruhigte Zentrum der Stadt.

Wo du bist: Da gibt es nur Messer
und Gabel. Du gehst hinaus auf den Platz.
Aber die Feder ist fort.

 

10

Die Feder steckt im Hut einer Dame.
Die Taube flog fort, übers Meer.
Vielleicht ist sie auf dem Flug auch verdorben,
vielleicht ist sie in den Wellen gestorben.

 

11

Immer ist um dich der Horizont,
nie dringst du durch.

Ist es, weil du die Schuld deines Lebens
zurückzubezahlen hast an den Boden?

Ist es, weil er dich halten will, harmlos,
bis an dein Ende?

Ist es, weil das Licht den Himmel
nicht zu zeigen vermag?

 

12

Am Turm des Dichters.
Du sitzt auf einem Kahnbug.

Dein Fuß teilt treibendes Laub,
geht durch Wolken.

Hinter dem Kahn
beruhigen die Wirbel sich wieder.

Das Wasser ist kühl,
das Holz ist fest.

 

    Aus: Volker Friebel (2009): Nachricht von den Wolken. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Woche 2016-48

 

Bereiftes Gras. Dem Wind
die Stirn:
Novemberlämmer.

    Montag, 28. November 2016, Tübingen, Österberg

 

 

Woche 2016-47

 

Wünschelrute

Als Edda am Morgen erwachte, waren alle Farben im Zimmer verblasst. Sie seufzte und stieg langsam aus dem Bett. Sie zog die Gardine zurück und sah durch das Fenster in den Garten. Auch hier sah alles trüb und grau aus. Sogar der Gesang der Vögel klang stumpf und hohl. Edda seufzte noch einmal.

Das Frühstück schmeckte ihr nicht. Sie warf das Brot auf den Teller zurück. Der Vater sah sie an und fragte: „Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“ Edda antwortete erst gar nicht.

Onkel Martin, der seit ein paar Tagen zu Besuch war, sah sie an und sagte: „Wünschelrute. – Das ist ein altes Gedicht. Willst du es hören?“

„Nein“, sagte Edda.

„Ja“, sagte Mutter.

Und Onkel Martin sprach mit erhobener Stimme:

    „Schläft ein Lied in allen Dingen,
    Die da träumen fort und fort,
    Und die Welt hebt an zu singen,
    Triffst du nur das Zauberwort.“

„Das ist schön“, sagte Mutter.

„Das ist blöd“, sagte Edda.

„Das habe ich auch mal in der Schule gelernt“, sagte Vater.

Nach dem Frühstück war endlich frei. Edda ging in die Wiesen, um endlich niemanden sehen zu müssen.

Eigentlich hatte ihr das Gedicht gefallen. Mit einer Wünschelrute, das wusste sie, konnte man Wasser unter der Erde finden – oder Gold – oder sonst etwas Wertvolles. Was, das wusste sie nicht mehr genau. Einen Schatz jedenfalls.

Aber was hatte das mit einem Lied zu tun? Das auch noch in allen Dingen schläft?

„Schlüsselblumen“, sprach Edda vor sich hin und hüpfte einmal. Dieser Name hatte ihr schon immer gefallen. Oma hatte einmal gesagt, dass diese Blumen auch „Himmelsschlüssel“ heißen. Das gefiel ihr sogar noch besser.

Edda blieb stehen und hockte sich in die Wiese. Gräser und Blumen. Ein Marienkäfer, der gerade an einem Grashalm hochkletterte. Sie sah eine Weile zu. Eine Fliege summte ihr vor den Augen. Sie stand wieder auf.

Und hockte sich wieder hin. Und versuchte, an einer blauen Blume zu riechen. Und roch ihren süßen Duft.

Eine Schlüsselblume konnte das aber nicht sein. Die waren gelb, wusste Edda.

Sie hielt ein Ohr ganz dicht an die Blume, so dass sie den Kelch sogar einmal berührte – und zurückzuckte. Und es wieder versuchte.

Aber zu hören war nichts. Nur die Laute ringsum. Vom Gras, von den Vögeln, von einem Flugzeug am Himmel, sogar von ihren eigenen Kleidern, wenn sie sich bewegte. Und aus dem Wald etwas Fernes, vielleicht eine Motorsäge. Und von der Siedlung ein Auto.

Und von der Blume die Stille. Irgendwie wurden alle Laute schön, vor dieser Stille, ganz hinten in dieser Stille! Wie es in diese Stille einbrach. Ob die Stille das „Zauberwort“ aus dem Gedicht war? Obwohl sie eben gar kein Wort war, sondern bloß still?

Als Edda nach einer Weile aufstand, war ihr ein Fuß eingeschlafen. Die ersten Schritte hinkte sie noch, dann ging sie schneller, den Wiesenweg hinein in den Vogelgesang.

Die Farben ringsum waren alle kräftig geworden und schön. Und schön waren die Lieder der Vögel.

 

    Geschrieben Mittwoch, 28. September 2016; enthalten im eben erschienenen: Volker Friebel (2016): Das singende Kamel. Geschichten für Kinder über das, was wichtig ist. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch (epub-Format).

 

 

Woche 2016-46

 

55 – Gespräch auf dem Heimritt
Ort: Albenreich, Zeit: Abnehmender Mond

Die Mädchen ritten auf ihren Einhörnern zurück. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt überschritten, und die Ebene zog sich scheinbar noch länger hin als auf dem Herritt. Keine Lieder mehr, die Mädchen sannen vor sich hin, erst gegen Ende des Ritts sprachen sie wieder.

„Was hat der Drache im Schlosshof gemeint?“, fragte Iris. „Den ganzen Ritt geht es mir schon durch den Kopf.“ „Was gemeint?“, fragte Lucia zurück. „Na: ,Zwei Mädchen, eines schwarz und eines blond .. .‘ oder so. – Weißt du“, holte Iris dann ein bisschen weiter aus. „Das ging so leicht auf der Burg, aber dauernd habe ich das Gefühl gehabt, dass alles viel mehr bedeutet, als ich verstehe. Und – und das passt mir nicht. Es ist so ein Gefühl, herumgeschoben zu werden – Was also, um jetzt bloß das eine zu wissen, hat die Haarfarbe mit all dem zu tun?“

„Nichts, viel“, antwortete Lucia.

„Dass du nicht auch zur Sphinx werden willst!“, brauste Iris auf. „Ich meine, das ist doch ungerecht! Für meine Haarfarbe kann ich doch nichts!“

„Und für dein Herz?“, fragte Lucia leise. „Kannst du etwas für dein Herz?“

„Nun, eigentlich auch nicht“, gab Iris nach einigem Überlegen zu. „Mein Herz ist eben – da. Aber das ist doch etwas anderes. Das eine ist äußerlich und das andere innen, und ...“

„Ich will dir eine Geschichte erzählen“, begann Lucia in das Schweigen nach dem abgebrochenen Satz von Iris. „Die Geschichte über einen Jungen, ein Albe war es, der durch Zufall in eine ganz große Sache geraten ist. Er wurde in ein anderes Land verschlagen, wo er niemanden kannte, und wurde dort in wirklich wichtige Dinge hineingezogen. Da ging es um Macht, viel Macht. Und er war eben einfach auf der einen Seite gelandet. Von der anderen Seite wusste er nichts, nur dass es die falsche sein sollte. Er kämpfte für die Leute, bei denen er zufällig gelandet war, und auf dem Höhepunkt des Kampfes erkannte er, dass er auf der falschen Seite stand.

Der Junge wendete mitten im Kampf, völlig unbeirrt um Freundschaft oder Verbindlichkeiten, völlig unbeirrt, ob ihn jemand als Verräter bezeichnen könnte oder nicht. Er erkannte, dass er für die falsche Sache gekämpft hatte und wandte sich ganz einfach um. Aber das tat er nicht etwa aus Klugheit. So besonders klug hatte er sich bis dahin gar nicht angestellt. Aber jetzt hatte er das Unrecht durchschaut und wendete einfach. Er war nicht bereit, eine gemeine Sache durchzuziehen, bloß weil die Leute ihn ansonsten etwa schief anschauen könnten.

So machen es aber die meisten, die ,ziehen es durch‘, auch wenn sie wissen, dass sie im Unrecht sind , weil sie ansonsten offen zugeben müssten, bisher im Unrecht gewesen zu sein, oder weil sie ihre bisherigen Freunde sonst enttäuschen oder gar verraten müssten. Die ,ziehen es durch‘ und belügen die anderen – und sich selbst.

Dieser Alben-Junge aber hat keinem vorgetäuscht, sich nicht irren zu können. Er war ein Held wie nur irgendeiner. Und gar nicht wegen seinem tapferen Kampf, sondern wegen seiner Wendung im Kampf. Die trug ihn über Tausende einfach bloß tapferer Männer hinaus.“

Lucia schwieg eine Mondwolke lang. Dann fuhr sie fort: „Die Menschen sind viel klüger als sie meinen. ,Irrtum ist Feigheit‘ hat einmal einer eurer Weisen geschrieben. Nicht etwa ,Irrtum ist Dummheit‘, nein: ,Feigheit‘ schrieb er! Denn die Menschen irren in ihren schlechten Taten viel weniger als dass sie in ihnen lügen, und zwar als sie lügen eben aus Feigheit. In schlechte Verhältnisse geraten, führen sie die fort, achten sie darauf, was ihre Umgebung sagt oder meint oder meinen könnte, statt auf ihr Herz .“

„Und wer auf sein Herz hört, der ist nicht feige?“, fragte Iris. „Der ist – mutig? Ist es mutig, auf sein Herz zu hören? Aber das Herz kann irren! Und was ist das Gegenteil von feige?“

Lucia antwortete: „Das Gegenteil – es gibt immer mehr als ein Gegenteil. Und die Dinge lassen sich nicht so trennen: hier Feigheit, dort ihr Gegenteil, oder ihre Gegenteile. Aber gut: Mut ist ein Gegenteil, ja. Aber mehr noch hat Ehre mit dem eigenen Herzen zu tun.“

„Na“, protestierte Iris, „Ehre ... Was soll daran gut sein? Die ,ehrenwerte Gesellschaft‘ ist die Mafia!“

„Wer nur nach außen hin als Mensch von Ehre erscheinen will, ist bloß eitel. – Ehre“, Lucia sah Iris traurig an, „Ehre ist verschwunden aus deiner Welt. Ehre ist so sehr verschwunden, dass es nicht einmal ein richtiges Wort mehr für sie gibt. Weil das Wort selbst verdorben ist und nicht mehr sagen kann, was es sagen will. Und deshalb gibt es bei euch auch keine Helden mehr. Mutige Leute, ja, sicher. Aber Mut allein ist zu wenig. Mut braucht man, um sich einer Gemeinheit zu widersetzen. Doch jemand, der eine Gemeinheit begeht, kann auch sehr mutig sein. Aber er muss keine Ehre haben. Ein Gegenteil von ehrenvoll ist gemein.“

 

    Aus: Volker Friebel (2015): Mondsteine. Die Geschichte von Iris und Konradin. Eine Erzählung aus den Mond-Chroniken. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.

 

 

Woche 2016-45

 

Erster Schnee.
Zwischen fallenden Kristallen
wird alles klar.

 

Erster Schnee stiebt.
Lautlos
der Spatzenflug.

 

    Beide Texte sind vom Dienstag, dem 8. November 2016, zugefallen auf dem Weg ins Dorf.

 

 

Woche 2016-44

 

Weshalb bin ich so gern unterwegs? Weil im Alltag das Leben verkrustet. Sich aufzumachen, ist eine Entschlackungskur. Wie viel meiner Zeit verbringe ich vor einem Schirm und in den Untiefen einer Welt aus zweiter Hand! Hinauszugehen und hinter Bildschirm und Büchern die wirkliche Welt zu sehen und zu spüren, die Normalität der Wolken, der Berge, der Vögel und Blumen, das unmittelbar-wirkliche Leid, das unmittelbar-wirkliche Glück ...

In meinem Arbeitszimmer hängt ein Zitat: „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung,  – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden.  – Das Sitzfleisch  – ich sagte es schon einmal  – die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.  –“ (Friedrich Nietzsche, in seiner allerdings ‚verrückten‘ Autobiografie.)

Das Wohin ist fast gleichgültig. Es ist das Gehen selbst, die Verbindung des Atems mit dem offenen Himmel, die Berührung von Haut und Wind, die Empfindung des Bodens beim Aufsetzen der Füße mitten in der flutenden Kraft unserer Sonne. Je schmaler der Weg, umso besser.

Manche sind immer dort. Manche pendeln hin und her. Wer immer unterwegs ist, dem wird die Hauslosigkeit sein Haus. Mir selbst ist eben die Bewegung zwischen den Zuständen das Wichtige, der Bewegung wegen, mehr aber noch, um die Zustände von außen betrachten zu können und nicht, um sich aus dem Gehen einen neuen zu machen.

Wir erinnern nicht Jahre, sondern Momente. Ich habe mich deshalb entschlossen, meine Notizen nicht zu umfassenden Reiseberichten oder Romanen auszuarbeiten, sondern so zu schreiben, wie sich Gefährten einander erzählen.

Wenn Menschen einen Berg betrachten, erlebt jeder ihn anders und wird ihn anders beschreiben. Wir leben in einer gemeinsamen Welt, doch jeder dichtet sie sich anders zurecht. Mich hat diese Verschiedenheit immer gefreut – und gefreut auch, wie sie wieder in ein Gemeinsames mündet und jeden bereichert, wenn wir unsere Geschichten teilen.

 

    Aus dem Vorwort von: Volker Friebel (2015): Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.

 

 

Woche 2016-43

 

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Altersarmut.
Ich tauche durch Lettern
in die Tiefe ...

Altersarmut.
Ich tauche durch Lettern
in die Tiefe des Blaus ...

Altersarmut.
Ich tauche durch Lettern
auf den Himmelsgrund.

    Text und Foto vom Mittwoch, 26. Oktober 2016, vom Äpfellesen bei Tübingen-Hirschau.

 

Manchmal passt alles von Anfang an perfekt zusammen – und hier eben nicht. De Idee von unterwegs kommt mir immer noch gut vor. Aber keines meiner vielen Fotos taugt richtig, die Schrift stimmt nicht, ich kann mich nicht zwischen den Versionen des Textes entscheiden. An dieser Stelle heißt es entweder: Ablegen, zu viel überlegt, zu intellektuell, lass es vermodern. Oder: Die Arbeit beginnt ...

 

 

Woche 2016-42

 

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Foto vom Samstag, 22. Oktober 2016 aus dem Haiku-Treffen im Kloster Kirchberg.

 

 

Woche 2016-41

 

Quellen des Himmels

Quellen des Himmels, der Erde ...
Strömen ...
Der Waldbach ist offen –

auch das falbe Blatt da am Ufer,
vergehend
zeigt es sich ganz.

Erinnerst die Rose du?
Im Stadtpark,
unbegreiflich ihr Blühen, Verblühen.

Bienen summen.
Menschen gehen achtlos
vorbei.

 

    Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

Woche 2016-40

 

Dass letztlich auch die Sprache gerade an das Wesentliche nur so schwer heranzureichen scheint, dass auch sie in die Irre führt. Nehmen wir bloß als Beispiel diese Betonwand der Straßenunterführung und ihr aufgesprühtes: „I love you“. Nehmen wir eine Musiksendung im Fernsehen oder im Radio, über tiefe Gefühle und Tränen – in einer Fremdsprache. Wir schauen einander nicht an.

Was heißt eigentlich „Kitsch“? Vielleicht dass die Gefühle tief sind, andere Menschen sie aber auch schon hatten. Und deshalb weichen wir aus, in eine Fremdsprache, weil da wenigstens die Sprache für uns neu ist. Weil alles ein bisschen verfremdet ist und nicht gar so „dumm“ klingt. Weil Masken weniger leicht verletzt werden können, als diese bloße Haut der eigenen zitternden Sprache.

Aber vielleicht sind es einfach nur wir, nicht die Worte, die an das Wesentliche nicht heranreichen – weil wir uns nicht dazu trauen. Vielleicht ist es dieses Netz von Beziehungen, das Netz der „Gesellschaft“ also doch wohl, das dieses Wesentliche nicht trägt.

Wie wäre es denn überhaupt vorstellbar, dass dieses Netz, diese „Kultur“, so etwas Leichtes wie die Seele zu tragen imstande wäre? Oder gar die Liebe? Oder den Himmel?

Masken, Masken, schnitz neue Masken!

(Oder heißt Kitsch, dass die Gefühle eigentlich tief wären, die Maske dazu aber Massenanfertigung, Sonderangebot ist, gefertigt nur aus der Berechnung des Geldes?)

Dabei ist keine Zeit zu verlieren mit Masken und Nichtigkeiten, an der Kante der Welt.

Es ist dieser Atemzug, den Sie tun, gerade der, der – warum vergeuden Sie ihn für Staubwischen, für Ermahnungen an die Kinder oder die Katze? Oder das Blättern der Seiten? Oder noch ein „Vielleicht“? Eigentlich sollten Sie immer nur tanzen. Oder meditieren, vor einer weißen Wand.

Wieso versagen wir fortwährend?

Weil das alle tun?

Weil das alle immer getan haben?

Weil wir nur diesen einen Weg wissen, da, auf dem Teppich, im Kreis?

Weil wir denken, dass niemand einen geraden Weg weiß? (Ich weiß ihn allerdings auch nicht.)

Weil wir andere Wege uns denken könnten, aber nicht so gut beheizte, bequeme, wie auf dem Teppich daheim?

Weil der Spatz in der Hand besser ist als auf dem Dach die gurrende Taube?

Weil wir uns fragen, was einem Menschen eine gurrende Taube eigentlich soll?

Weil letztlich eben nichts wirklich wichtig sein kann, das zeigt schon seine Umtauschbarkeit in Geld?

Außer den Kindern natürlich, natürlich, die aber, so wie sie größer werden, auch einschwenken und fortfahren eben mit dem, was wir schon tun, mit dem Ausweichen, mit dem Ausstreichen der Tiefe der Welt.

Auf dem Teppich bleiben, auf dem Teppich bleiben! Andere, sagen wir: Spinner, fliegen auf dem Teppich davon.

 

    Freitag, 1. Juli 2005, aus einem liegen gebliebenen Buch über Sprache und Dichtung

 

 

Woche 2016-39

 

Rieselndes Laub –
ein Pfad nimmt
meine Schritte auf.

 

Wald-Stille.
Auf meinem Pfad der Glanz
nasser Blätter.

 

    Sonntag, 02.10.2016, Schönbuch bei Tübingen-WHO, Sandwald, vormittags

 

 

Woche 2016-38

 

„Mein Leben lang war ich ein Herumtreiber und habe viel erlebt und gelernt. Nun bin ich alt geworden – aber auch weise? Nein. Kann ich das irgendwie nachholen?“, fragte ein grauhaariger Wanderer.

„Besser nicht“, entgegnete Mu dem Alten. „Im Alter sollte man lieber nicht weise sein. Das schickt sich eher für die Jugend, wo es auch nötiger ist.“

Und Mu streckte seine Zunge heraus.

Der Greis lachte und zeigte ihm seine.

 

    Aus: Volker Friebel (2013): Murmel Mu – Aus den Weisheiten eines Murmeltiers. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch (epub- und Kindle-Format).

 

 

Woche 2016-37

 

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    Text und Foto: Mo. 12.09.2016, Jakobsweg Spanien, in Noja, mittags.

 

 

Woche 2016-36

 

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    Text und Foto: Di. 06.09.2016, Jakobsweg spanisches Baskenland, morgens am Kloster Zenarruza .

 

 

Woche 2016-35

 

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Geduldig suche ich die gefallenen Maronenkugeln auf dem Weg ab, nach der einen, die sich schon selbst geöffnet hat.

    Texte und Foto: Do. 01.09.2016, Jakobsweg spanisches Baskenland, Wanderung Irun – San Sebastian, morgens.

 

 

Woche 2016-34

 

Lichtstrahlen fallen schräg über die Wand des Barlach-Ateliers, Güstrow, erleuchten einen Streifen der Wand, fallen aus einem Fenster über den Skulpturen, scheinen zu stehen an dieser Wand, ewig zu stehen, hinter Plastiken aus atmender Vergangenheit.

Eine Klimaanlage brummt zum Schutz der Kunstwerke. Draußen wütet die Sommersonne.

Wir sind vertieft in die Falten der Zeit, die mehr über das Leben aussagen könnten, als das Autorauschen der Straße, auf der wir herkamen, mehr als das Rauschen des Windes in den immer neuen Werken des Laubs, vielleicht sogar mehr als dieses Licht.

 

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Do. 25.08.2016, Güstrow. Das Foto und die Prosa sind aus dem Barlach-Atelier, das Haiku aus dem Dom St. Maria.

 

 

Woche 2016-33

 

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Text und Foto vom Dienstag, 16. August 2016, Zingst (Ostsee).

 

 

Woche 2016-32

 

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Text und Foto vom Mittwoch, 10. August 2016, Tübingen.

 

 

Woche 2016-31

 

15. Brief: Olympia und das IOC

 

International Olympic Committee (IOC)
Lausanne

 

An den Präsidenten des Komitees,

immer mehr Sportarten drängen zu olympischem Glanz. Nächstens müssen Sie noch über einen Antrag zur Aufnahme des Weitspuckens als olympische Disziplin entscheiden.

Geht es den Spielen gut? Finanziell ja. Und auch in der Breitenwirkung. Aber was ist mit der Tiefe, mit ihrer spirituellen Dimension?

Ich schlage einen Pilgergang vor, barfuß, zu den heiligen Stätten Olympias, zur Rückbesinnung am Ort , wo der Altar von Rhea stand.

Einst war da nicht viel. Ein Laufwettbewerb, ohne Zeitmesser, denn das Göttliche hat keine Zeit, es ist immer. Daneben nur Flötenspiel. Dem Sieger, nur ihm, einen Kranz aus Olivenzweigen! Ein Fest für die Erscheinung des Göttlichen im Leben der Menschen.

Wo soll es sonst sein? Was können wir Menschen ihm entgegen bringen, wie können wir es anrufen, wenn nicht mit dem Besten an Kraft und Kunst, das wir haben?

Das Göttliche ist überall, aber es zeigt sich uns im Besonderen. Das das Einfache sein kann, wenn wir ganz bei ihm sind: Ein langgezogener Flötenton, der Lauf freier Männer durch das Stadion.

Ich sehe einen langen Zug der Funktionäre in der flirrenden Sonne Griechenlands. Schwarze Kutten, Kapuzen, Tränen sehe ich und Blut auf den Steinen, Staub, Schweiß, aber dann, vielleicht, im Anblick der Stätten dieses Besondere, von dem niemand weiß, was es ist, und dass es Sie, im Abseits der Medien und Werbegelder, dort überfällt.

Ich würde mitkommen.

    Scardanelli

 

PS: ,Dabei sein ist alles.‘ Was bedeutet ,dabei sein‘? Bitte, bitte, schalten Sie die Kameras ab!

 

 

Nachschrieb
nicht abgeschickt

 

International Olympic Committee (IOC)
Lausanne

 

Liebe Funktionäre,

noch habe ich keine Antwort auf meinen ersten Brief und sende doch, zögernd, einen zweiten.

Es ist die Schwierigkeit, sich zwischen Anspruch und Verhältnissen zu entscheiden. Meist läuft es auf ein Lavieren hinaus. Ist es nicht gut, diesen Rahmen zu bieten, in der eben so existenten Welt? Die Menschen müssen ihn sich selbst mit Inhalt füllen. Der Rahmen aber verankert sich ganz in der Welt.

Bitte verbrennen Sie meinen ersten Brief. Ich stelle hiermit stattdessen den Antrag zur Aufnahme des freien Wanderns als olympische Disziplin. Sieger soll der sein, der auf einer beliebigen Wanderung seit Ende der letzten Olympiade die bedeutendste spirituelle Erfahrung zu berichten weiß. Beurteilt werden soll nach Kategorien von Erschütterung und Tiefe.

 

    Aus: Volker Friebel (2015): 17 Briefe an die real existierende Welt. Der Bibliothekar. Tübingen: Edition Blaue Felder. Papierbuch und eBuch. Original geschrieben und verschickt im Sommer 2010.

 

 

Woche 2016-30

 

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Text und Foto: Mittwoch, 27. Juli 2016 Würmtal bei Holzgerlingen.

 

 

Woche 2016-29

 

Aus Fugen

 

[...]

3

Geschwisternschaft zwischen den Gräsern
und dir, und den Schmetterlingen –
demselben Samen sind wir entsprungen,
so können wir den andern erkennen,
denn etwas von ihm ist in uns.

Doch während du kniest,
vor dem Wunder des Lebens, stempelt das Parteibüro
alle Bäume.

Während du im Widerhall die Stimmen
des Waldes hörst, hört es das Klingeln
möglichen Geldes.

Während du im Widerhall dich selbst erkennst,
lehrt es, dass man mit Fliegen Fische fängt,
mit Kreditkarten Menschen.

 

4

Alles verwandelt das Büro in Geld:
Liebe, Sorge, Freude, Tanz, um es besteuern zu können,
und zu reden dann von „Gerechtigkeit“.

Weil die Welt gerecht ist,
wenn auch dein Atemzug vorgeschrieben wird,
verwaltet, maßgeregelt,

abgestempelt und steuerlich veranlagt,
und sein „Mehrwert“ aufgeteilt,
vergossen über die Menge.

Die Liebe will nicht kämpfen, sie will sich entziehen.
Sie ist ausgewandert
und wohnt nun im Staate Owdnegrin,

hinter den sieben Bergen,
weit hinter dem Regenbogen jener Gerechtigkeit,
den das Büro an seinen Himmel malt.

 

5

Der Ekel kämpft nicht, er wendet,
wie die Liebe, sich ab. Was kämpfen könnte,
ist alleine der Zorn.

Was kämpfen könnte, ist alleine der Blick,
der in den Wolken geruht hat, und nun heimkehrt,
in ein schwer befestigtes Land.

[...]

 

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder

 

 

 

Woche 2016-28

 

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Text und Foto: Montag, 11. Juli 2016 bei Waldstetten.

 

 

Woche 2016-27

 

Heute beginnt eine Fahrradfahrt an den Quell des Neckars und weiter, zum Quell der Donau. Da war ich schon.


Am Quell der Donau

[...]

11

Alles Mühen der Ahnen, ihr Scheitern,
erneutes Mühen, zurückgenommen sind ihre Falten,
und glattgestrichen, im Gesicht dieses Neugeborenen,
das seine Augen nun öffnet,
und schaut. Bald wird es lächeln,
ins Unbekannte.

Die alte Frau blickt es an,
wiegt das Kind in der Beuge des Arms.
Am Quell der Donau.


12

Alle Ströme entspringen im Himmel,
in dem sie enden.

 

    Aus: Volker Friebel (2010): Zonen der Kampfjets. Gedichte und Haiku. Tübingen: Edition Blaue Felder

 

 

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